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Reportage Mehr Swissness in der Uhr als Handicap

Mondaine-Haus in Biberist: Wie lange tickt die grosse Bahnhofsuhr noch auf dem Dach?

(swissinfo.ch)

Die neue "Swissness"-Vorlage schwäche die Marke Schweiz, statt sie zu stärken, und sie gefährde Arbeitsplätze, sagt Uhrenhersteller Ronnie Bernheim von der Mondaine Watch. Produziert die Firma ihre berühmte Bahnhofsuhr für das Handgelenk bald in Hongkong statt Biberist?

Die Augen von Francesca Voglioso sind wahre Wunderwerke. Sicher pickt sie mit der Pinzette ein rund zwei Millimeter kurzes Glasröhrchen aus der Schale und setzt es im Zifferblatt punktgenau bei Zwölf Uhr ein. Ohne Lupe.

Rund eine Minute dauert es, bis die gelernte Verkäuferin die zwölf Zahlenpunkte mit Leim betupft und die Glühwürmchen platziert hat. Denn um solche handelt es sich: Leuchtstoffröhren im Mikroformat, gefüllt mit einer kleinen Dosis Tritiumgas. Weil dieses leicht radioaktiv ist, kann der künftige Träger der Uhr auch im Finstern genau erkennen, wann die Geisterstunde beginnt. Oder der neue Tag.

170 bis 180 Zifferblätter samt Zeigern für die Uhren der Marken M-Watch, Luminox und Camel macht Francesca Voglioso an einem Tag nacht-tauglich. Brennende Augen ob so viel Scharfblick? Fehlanzeige. "Die Augen haben sich daran gewöhnt", antwortet sie entspannt.

70 Stellen neu geschaffen

Das Prunkstück der Mondaine-Produktion in den klinisch sauberen Räumen ist aber zweifellos die offizielle Schweizer Bahnhofsuhr für das Handgelenk. Mit ihrem schlicht-klaren Design und der sprichwörtlichen Qualität ist das Stück nicht nur zu einem Uhrenmonument im Kleinformat avanciert, sondern auch zur globalen Ikone des Gütesiegels Swiss Made.

Im jüngst eröffneten, hochmodernen Mondaine-Stammhaus in Biberist bei Solothurn arbeiten Francesca Voglioso und 140 Kolleginnen und Kollegen. "In den letzten Monaten haben wir 70 neue Mitarbeiter eingestellt", sagt Ronnie Bernheim. Zusammen mit seinem Bruder André führt er heute das Familienunternehmen, das vor rund 50 Jahren von Vater Erwin Bernheim gegründet worden war.

Doch die Idylle unmittelbar an der Aare ist gefährdet. Grund ist die "Swiss-Made"-Vorlage, über die das Schweizerische Parlament beraten wird. Kommt der Gesetzesentwurf in der Form durch, wie ihn der Schweizerische Uhrenherstellerverband FH propagiert, müssen Uhren künftig zu 60% in der Schweiz hergestellt werden, damit sie das Gütesiegel Swiss Made tragen dürfen. Bisher liegt die "Swissness-Hürde" bei 50%.

Branche droht Spaltung

Doch im Verband, in dem die grossen Unternehmen wie Swatch den Ton angeben, regt sich Widerstand. Rund 25 Hersteller von Uhren aus dem unteren und mittleren Preissegment haben sich zur Interessengemeinschaft Swiss Made zusammengeschlossen, um die geplante Revision zu bekämpfen.

"Die Branche soll sozusagen per Dekret entzwei geschnitten werden: In der ersten Klasse wären die Hersteller von Luxusuhren, während die Hersteller im unteren und mittleren Preissegment ihre Produktion ins Ausland verlagern müssten", sagt Ronnie Bernheim, Sprachrohr der IG Swiss Made.

Denn die zehn Prozent mehr Swissness, also in der Schweiz hergestellte Teile, hätten die Verdoppelung der Preise zur Folge. Der Mondaine-Klassiker würde dann nicht mehr 170 Franken, sondern knapp 350 Franken kosten, die M-Watch 70 statt der bisherigen 35 Franken. Ein inakzeptabler Wettbewerbsnachteil, den Bernheim und seine Mitstreiter nicht hinnehmen wollen. "Könnten wir diese Preise verlangen, würden wir es schon heute tun", sagt er.

Paradox und Absurdität

Ein Beispiel: Dieselben Uhrengehäuse, die Mondaine nach Schweizer Qualitätsstandards im Ausland produzieren lässt, würden "Swiss Made" das Fünf- bis Sechsfache kosten. "Wenn wir ein billiges, qualitativ schlechtes Gehäuse in der Schweiz herstellen, statt ein hochwertiges aus dem Ausland zu beziehen, sinkt der Auslandanteil, und eine schlechte Uhr erhält das Prädikat Swiss Made." Die Uhr mit den qualitativ hochwertigen Gehäuse aus dem Ausland dagegen würde das Kriterium nicht mehr erfüllen.

Die neuen Bestimmungen im Namen eines besseren Markenschutzes würden laut Bernheim aber nicht nur zu diesem Paradox, sondern sogar in die Absurdität führen. "Wenn wir die Kosten von 25'000 Franken für ein neues Uhrendesign rasch abschreiben, erfüllt die Uhr am Anfang die Swiss-Made-Kriterien. Sind die Designkosten aber abgeschrieben, wäre dieselbe Uhr nicht mehr Swiss Made", erklärt Ronnie Bernheim. Dies deshalb, weil laut Gesetzesentwurf neu auch in der Schweiz anfallende Entwicklungskosten zur "Swissness" zählen.

Die Abwanderung nach Fernost ist trotz neuem Stammsitz keine leere Drohung. "Wir müssten unsere gesamte Produktion in unsere Fabrik in Hongkong verschieben. Dies habe ich auch dem Personal gesagt", so Bernheim. Im Betrieb in Asien, den Mondaine im letzten Jahr gekauft hatte, produzieren 500 Angestellte Uhren für die Trendlabels Esprit, Joop und Puma.

Befürworter: Kein Betrug am Kunden

Kunden würden erwarten, dass in einer Schweizer Uhr der Anteil Schweiz überwiege, begründete FH-Präsident Jean-Daniel Pasche die Vorlage. Er sieht darin eher eine Chance denn ein Risiko, stärke sie doch die Position der Schweiz als innovativen Standort.

Branchenprimus Swatch steht voll hinter dem Vorschlag. Man wolle die Käufer nicht betrügen, sagte Sprecherin Béatrice Howald. Auch Swatch betont die Stärkung der industriellen Basis des Landes.

Allenfalls Verordnungen

Bernheim und die Mitglieder der Interessengemeinschaft halten das geltende Markenschutzgesetz mit der Swiss-Made-Verordnung von 1971 für absolut tauglich. Um das Gütesiegel bisher zu erhalten, muss das Uhrwerk zu mindestens 50% in der Schweiz hergestellt sein und Zusammenbau und Endkontrolle haben in der Schweiz zu erfolgen. "Dies sind einfache, gut kontrollierbare Kriterien, dank denen wir eine hochstehende Qualität garantieren können", ist Bernheim überzeugt.

Was allenfalls fehle, seien weitere Verordnungen. Falls tatsächlich grössere Probleme mit dem Siegel Swiss Made existierten, hätte es der Bundesrat seit 1971 nicht bei einer einzigen Verordnung bleiben lassen, argumentiert der Uhrenunternehmer.

Umstrittene Swissness-Vorlage

Der Bundesrat hat im November 2009 eine Botschaft zum
Gesetzesprojekt "Swissness" verabschiedet. Ziel: Die Vorlage stärkt den Schutz der Herkunftsbezeichnung "Schweiz" und des Schweizerkreuzes
im Inland und erleichtert die Rechtsdurchsetzung im Ausland.

In Zukunft sollen mindestens 60% der
Herstellungskosten für Industrieprodukte in der Schweiz anfallen müssen. Bei verarbeiteten Landwirtschaftsprodukten müssen mindestens
80% des Rohstoffgewichts aus der Schweiz stammen. Die Gesetzesrevision ist deshalb umstritten.

Die IG Swiss Made bezeichnete die Vorlage als kontraproduktiv: Statt die Marke Schweiz zu stärken, werde diese entscheidend
geschwächt. Schweizer Uhrenhersteller würden Produktionsstätten
schliessen müssen, tausende von Arbeitsplätzen seien bedroht.

Nach Meinung von Konsumentenorganisationen geht die Vorlage hingegen
nicht weit genug.

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Ein Stück Schweizer Uhrengeschichte

1951 gründet der gelernte Schneider Erwin Bernheim die Mondaine Watch.

1972 begann er als einer der Pioniere mit der Produktion von Digitalquarzuhren.

Ab 1976 beliefert er die Migros mit Uhren. Auf Druck der Grossen der Branche boykottierte der Fachhandel Mondaine-Uhren.

Im März 1983 präsentiert Mondaine die M-Watch. Sie konnte im Gegensatz zur Swatch, die eine Woche vorgestellt wurde, repariert werden.

1986 lanciert Mondaine die Bahnhofsuhr für das Handgelenk, die inzwischen Kultstatus hat.

1993 kam als Lizenzherstellung neben Bally-Uhren auch Camel Active Timewear dazu. Das Private-Label-Geschäft u.a. für die Marken Joop, Esprit und Puma (Entwicklung, Herstellung und Logistik von Uhren und Schmuck nach Kundenvorgaben) ist seither zum wichtigen Standbein geworden

Seit 2006 sind die Brüder Bernheim mit 50% an der international vertriebenen amerikanischen Sportuhrenmarke Luminox im mittleren Preissegment beteiligt.

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Biberist, swissinfo.ch

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