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Rückenmark regenerierbar: Erfolge mit Affen

Versuche an Menschen mit verletztem Rückenmark können vielleicht bereits nächstes Jahr beginnen.

(Keystone Archive)

Schweizer Forscher haben bei Affen Verletzungen des Rückenmarks heilen können.

Diese Erfolge sind ein wichtiger Schritt hin zu Versuchen bei gelähmten Menschen. Bereits nächstes Jahr soll es soweit sein.

Die Versuchsaffen, bei welchen eine Hand gelähmt war, gewannen in den Experimenten 80% ihrer Beweglichkeit zurück. In den nun weitergeführten Studien geht es darum, die Befunde zu bestätigen. Und besonders muss abgeklärt werden, ob die Behandlung unerwünschte Nebeneffekte verursacht.

"Wenn wir diese Bestätigung bei Primaten erreichen, wird das ein sehr wichtiger Schritt sein", sagte Eric Rouiller, Professor für Neurophysiologie an der Universität Freiburg.

Allein in der Schweiz leben 2200 Menschen mit Rückenmark-Verletzungen, mit Lähmungen also. Und etwa 180 Personen kommen neu pro Jahr hinzu.

Wachstumsblocker überlisten

Die aktuellen Experimente sind die jüngsten Erfolge einer 15-jährigen Pionierarbeit des Forschers Martin Schwab von der Universität Zürich. Er wollte die klassische Lehrmeinung, dass sich das Rückenmark nicht regenerieren könne, nicht einfach hinnehmen.

1988 identifizierte er eine Substanz im zentralen Nervensystem, die Hirn und Rückenmark an der Selbstheilung hindert. "Nogo" taufte Schwab das Gen und das dazugehörige Protein. Denn es ist eigentlich ein Stoppsignal, das die beschädigten Nerven nach einer Verletzung hindert, wieder zu wachsen.

Rasch entstand die Idee, den Blocker mit einem so genannten Antikörper zu blockieren und damit unschädlich zu machen, damit die Nerven nachwachsen.

Erstaunliche Erfolge

Inzwischen ist das Experiment bei vielen gelähmten Ratten gelungen: Der Antikörper neutralisiert wirklich das Protein. Und die Versuche mit den Rhesusaffen zeigen in die gleiche Richtung. Während die Tiere nach der Lähmung ihre Pfote nicht mehr nutzen konnten, klaubten sie nach der Behandlung wieder Futter aus einer Schale.

"Bei den Affen, welche diese Nogo-Antikörper erhalten haben, sehen wir eine Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit der Hand in einem erstaunlichen Grad", sagte Schwab, der sonst eher zurückhaltend ist beim Bejubeln seiner Erfolge, gegenüber swissinfo.

"Sie öffnen Schubladen, sie picken mit hoher Präzision und rasch Rosinen heraus, sie greifen Nahrung beinahe wie normale Affen."

Teilweise Heilung wahrscheinlich

Die Forscher dämpfen indes die Hoffnungen betroffener Menschen. Sie weisen darauf hin, dass die hohe Wiederherstellungsrate bei Affen erreicht wurde, deren Rückenmark nur teilweise verletzt war.

Zudem haben bereits frühere Studien mit Ratten gezeigt, dass die Behandlung innert zweier Tage nach der Verletzung beginnen muss, um effektiv zu sein.

"Eine grosse Rückenmark-Verletzung bewirkt eine grosse zerstörte Zone", so Schwab. "Ich vergleiche das manchmal mit einer Bombe, welche in einem Computerzentrum hochgeht. Und eine vollständige Reparatur ist wahrscheinlich nicht einmal in ferner Zukunft möglich."

Für Schwab ist es eine realistische Hoffnung, gelähmten Patienten zu helfen, einige Bewegungen wieder zu erlangen – wahrscheinlich mit Krücken oder Handrädern – sowie die Blasenkontrolle wieder herzustellen.

"Das sind Funktionen, welche recht undifferenziert sind, und nicht eine sehr grosse Zahl von Nervenfasern benötigen. Und hierbei sehen wir auch gute Wiederherstellung in den Tiermodellen", so Schwab.

Wissenschafter hoffen zudem, dass für schwere Lähmungen künftig ein Mehrfachtherapie-Ansatz – mit Nogo-Blocker, Wachstumsfaktoren für die Nerven und Zelltransplantationen – zugänglich sein könnte. Erste Versuche in den USA an Ratten haben gezeigt, dass die Tiere nach einer Stammzellen-Transplantation ins Rückenmark sogar wieder laufen konnten.

swissinfo, Vincent Landon
(Übertragung aus dem Englischen: Eva Herrmann)

Fakten

Die Versuchsaffen, bei welchen eine Hand gelähmt war, gewannen in den Experimenten 80% ihrer Beweglichkeit zurück.

Allein in der Schweiz leben 2200 Menschen mit Rückenmark-Verletzungen.

180 Personen kommen neu pro Jahr hinzu.

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