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Radio hilft beim Wiederaufbau der Zivilgesellschaft

Bei Seifenopern zum Beispiel kommen oft Schauspieler zum Zuge.

(swissinfo.ch)

Die Zerstörung der Zivilgesellschaft in vielen armen Gegenden des Landes ist laut Experten ein Erbe der südafrikanischen Apartheid-Politik.

Gemeinderadios sind in dieser Situation ein wirksames Medium, um den Stolz und den Verantwortungssinn der Bürger in den Townships wieder herzustellen.

"Zahlreiche Aspekte der Zivilgesellschaft, die in demokratischen Gesellschaften als selbstverständlich angesehen werden – zum Beispiel Zusammenarbeit und Altruismus – fehlen heute in vielen Gebieten Südafrikas gänzlich", sagt John van Zyl, der Leiter des Radio Produktions- und Ausbildungszentrums ABC Ulwazi.

"Es ist schwer, auf die eigene Gemeinschaft stolz zu sein, wenn krasse Armut, Kriminalität und Arbeitslosigkeit den Alltag bestimmen. Wir glauben aber, dass Gemeinderadios einen wichtigen Beitrag zur Selbstheilung der Zivilgesellschaft leisten können”, fügt er hinzu.

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Von Johannesburg aus versorgt ABC Ulwazi rund 80 der 102 Gemeinderadios in Südafrika mit massgefertigten Programmen und Ausbildungskursen.

Die Programme befassen sich mit wichtigen Themen aus dem Alltag - von häuslicher Gewalt und Erziehung bis hin zu Menschenrechten und Fragen der Wasserkonservierung - und werden von Radiosendern in armen Gegenden im ganzen Land ausgestrahlt.

Als gemeinnützige Organisation erhält ABC Ulwazi für spezifische Projekte finanzielle Unterstützung aus verschiedensten Quellen, so auch von der Schweizerisch-Südafrikanischen Initiative für Zusammenarbeit (SSACI).

Anfangs Jahr finanzierte die SSACI eine preisgekrönte Sendereihe über Jugend-Arbeitsbeschaffung durch Gemeindetourismus. Ein Projekt, das nach Angaben der Produzenten vielen jungen Leuten den Aufbau eines eigenen Kleinunternehmens ermöglichte und bei den Beteiligten darüber hinaus erstmals einen gewissen Stolz auf die eigene Herkunft aufkeimen liess.

"Unser Ziel war es, den Leuten zu zeigen, dass jede ihrer Gemeinden etwas zu bieten hat, das andere Leute anzuziehen vermag", sagt Shelley Knipe, die für ihre Arbeit im Rahmen der Sendereihe eine Auszeichnung als eine der besten südafrikanischen Journalistinnen im Bereich Kleinunternehmen erhalten hatte.

"Wir vermittelten auch praktische Informationen zur Ausarbeitung von Geschäftsplänen und Kreditbeschaffung und berichteten später über die Erfolge der jungen Leute, denen es gelungen war, eine eigenes Geschäft aufzubauen."

Mündliche Überlieferung

Das Produktions-Team von ABC Ulwazi besteht aus enthusiastischen jungen Südafrikanerinnen und Südafrikanern, von denen die meisten mindestens einige, wenn nicht gar alle elf offiziellen Landessprachen sprechen.

Viele von ihnen sind in den Townships und Siedlungen aufgewachsen, denen sie jetzt zu helfen versuchen. Ohne diese sprachlichen und kulturellen Verbindungen, sagen sie, wäre eine fruchtbare Kommunikation mit den Leuten in den abgelegenen ländlichen Gemeinden kaum möglich.

"Nach der Ausstrahlung des jeweiligen Programms führt der Radiosprecher in seiner eigenen Sprache oder seinem Dialekt nochmals ins behandelte Thema ein und bringt es so den lokalen Zuhörern näher", sagt Romie Singh, Spezialist für Bildungsradio.

Auch Dramen, Rollenspiele und Talkshows werden verwendet, um für Zuhörer in ländlichen Gegenden die behandelten Themen in einen verständlichen Zusammenhang zu stellen.

In diesen Regionen erhält der Analphabetismus die Tradition des Geschichtenerzählens und der mündlichen Wissens-Vermittlung am Leben erhält,

"Seifenopern haben es gezeigt: eine Gruppe von Personen, die den Leuten in einer bestimmten Gegend ähnlich sind und den gleichen Dialekt sprechen, ziehen immer Zuhörer an", sagt Singh.

Service public

Im Gegensatz zu kommerziellen Sendern werden Gemeinderadios, die im Dienst der Öffentlichkeit stehen, oft auch als Informationsquellen und Diskussionsforen genutzt.

"Gemeinschaftsradio gibt den Leuten eine Stimme", sagt Singh. "Sie nutzen es als Informationsquelle, als Ort, wo Netzwerke geknüpft werden, aber auch zur Unterhaltung und Weiterbildung."

Weil viele Hörer sich einen Anruf an eine Radiostation nicht leisten können, ermuntert ABC Ulwazi die Radiomacher, Experten, Beamte oder gewöhnliche Bürger ins Studio einzuladen, um am Mikrofon über aktuelle Fragen wie Verbrechensbekämpfung oder Strassenbau öffentlich zu diskutieren.

"Wir schlagen uns noch immer mit dem Erbe einer rassistischen Regierung herum, die den Leuten jahrzehntelang alles vorschrieb, was sie zu tun oder zu lassen hatten. Jetzt hilft ihnen das Gemeinderadio einen Sinn für ihre Rechte und Pflichten als Bürger zu entwickeln”, erklärt Van Zyl im Gespräch mit swissinfo.

"Schliesslich geht es auch darum, die Leute an ihre Stärken zu erinnern, denn der Stolz auf die eigene Gemeinde ist die Hefe, die man einer verarmten Gegend beimischen muss, um wieder eine Zivilgesellschaft hervorzubringen", fügt er hinzu.

swissinfo, Anna Nelson in Johannesburg, South Africa
(Übertragung aus dem Englischen: Dieter Kuhn)

Fakten

14% der südafrikanischen Bevölkerung sind Analphabeten.
53% der Bevölkerung leben unter Dritt-Welt-Bedingungen.
Mehr als 50% aller Südafrikaner zwischen 15 und 30 Jahren sind arbeitslos.
Ulwazi heisst "Wissen" auf Zulu, eine der 11 offiziellen Sprachen Südafrikas.

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In Kürze

Die Apartheid marginalisierte die schwarze Bevölkerung, indem sie sie von der vollen Beteiligung am politischen und ökonomischen Leben ausschloss. So zerstörte sie in vielen armen Gegenden Südafrikas die Zivilgesellschaft.

Nach Meinung vieler Experten könnten Gemeinderadios jedoch viel dazu beitragen, Bürgerstolz und Verantwortungssinn der Landbevölkerung wieder zum Leben zu erwecken.

Das Johannesburger Produktions-Zentrum liefert massgeschneiderte Programme für eine Mehrheit der 102 südafrikanischen Gemeinderadios zu Themen wie häusliche Gewalt, gute Staatsführung, HIV und AIDS.

Die Produzenten von ABC Ulwazi bieten auch praktische Lehrgänge für Gemeinderadio-Macher an. Sie wurden kürzlich als Berater in Sachen Produktions-Kapazität von Radiostationen in acht Ländern des südlichen Afrika beigezogen.

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