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Prostitution Erstes "Sex-Drive-In" der Schweiz in Zürich

, Zürich und Köln


Mit Auto rein, mit Auto wieder raus: Die Sex-Boxen in Zürich.

Mit Auto rein, mit Auto wieder raus: Die Sex-Boxen in Zürich.

(Keystone)

Die Wirtschaftsmetropole der Schweiz will die Strassen-Prostitution aus ihrem Stadtzentrum verbannen. Deshalb eröffnet in Zürich Altstetten ein Park seine Tore, wo Prostituierte ihre Dienste in so genannten Verrichtungsboxen anbieten können. Ein Modell, das sich in Deutschland bereits bewährt hat.

In Zürich gibt es "les filles du Limmatquai", die Mädchen vom Limmatquai aus dem Song von Stephan Eicher, die man "regarder mais pas toucher", anschauen, aber nicht berühren darf. Und dann gibt es die Mädchen vom Sihlquai, die sich für Geld auch mehr als nur anschauen lassen. An jener Strasse hatte der Strassenstrich während Jahren seinen Standplatz.

Die knapp bekleideten Damen, manchmal traurig, manchmal aufsehenerregend, sorgen für Zündstoff. Für die Anwohnerinnen und Anwohner ist die Situation oft unhaltbar: Abfall und Störungen gehören mehr oder weniger zu ihrem Alltag. Doch auch die Prostituierten selber leiden häufig. Man hört auch in Zürich von zahlreichen Fällen von Menschenhandel, Zwangsprostitution und schwerem Missbrauch.

Die Zürcher Strategie

In der Schweiz ist die Prostitution legal und wie jede andere wirtschaftliche Tätigkeit der Steuer unterworfen.

Verschiedene Kantone und Städte hingegen haben spezifische Regeln eingeführt. So ist die Eröffnung eines "Parks" für Prostitution in Zürich lediglich ein Element der Gesamtstrategie der Stadt, die illegale Prostitution zu bekämpfen.

- Die Zahl der Strassen, wo Prostitution erlaubt ist, wurde drastisch eingeschränkt

- Seit Juli 2012 kann die Polizei Freier büssen, wenn diese sich an Orten aufhalten, wo die Prostitution verboten ist

- Seit Januar 2013 braucht es eine Bewilligung für den Strassenstrich oder den neuen "Park". Bedingungen: Mindestalter 18 Jahre und im Besitz einer Krankenversicherten-Karte. Zudem muss ein "Tagesticket" für 5 Franken an einem Automaten bezogen werden. Dafür erhalten die Prostituierten Zugang zu Pflegeangeboten und können auf ein sichereres Umfeld zählen.

- Ab 2014 brauchen Salons eine obligatorische Bewilligung.

- Es wird eine 15-köpfige Kommission geschaffen, aus Stadt- und Kantonsregierung, Nichtregierungs-Organisationen, Salons und Quartierverbänden, welche die Regierung in diesem Bereich beraten soll.

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Nun will die Stadt der Gewalt und den Nachtruhestörungen ab dem 26. August einen Riegel schieben. Und dies mit einer spektakulären Massnahme, die im März 2012 von 53 Prozent des Zürcher Stimmvolks angenommen wurde.

Die Gemeinde Zürich eröffnet im Westen der Stadt eine Zone, die exklusiv für Prostituierte und ihre Freier reserviert sein wird. Dieses "Sex-Drive-In" – so genannt, weil es für motorisierte Kunden vorgesehen ist – ist eine Premiere in der Schweiz. In den insgesamt neun Garagen, "Verrichtungsboxen" genannt, können täglich zwischen 40 und 60 Prostituierte ihrer Arbeit nachgehen.

Inspirationsquelle Köln

Zürich hat sich dabei weitgehend von Köln inspirieren lassen. Die deutsche Grossstadt (1 Million Einwohnerinnen und Einwohner) hatte sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert gesehen. Die Bevölkerung hatte die Nase voll von den ständigen Störungen und der Gewalt. Bereits 2001 eröffnete sie in einer Industriezone an der Geestemünder Strasse, 14 Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, einen Platz für die Prostitution.

Köln war eine deutsche Premiere, die sich am holländischen Modell, besonders an Utrecht, orientierte. Essen folgte dem Kölner Beispiel. Andere Städte hingegen – Dortmund, Amsterdam und Rotterdam – haben sich an der Idee die Zähne ausgebissen und mussten solche Infrastrukturen wieder schliessen.

"Die Kontrolle ist ein zentrales Element", sagt Michael Herzig, Chef des Zürcher Projekts. Er hat sich mehrmals in Köln umgesehen. "Wenn die Zuständigkeiten nicht klar sind und die Kontrolle ungenügend, besetzen die Zuhälter das Terrain sehr rasch", erklärt er.

Prostitution in Zürich

Es wird geschätzt, dass in Zürich von den 1200 registrierten Prostituierten etwa 100 auf der Strasse arbeiten.

Die Anzahl der Anzeigen wegen illegal ausgeübter Prostitution haben seit 2007 zugenommen (Fälle pro Jahr):

2007: 403

2008: 263

2009: 368

2010: 755

2011: 602

2012: 540

(Quelle: Jahresberichte Stadtpolizei Zürich)

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Sicherheit nicht garantiert

"Man kann viel kontrollieren, aber nicht alles", relativiert Sabine Reichert vom Kölner Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Ihre Organisation bietet seit Jahren Hilfsprogramme für Benachteiligte an. "Wir müssen den Frauen – die aus allen, aber besonders häufig aus benachteiligten sozialen Schichten stammen – erklären, dass ihre Sicherheit in den Boxen nicht hundertprozentig garantiert ist."

Auch die Arbeit der Sozialarbeitenden müsse sich anpassen. "Viele Frauen trinken oder dröhnen sich mit Drogen zu, um ihren Job auszuhalten. Einige haben Psychosen. Andere aber scheinen ein normales Leben zu führen und holen Ende Nachmittag ihre Kinder von der Schule ab", so Reichert.

"Während einige Prostituierte ein voll eingerichtetes Zimmer brauchen, ziehen andere die Freiheit der Geestemünder Strasse vor: Sie müssen keine Miete zahlen und sich nicht den Befehlen eines Salonbesitzers beugen", erklärt sie. "Das ist bei den Freiern genau gleich. Einige brauchen eine gewisse Umgebung, andere nicht."

Löcher in den Plastikplanen

Ausser den Öffnungszeiten (12.00 bis 02.00 Uhr in Köln, 19.00 bis 05.00 Uhr in Zürich) wird das neue Schweizer "Drive-In" genau gleich wie sein deutsches Vorbild funktionieren. In beiden Fällen führt eine Strasse im Kreis vor einer Art von Unterkünften vorbei, vor denen die Frauen auf ihre Kunden warten.

Wären in Köln nicht die wieder zugestopften Löcher in den Plastikplanen um das Gelände – Schaulustige versuchten zu sehen, was innerhalb des Parks geschah –, wähnte man sich in einem ganz "normalen" Wald. Die Verrichtungsboxen befinden sich in einer alten Scheune. Die Toiletten sind in einem traurigen Zustand. "Weil immer alles gestohlen wurde, haben wir das Material nicht mehr systematisch ersetzt", seufzt Sabine Reichert.

Beispiel Köln

Die deutsche Rheinmetropole hat im Oktober 2001 einen Platz für Prostitution an der Geestemünder Strasse eröffnet. Die Behörden sprechen von einen Erfolg, aus folgenden Gründen:

- Der Strassenstrich ist aus dem Stadtzentrum verschwunden. Er existiert noch im Süden der Stadt, einem weiteren "heissen" Punkt.

- Im Park ist es zu keinen Gewalttätigkeiten gekommen. Die Polizei führt regelmässig Kontrollen durch, namentlich, um Drogenhändler und Zuhälter vom Zugang zum Park abzuhalten.

- Der Umstand, dass sich die Institutionen um ihren Schutz bemühen, hat die Beziehungen zwischen den Prostituierten und den Behörden gelockert. Es wurde möglich, die Frauen in Unterstützungs-Programme und in die Prävention gegen Geschlechtskrankheiten zu integrieren.

- Der allgemeine Gesundheitszustand vieler Frauen und ihre Einkünfte haben sich verbessert.

Laut dem Bericht hat die Regulierung der Sexarbeit aber auch ihre Grenzen:

- Gewisse Frauen ziehen die Anonymität dem Schutz in einer geschlossenen Anlage vor.

- Die Konkurrenz unter Prostituierten in einer geschützten Zone kann ein Nachteil sein.

- Die Frage, welche Frauen Zugang zur Anlage Geestemünder Strasse erhalten sollen, ist eine ständige Herausforderung. Im Moment ist der "Park" hauptsächlich für Einheimische und vor langer Zeit Eingewanderte zugänglich.

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In Zürich ist noch alles neu. Sogar die zahlreichen Abfalleimer glänzen. Die Garagen, wo die Autos parkiert werden sollen, werden mit farbigen Neonlichtern beleuchtet. Pflanzen wurden erst kürzlich gesetzt und müssen noch wachsen.

"Wenn man mich als Perfektionisten bezeichnet, weil ich versuchen will, dass das Arbeitsumfeld der Prostituierten nicht absolut trübselig wird, dann bin ich gerne ein Perfektionist", sagt Projektleiter Michael Herzig.

Der Dreh- und Angelpunkt beider Strukturen aber sind die Sozialarbeiterinnen, die täglich vor Ort sind. In Altstetten haben Ursula Kocher und die Frauenberatung Flora Dora von der Stadt Zürich ihr Quartier in sanierten Containern aufgeschlagen.

Dort können sich die Prostituierten umziehen, duschen, ausruhen und beraten lassen. Auch eine kleine Küche steht zur Verfügung. Zudem bietet Flora Dora den Frauen Selbstverteidigungs-Kurse an, auch in Autos. Einmal in der Woche gibt es eine Arztvisite.

Kommen die Freier, kommen sie nicht?

Kocher ist vom Erfolg des Zürcher Projekts überzeugt. "Eine Mehrheit der Sexarbeiterinnen wird hierhin zügeln", glaubt sie. "Wir sprechen bereits seit langer Zeit mit ihnen darüber. Sie wollen nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Und sie werden hier viele Vorteile haben."

Köln hat diesen "Transfer" geschafft, auch wenn die Distanz zwischen dem alten und dem neuen Platz sogar viel grösser war als in Zürich. Am Anfang hätten sich aber einige Prostituierte über die Distanz beschwert.

Die Stadt Zürich hat versucht, an alles zu denken. So wird eine Monitoring-Gruppe den Anwohnern die Möglichkeit geben, Beschwerden anzubringen; die Zuteilung in der Zone soll mit Schildern eines roten Regenschirms geregelt werden – einem in Osteuropa gebräuchlichen Symbol für käuflichen Sex.

Schliesslich wird am 24. August ein Tag der offenen Tür für die Bevölkerung veranstaltet, denn "wir wollen nichts verstecken", wie Stadtrat Martin Waser sagt. "Die Bevölkerung hat ein Recht darauf, zu wissen, wie es hier aussieht", so der Vorsteher des Sozialdepartements der Stadt Zürich.

Die grosse Frage ist, ob die Freier den Ort akzeptieren werden. In Köln sind sie den Frauen gefolgt. Doch weshalb hat man den Zugang auf Kunden mit Autos beschränkt? "Sie sind unsere erste Zielgruppe, weil wir die Prostitution vom Sihlquai wegbringen wollen", sagt Herzig. "Nicht motorisierte Freier können in Salons und spezialisierte Bars gehen."


(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch


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