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Rudolf Elmer: Hinweise oder Erpressung?



 Rudolf Elmer im Frontline-Club in London, als er die Bankdaten an Julian Assange übergab.

Rudolf Elmer im Frontline-Club in London, als er die Bankdaten an Julian Assange übergab.

(AFP)

Der Whistleblower und ehemalige Schweizer Banker Rudolf Elmer muss sich am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich wegen Verletzung des Bankgeheimnisses verantworten, zwei Tage nachdem er in London Wikileaks Daten von mutmasslichen Steuerbetrügern übergab.

Elmer, ein ehemaliger Mitarbeiter der Bank Julius Bär, hat mit der öffentlichen Übergabe von zwei Daten-CDs an Wikileaks-Erfinder Julian Assange die Frontlinie gegen die Zürcher Staatsanwaltschaft gezogen.

Wikileaks ist die internationale Internet-Plattform für Whistleblowing, dem (anonymen) Aufdecken von Missständen und Unregelmässigkeiten. Die Staatsanwaltschaft will vor Gericht auch thematisieren, dass Elmer seinen ehemaligen Arbeitgeber erpressen wollte.

Letzten Montag hatte Elmer, ehemaliger leitender Geschäftsführer für Julius Bär auf den Cayman Inseln, Assange in London vor den Medien Datenträger mit angeblich rund 2000 Offshore-Datenkonten übergeben. Diese sollen bisher nicht genannten multinationalen Firmen und bekannten Persönlichkeiten aus Business, Unterhaltung und Politik gehören.

Am Mittwoch wird sich Elmer in Zürich wegen früher gestohlenen Daten verantworten müssen, die Wikileaks 2008 ins Netz gestellt hatte. Er wird der Nötigung gegenüber Julius-Bär-Mitarbeitenden beschuldigt, und soll von Julius Bär Geld für die Auslieferung der gestohlenen Daten verlangt haben, bevor er sie Wikileaks aushändigte.

Vor den Medien betonte Elmer, sein Ziel sei es immer gewesen, die Öffentlichkeit über die fragwürdige Rolle zu informieren, die Offshore Banken bei der Steuerhinterziehung und der Geldwäscherei spielten.

"Meine Aufgabe besteht darin, zu erklären, wie dieses geheime Bankengeschäft funktioniert", sagte er gegenüber swissinfo.ch.

Drohungen

Doch die Bank Julius Bär sieht dies anders. Sie liess verlauten, Elmer hätte es nach seinem Rausschmiss im Jahr 2002 der Bank heimzahlen wollen. "Nachdem seinen Forderungen in Zusammenhang mit seiner Entlassung, inklusive finanzieller Kompensation, nicht nachgekommen wurde, begann Elmer 2004 mit einer Kampagne persönlicher Einschüchterungen und Vendetta."

"Um diese Kampagne zu verstärken, hat er gefälschte Dokumente benutzt und Bankangestellte bedroht", so Julius Bär weiter.

2008 erreichte Julius Bär, dass die amerikanische Wikileaks-Website geschlossen wurde. Doch Wikileaks legte Berufung ein, und der Entscheid wurde rückgängig gemacht. Dies bescherte Julius Bär einen Imageverlust.

Held oder Schurke

Die Meinungen betreffend Elmer sind geteilt. Er wird entweder als Held oder als Bösewicht dargestellt. Die Schweizer Medien publizierten seine gestohlenen Daten nicht. Auch sind Zweifel aufgekommen, was Elmers Motivation und die Echtheit des Materials betrifft, das er vorlegt.

Die Ereignisse um Elmer folgen zeitlich knapp auf Aktionen mehrerer Staaten gegen Steuersünder. Diese Aktionen haben seit dem Aufbrechen der Finanzkrise die Schweiz zunehmend unter Druck gesetzt.

Verdacht auf "spätes" Whistleblowing

Zahlreiche Schweizer, besonders jene, die mit dem Finanzplatz verbunden sind, fühlen sich von als neidisch erachteten Ländern umzingelt. Diese sollen es auf die traditionellen Wettbewerbsvorteile der Schweiz im Finanzbereich abgesehen haben.

Die Regierungen in Frankreich und Deutschland haben sogar für gestohlene Bankdaten Geld bezahlt, um ihren eigenen Steuersündern auf die Spur zu kommen. Eine CD stammte von einem ehemaligen Angestellten der Privatbank HSBC in Genf. Auch Rudolf Elmer wird verdächtigt, dass er sich ursprünglich für die Daten habe bezahlen lassen wollen.

"Es ist verständlich, dass Elmer sich jetzt als Whistleblower darstellen möchte", sagte der Experte für Wirtschaftskriminalität, Christof Müller, gegenüber dem Schweizer Fernsehen SF. "Doch ist recht offensichtlich, dass er zu Beginn selbst Geld für die Informationen verlangt hatte."

In London wies Elmer diese Kritik als Schmierenkampagne von sich, die ihn als "paranoid oder geistig krank" darstellen wolle: "Ich gehe davon aus, dass dies ein taktischer Schritt in der Strategie ist, mich ruhig zu stellen."

Vertrauen in die Justiz

Doch auch Elmer hat letztlich sein Vertrauen in die Unvoreingenommenheit des Schweizer Rechtssystems nicht verloren: "Es sieht nicht so aus, als dass ein unfairer Prozess bevorsteht. Ich glaube an das Schweizer Recht. Am Mittwoch werden wir es wissen."

Würde Elmer schuldig befunden, erwarten ihn mögliche acht Monate unbedingt und eine Busse von 2000 Franken. Sechs Monate habe er bereits in Schweizer Haft verbracht, weil er das Bankgeheimnis verletzt habe. Nach seiner Entlassung hatte er sich nach Mauritius abgesetzt.

Laut Elmers Website könnte ihn die Bank Julius Bär auch für die Verluste verantwortlich machen, die ihr aufgrund seines Whistleblowings entstanden seien. Das käme dann einer Rechnung von 1,2 Mio. Franken gleich, die der Bank für Massnahmen anfielen, inklusive einer Kompensation für den Bär-Banker Curtis Lowell.

Der Fall Elmer

Rudolf, Elmer, 55, hat beinahe 20 Jahre für die Privatbank aus Zürich, Julius Bär, gearbeitet.

1994 wurde er Chief Operating Officer der Bär-Niederlassung auf den Cayman Islands.

In dieser Zeit, so behauptet Elmer, habe er versucht, den Missbrauch mit den Offshore-Konten öffentlich zu machen, was aber keine Beachtung fand.

Elmer wurde 2002 entlassen, als Julius Bär entdeckte, das Kundendaten verschwunden waren.

Drei Jahre später soll Elmer News-Agenturen Material angeboten haben, doch Details wurden nie publiziert.

Auch klagte er das Schweizer Bankgeheimnis am Europäischen Gericht für Menschenrechte ein.

Im Dezember 2007 übergab er seine Daten Wikileaks, das sie ab Januar 2008 ins Netz stellte.

Julius Bär gelang es, die US-Site von Wikileaks zu stoppen, doch der Entscheid wurde durch eine Berufung rückgängig gemacht. Im März 2008 liess Julius Bär die Klage gegen Wikileaks fallen.

Elmer wird am 19. Januar 2011 vor dem Bezirksgericht Zürich erscheinen. Er ist angeklagt, das Bankgeheimnis verletzt, Industriespionage betrieben sowie Mitarbeitende genötigt zu haben.

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Schweizer Whistleblower

Elmer reiht sich ein in eine Gruppe von Hinweisgebern wie Christoph Meili und Bradley Birkenfeld.

Meili arbeitete als Nachtwächter bei der Schweizerischen Bankgesellschaft und rettete Dokumente aus der Holocaust-Ära 1997 vor dem Schredder. Er übergab die Dokumente einer jüdischen Organisation, die sie gleich der schweizerischen Kriminalpolizei weiter leitete.

Darauf wurde ein Strafverfahren gegen Meili wegen Verstoss gegen das Bankgeheimnis eröffnet.

Bradley Birkenfeld war ein amerikanischer UBS-Privatbanker. Er gab Hinweise über die Praktiken der Bank in den USA, und sitzt dort im Gefängnis eine 40-monatige Strafe ab.

Birkenfeld kooperierte mit den US-Behörden, die die Konten reicher US-Bürger auf Steuerflucht hin untersuchen.

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Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle, swissinfo.ch


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