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Rechtsextrem im Aufwind

Der provokative Aufmarsch von Skinheads am 1. August 2000 auf der Rütliwiese schockierte die Schweiz.

(Keystone)

Die brutale Ermordung eines 19-Jährigen aus Unterseen bei Interlaken (BE) wirft ein Licht auf die erschreckende Zunahme der rechtsextremen Szene in der Schweiz. Immer mehr Jugendliche fühlen sich von dieser gewaltbereiten Szene angezogen. Patentrezepte, wie diese Entwicklung gestoppt werden kann, gibt es nicht.

Die Leiche des seit Ende Januar vermissten Mannes war am vergangenen Donnerstag (22.02.) aus dem Thunersee geborgen worden. Nach Angaben der Berner Kantonspolizei wurde das Opfer brutal misshandelt und anschliessend in den Thunersee geworfen.

Abrechnung unter Rechtsextremen

Die Polizei nahm vier Tatverdächtige im Alter zwischen 17 und 22 Jahren fest. Zumindest ein Teil der Verhafteten stammt aus dem rechtsextremen Milieu und aus dem Bekanntenkreis des Opfers. Unklar sind der genaue Tathergang sowie das Motiv. Die Polizei gehe nach wie vor von einer persönlich motivierten Abrechnung aus, bestätigte am Montag (26.02.) der Informationsdienst der Kantonspolizei Bern gegenüber swissinfo.

Laut Recherchen der "SonntagsZeitung" hatte das Opfer seit dem letzten Sommer Kontakte zur rechtsextremen Szene. Zudem soll der junge Mann in letzter Zeit Probleme mit Neonazis gehabt haben, weil er "zuviel herumredete".

Die rechtsextreme Szene wächst

Wie das Opfer hatten auch zahlreiche andere Jugendliche letztes Jahr den Weg in die rechtsextreme Szene gefunden. Die am letzten Donnerstag (22.02.) veröffentlichte Kriminalstatistik der Kantonspolizei Bern stellt eine markante Zunahme der bekannten Rechtsextremisten fest. Deren Zahl stieg im Kanton Bern im Vergleich zum Vorjahr von 120 auf 180. Gleichzeitig häuften sich auch Übergriffe auf Fremde.

Bern ist nicht der einzige Kanton, der sich mit dem Problem einer stetig wachsenden rechtsextremen Szene konfrontiert sieht. Praktisch alle Kantone der Deutschschweiz sind vom vermehrten Auftreten gewalttätiger Rechtsextremisten betroffen. Im Kanton Zürich sind gemäss Schätzungen der Polizei rund 200 Personen der extrem gewaltbereiten Skinhead-Szene zuzuordnen. Diese tritt zudem häufiger in Erscheinung. Dabei handle es sich vor allem um Skinheads im Alter von 16 bis 30 Jahren.

Die Zahl der Rechtsextremisten in der Schweiz ist mittlerweile auf 800 angewachsen und die Zahl der gemeldeten Vorfälle hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdreifacht. Urs von Daeniken, Leiter des neugeschaffenen Dienstes für Analyse und Prävention und oberster Staatsschützer der Schweiz, rechnet mit einer weiteren Zunahme der rechtsextremen Szene. "Ich denke, dass wir ein bewegtes Jahr vor uns haben", sagte von Daeniken in einem Interview mit der "Neuen Luzerner Zeitung".

Gefahr einer rechtsextremen Jugendkultur

Das Anwachsen der rechtsextremen Szene und ihr selbstbewusstes Auftreten bei der bundesrätlichen Erst-August-Ansprache auf dem Rütli rüttelten die Öffentlichkeit auf. Experten und Verantwortliche sind sich einig, dass neben polizeilichen Massnahmen und einer verschärften Gesetzgebung auch Ausstiegshilfen für Mitglieder der rechtsextremen Szenen geschaffen werden müssen. Darüber hinaus muss das Entstehen einer rechtsextremen Jugendkultur verhindert werden.

Zurzeit prüfe eine Arbeitsgruppe ein Ausstiegsprogramm nach dem Vorbild skandinavischer Staaten, sagte von Daeniken. Zudem werde auf allen Ebenen versucht, die Jugendlichen zu informieren. Eine gesamtschweizerische Präventionskampagne an den Schulen sei bisher allerdings an der Erziehungsdirektoren-Konferenz gescheitert.

Dringend braucht es aber auch eine wache Öffentlichkeit, die auf rechtsextreme Übergriffe reagiert. Denn wenn die Gesellschaft schweige, würden Rechtsradikale den Eindruck bekommen, dass die schweigende Mehrheit hinter ihnen stehe, sagte von Daeniken an einem vom "Tages Anzeiger" organisierten Podium zum Thema. Die rechtsextreme Szene komme so zu einer Scheinlegitimation, die es eigentlich nicht geben dürfte.

Hansjörg Bolliger


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