Rätisches Grauvieh und Parli-Kartoffel als Kulturgüter

Rätisches Grauvieh: Kaum ein Rind ist für Weiden in Berggebieten besser geeignet.

Wider die Verarmung in heimischen Ställen und Gärten: Die Stiftung Pro Specie Rara setzt sich für die Erhaltung alter Nutzpflanzensorten und Nutztierrassen ein, seit 25 Jahren.

Dieser Inhalt wurde am 01. September 2007 - 12:36 publiziert

Fast vergessene Früchte- oder Gemüsesorten und Tierrassen sind eine Bereicherung auf dem Teller. Aber auch ein Beitrag zu Biodiversität und Nachhaltigkeit.

Wer kennt die Situation nicht? Sie stehen im Supermarkt vor dem Obstregal und sind nahe der Verzweiflung: Immer dieselben vier Apfelsorten, die Hälfte davon erst noch aus dem Ausland!

Dabei hätte die Hofstatt, der heimische bäuerliche Obstgarten, ursprünglich einen wahren Reichtum an Apfelsorten zu bieten gehabt: Allein die prosaischen Namen wie Goldparmäne, Danziger Kant, Berner Rosen, Edelchrüsler, Wilerrot, Zürichapfel, Ananas Reinette, Albrechtsapfel, Champagner Reinette, Eierlederapfel, Geflammter Kardinal, Sauergrauech, Schweizer Breitacher, Berlepsch oder Damason Reinette wecken Lust zum Dreinbeissen.

Dass solche alten Sorten in allen Farben und Geschmacks-Nuancen noch nicht ausgestorben sind, ist das Verdienst der Stiftung Pro Specie Rara ("Für die seltene Spezies").

Bereicherung für den Gaumen,...

"Nach einer langen Aufbauphase haben wir heute eine sehr umfangreiche Sammlung mit über 900 Gemüse- und 1800 Obstsorten sowie 26 Tierrassen", bilanziert Béla Bartha, Geschäftsführer von Pro Specie Rara, gegenüber swissinfo.

Pro Specie Rara-Produkte hebten sich sowohl punkto Geschmack als auch von der Verwendung her vom herkömmlichen Angebot ab, sagt Bartha. Besonders eigneten sich für lokale Spezialitäten, deren Rezepte auf der Verpackungen stünden.

... Wiederentdeckung alter Spezialitäten

"Mit den Parli-Kartoffeln, einer alpinen Sorte, bereitet man in Graubünden seit jeher die Maluns zu", illustriert Bartha. Beim bäuerlichen Kartoffelgericht werden am Vortag geschwellte Kartoffeln gerieben und mit Mehl vermischt, danach langsam in Butter gebraten, "wie eine Art Rösti", so Bartha.

Bei den Tierrassen greift er das Rätische Grauvieh heraus: "Diese Kuhrasse ist ein sogenannter Zweinutzer, die sowohl als Milch- als auch Fleischlieferant interessant ist". Das Fleisch der grau-schwarz gefärbten Kühe mit dem schön geschwungenen Horn biete im Bio-Segment den Züchtern neue Marktchancen.

Auch Förderung von Randregionen

Mit der Erhaltung des Grauviehs leistet Pro Specie Rara mehr als einen Beitrag zur Artenvielfalt im Stall. "Die robuste und anspruchslose Rasse verträgt Raufutter bestens und ist deshalb sehr gut geeignet für die extensive Landwirtschaft im Alpenraum, die heute kaum mehr existiert", bemerkt Bartha.

In den Alpenregionen sind es gerade die genutzten Flächen, die zu Biodiversität und attraktivem Landschaftsbild beitragen, belegen Studien.

Gezogen werden die seltenen Sorten und Rassen auf Arche-Höfen, in Sorten-Gärten, Obst-Gärten, Zierpflanzen-Gärten oder Alp-Betrieben, wo Besucher stets willkommen sind. Dies geschieht mit Unterstützung des Bundes, der dazu 3,2 Mio. Franken pro Jahr beisteuert.

Im Interesse von Bern

"Die Spezialisten von Pro Specie Rara sind sehr geschätzt", zollt Jürg Jordi, Sprecher des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), den Jubilaren Lob. Zugleich macht er deutlich, dass es auch dem Bund um mehr geht als blossen Heimatschutz in Sachen Artenvielfalt. "Die Vielfalt der Nutzpflanzensorten und Nutztierrassen ist auch für die Versorgungssicherheit sehr wichtig."

Klimawandel, Krankheiten oder Tierseuchen stellten die Landwirtschaft zudem vor neue Herausforderungen. Genetische Ressourcen, auf die man zurückgreifen könne, müssen deshalb erhalten werden, sagt Jordi.

Im Jahrhundertsommer 2003 beispielsweise erwies sich der "Blaue Schwede" als eine der wenigen Kartoffelsorten resistent gegen Fäulnis und Schädlinge. Bei den "Einheits-Sorten" Agria, Nicola oder Bintje dagegen kam es zu grossen Ernteausfällen.

Zurück zu den Wurzeln

Trotz grosser Anerkennung aus dem In- und Ausland ruht sich die Stiftung nicht auf den Lorbeeren aus. Béla Barthas Ziele sind es, die Marke Pro Specie Rara noch bekannter zu machen und die Produkte noch näher an die Konsumenten zu bringen.

Einzelne Frucht- und Gemüsesorten aus dem Erhaltungs-Programm sind bereits bei Coop im Angebot, der Nummer zwei der Schweizer Grossverteiler.

Jetzt geht es Bartha darum, die Produktion der alten Spezialitäten wieder in die Regionen zu bringen, aus denen sie stammen, "gerade in den Alpenraum, wo es heute praktisch keine Landwirtschaft mehr gibt", wie er sagt.

swissinfo, Renat Künzi

Pro Specie Rara

Die Stiftung "Für die seltene Spezies" setzt sich seit 25 Jahren für die Erhaltung alter Kulturpflanzen und Nutztierrassen ein.

Die Stiftung erhält derzeit über 1800 Obstsorten, 900 Garten- und Ackerpflanzen, 450 Beerensorten sowie 26 Tierrassen.

Sie wird von 2000 Aktiven und 6000 Gönnern getragen.

Wichtigster kommerzieller Partner ist Coop (Tomaten: Baselbieter Röteli, Coeur de Boeuf, Orange à gros fruits. Rüebli: Küttiger, Longue jaune du Doubs).

Der Verkauf läuft auch über lokale Bio-Vertriebe.

Konsumenten können auf 9 Arche-Höfen, in 20 Obst- und 13 Sorten- und 2 Zierpflanzen-Gärten die raren Tiere und Pflanzen begutachten.

Zum Fest am Samstag wird ein Führer in Buchform veröffentlicht, welcher das Angebot zusammenfasst.

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FAO-Konferenz Interlaken

Gleichzeitig mit dem Jubiläumsfest von Pro Specie Rara organisiert das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) die FAO-Konferenz für genetische Ressourcen von Nutztieren für Ernährung und Landwirtschaft.

Sie dauert vom 1. bis 7. September und findet in Interlaken statt. Es werden 400 Experten erwartet.

Auch die Schweizer Wirtschaftsministerin Doris Leuthard nimmt an der Konferenz teil.

Ziel der Tagung ist die Einigung auf eine politische Agenda, die zum nachhaltigen Umgang mit genetischen Ressourcen von Nutztieren führt.

Im Rahmen der Tagung findet auch eine Ausstellung statt, an der 20 seltene Schweizer Nutztierrassen zu sehen sind.

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