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SAir: Verpuffte Emotionen

Sachwalter Karl Wüthrich (r) sprach Klartext und kassierte vom Publikum eine Standing ovation. Mario Corti (l) musste sich keinen kritischen Fragen stellen.

(swissinfo.ch)

Im Zürcher Kongresshaus wurde am Mittwoch eine heisse Versammlung der SAirGroup-Gläubiger erwartet. Doch sie war lahm und zahm.

Mittwoch, 26.6., 14 Uhr, eine Stunde vor Beginn des mit Spannung erwarteten Gross-Events: SAir-Chef Mario Corti betritt leisen Schrittes das Zürcher Kongresshaus. Sofort wird er von Journalistinnen und Journalisten umringt.

Wie fühlt er sich vor einer Veranstaltung, wo er Gläubigern möglicherweise Red und Antwort stehen muss? "Es hätte nie so weit kommen dürfen", antwortet er uns allen. "Jetzt sollte alles möglichst rasch gut über die Bühne gebracht werden." Und mit leiser, fast sanfter Stimme: "Ich kann nichts mehr machen, um die Gruppe zu retten."

Klar seien die Gläubiger sauer, und als letzter Chef der SAirGroup sei er halt vielleicht der Buhmann. Ob er bereit sei, seine Lohnansprüche zu senken? "Das beantworte ich dann, wenn ich von Gläubigern im Plenum befragt werden sollte." Er sollte nicht.

WM-Halbfinal zum Vorspiel

Beginn der Versammlung: 15 Uhr. Doch da läuft immer noch der zweite WM-Halbfinal Brasilien-Türkei. Und eine Traube von Gläubigern schart sich um den Fernsehapparat beim Eingang des grossen Saals.

Ein Gläubiger möchte am liebsten einen Antrag an Swissair-Sachwalter Karl Wüthrich stellen, die Versammlung doch bitte erst nach Spielende zu beginnen. Der Wunsch geht fast in Erfüllung: Der Versammlungs-Beginn muss hinausgezögert werden, weil noch viele Gläubiger der strikten Eintrittskontrolle unterzogen werden müssen.

Die Faust im Sack

Stimmungsumfrage bei einigen Leuten. Ein Gläubiger, der 29 Jahre lang für den SAir-Konzern gearbeitet hat, sagt gegenüber swissinfo: "Eine traurige Geschichte, dieses Swissair-Desaster." Nun hoffe er wenigstens auf eine Abgangsentschädigung - "etwa so ein Jahressalär".

Für eine alte Frau ist die ganze Sache ein Skandal. "Ich kriege sicher nichts mehr für meine Obligationen." Die Schuldigen stehen fest: "Die da oben, denen man das Geld nur so nachgeworfen hat! Und die wollen jetzt noch Entschädigungs-Zahlungen!"

Ein weiterer Gläubiger ist lediglich "aus Gwunder" hierher gekommen. "Ich kriege eh nichts mehr für meine Obligationen."

Brasilien - Türkei 1:0

Mit einer 20-minütigen Verspätung eröffnet Sachwalter Karl Wüthrich vor rund 850 Gläubigern und Gläubiger-Vertretern - auffallend viele ältere Semester sind unter ihnen - die Versammlung. "Ich entschuldige mich bei allen Fussball-Fans, ich hatte bei der Planung des heutigen Versammlungs-Termins noch nicht gewusst, dass zu dieser Zeit ein WM-Halbfinal läuft."

Später dann gibt Swissair-Sachwalter Wüthrich das Endresultat durch: Brasilien schlägt die Türkei 1:0.

Teures, langwierieges Verfahren

Wüthrich sagt auch, dass das ganze Verfahren noch lange dauern könnte. "Fünf bis zehn Jahre oder mehr", erklärt er auf eine entsprechende Frage. Er spricht von einem kostenintensiven Verfahren. Er rechnet aber damit, dass im Jahr 2004 erste Auszahlungen an Gläubiger gemacht werden können.

Der Transparenz zu Liebe listet er Millionen-Beträge für sich selber und diverse Anwalts-Honorare auf.

Die Luft ist draussen

Und nun, nach der Berichterstattung des Sachwalters, der durchaus kritisch mit den Swissair-Verantwortlichen "ins Gericht" geht, die heiss erwarteten Wortmeldungen der Gläubiger: Sage und schreibe vier Leute treten ans Mikrofon und stellen, ganz ruhig und brav, ihre Fragen.

Die kritischste: Bereits im März 2001 sei die Überschuldung der SAirGroup bekannt gewesen. "Weshalb haben die Verantwortlichen keine Anzeige gemäss OR gemacht?" Nicht Herr Wüthrich antwortet, sondern Herr Corti. Ein Revisionsbüro habe die Frage rechtzeitig geprüft und einen Bericht vorgelegt. Also alles paletti...

A propos Mario Corti: Vor den anstehenden Abstimmungen macht er der Gläubiger-Versammlung den angestrebten Nachlassvertrag schmackhaft. Dieser sei für alle Seiten besser als ein Konkursverfahren.

Vertrauen in den Sachwalter

Swissair-Sachwalter Karl Wüthrich stellt sich als Liquidator zur Verfügung. Eine Gläubigerin auf der Galerie schlägt als Gegenkandidaten Mario Corti vor - grosses Gelächter. Corti dankt ihr für das Vertrauen und sagt: "Ich glaube, die Sache ist bei Herrn Wüthrich in besseren Händen." - Szenenapplaus.

Dass Karl Wüthrichs Arbeit allseits geschätzt wird, das zeigt seine überzeugende Wahl: Von 3240 Stimmen erhält er 3033. Der seriöse Sachwalter und künftige Liquidator erhält eine Standing ovation.

Nun geht's weiter mit der Wahl des Gläubiger-Ausschusses, die sich sehr in die Länge zieht. Wichtig ist hier für Wüthrich, dass sich die verschiedenen Gläubiger-Segmente gut vertreten fühlen. Und dann noch die schriftliche Stimmabgabe zum Nachlassvertrag.

Swissair-Desaster schon fast vergessen

Die Medienbank ist schon fast gähnend leer. Ich frage beim Weggehen einen der Gläubiger, der sich vor dem Plenum kritisch zu Wort meldete, ob er enttäuscht sei über die Versammlung. Man habe doch ein heisses Event erwartet mit wütenden Gläubigern, die ihren Kropf leeren.

Das habe er auch. Aber vielleicht sei es einfach - klimatisch - zu heiss, um sich stark einzubringen. "Das Swissair-Desaster, das eine ganze Nation in Atem hielt, ist heute schon fast ganz vergessen", sagt er enttäuscht zu swissinfo. "Die Emotionen sind verpufft."

Jean-Michel Berthoud, Zürich


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