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Streik angesagt: Die Angestellten von SBB-Kargo in Bellinzona protestieren gegen den Stellenabbau. Keystone

Bei der SBB Cargo läuft es gar nicht rund: Die Gütertransport-Tochter der Bundesbahnen schreibt rote Zahlen und baut Stellen ab. Am Freitag wurde der Abbau von 400 Stellen bekannt gegeben.

Dieser Inhalt wurde am 07. März 2008 - 10:59 publiziert

In Bellinzona traten die Cargo-Angestellten umgehend in den Streik. Für Samstag wurde eine Demonstration angekündigt.

Nun hat sich das Gerücht bestätigt: Die SBB Cargo, die Tochtergesellschaft der SBB, baut in Bellinzona, Basel, Freiburg und Biel rund 400 Stellen ab. Allein im Industriewerk Bellinzona sind es 126 Arbeitsplätze. Dies gab SBB-Cargo-Chef Nicolas Perrin am Freitag vor den Medien in Bellinzona bekannt. Der Unterhalt der Lokomotiven wird nach Yverdon im Kanton Waadt verlagert.

Den über 400 anwesenden Angestellten konnte Perrin dies indes nicht mitteilen. Seine Worte gingen in einem Pfeifkonzert unter.

Für die Angestellten in Bellinzon ist ein Abbau nicht akzeptabel. Das Industriewerk arbeite mittlerweile profitabel, sagte ein Sprecher des Personals. Die Rede war von Streikmassnahmen und von der Blockierung der Auslieferung von Lokomotiven.

Wirtschaftliche Entscheide

Gemäss Perrin erlaubt es der Gesamtarbeitsvertrag der SBB nicht, Angestellten aus wirtschaftlichen Gründen zu kündigen. Den vom Abbau betroffenen Mitarbeitenden wird eine Verlegung nach Yverdon oder andere Stellen innerhalb des Unternehmens angeboten.

"SBB Cargo ist ein wirtschaftliches Unternehmen", sagte Perrin. "Deshalb müssen wir wirtschaftliche und nicht regionalpolitische Entscheide treffen."

Erster Streik seit 1918

Die Angestellten der SBB Cargo in Bellinzona haben nach der Ankündigung des Abbaus von 126 Stellen beschlossen, ab sofort in den Streik zu treten. Am Samstagnachmittag findet in Bellinzona eine Demonstration statt.

SP-Nationalrat Fabio Pedrina versprach am Freitagmorgen vor Ort, dass die Tessiner Politiker geschlossen beim Bundesrat vorstellig würden. Ziel sei es, eine Rücknahme des Entscheides von SBB Cargo zu erwirken.

Es sei das erste Mal seit dem Generalstreik von 1918, dass im Tessin Staatsangestellte ihre Arbeit niederlegten, sagte der sozialdemokratische Ex-Nationalrat Werner Carobbio.

Verlust der Identität

Die geplanten Restrukturierungsmassnahmen bei SBB Cargo versetzen Bellinzona seit Tagen in Aufruhr. Der Tessiner Kantonshauptort kämpft nicht nur um den Erhalt von Arbeitsplätzen, sondern auch gegen den schleichenden Verlust seiner Identität.

"Wir sind alle Söhne der Eisenbahn", sagt Stadtpräsident Brenno Martignoni (SVP) diese Woche. "In Bellinzona gibt es in fast jeder Familie Mitglieder, die auf der Lohnliste der SBB stehen oder standen."

Bellinzona liegt an zentraler Lage an der Gotthardlinie. Ohne Bahn wäre die Agglomeration Bellinzona mit ihren 30'000 Einwohnern in der Tat nicht das, was sie heute ist.

Einen Prestigesieg landete die Kantonshauptstadt zudem 1883, als sie sich im Kampf um die Werkstätten der Gotthardbahn zusammen mit Biasca und Altdorf gegen sieben weitere Konkurrenten durchsetzte.

Wiege der Tessiner Arbeiterbewegung

Fortan wurden in Bellinzona Lokomotiven repariert und gepflegt. Die Angestellten machten aber auch mit Kampfmassnahmen um bessere Arbeitsbedingungen von sich reden. 1899 schlossen sie sich gewerkschaftlich zusammen. Es handelte sich um die Geburt der linken Bewegung im Tessin, wo sich bis dato Freisinnige und Konservative um die Macht stritten.

Die Tessiner Tageszeitung "Corriere del Ticino" formulierte es am Mittwoch so: "Bellinzona hat sich sozial, wirtschaftlich und urbanistisch entwickelt, indem es die Luft der Eisenbahn eingeatmet hat."

Teilprivatisierung gefordert

Der Nutzfahrzeugverband Astag hat am Montag für eineTeilprivatisierung der defizitären SBB Cargo plädiert. Die SBB wollen weder SBB Cargo noch Teile davon verkaufen.

Die Astag-Verantwortlichen zeichneten am Montag in Bern ein düsteres Bild: Trotz Zwangsmassnahmen auf Kosten des Strassentransports verliere die Schiene wieder Marktanteile an die Strasse. Während die Gütermengen in Nettotonnen 2007 bei den Bahnen stagnierten, habe das Wachstum auf der Strasse 10 Prozent betragen.

Astag-Zentralpräsident Carlo Schmid warnte vor einem drohenden Verkauf an die ausländische Konkurrenz und "einem zweiten Fall Swissair". Die Astag sei entschieden der Auffassung, dass es falsch wäre, das nationale Unternehmen SBB Cargo preiszugeben und mit einer ausländischen Gesellschaft zu fusionieren.

Mit dem Misserfolg von SBB Cargo werde auch die Verlagerungspolitik der Schweiz grundsätzlich in Frage gestellt, sagte Astag-Direktor Michael Gehrken.

swissinfo und Agenturen

SBB Cargo

SBB Cargo ist die für den Güterverkehr zuständige Tochter der Schweizerischen Bundesbahnen. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Basel beschäftigt rund 4400 Mitarbeitende.

Für 2007 weist SBB Cargo einen Rekordverlust von 190,4 Millionen Franken aus. Auch im laufenden Jahr wird mit einem Verlust gerechnet.

Zu den roten Zahlen beigetragen hat vor allem das internationale Geschäft mit seinen Tochtergesellschaften in Deutschland und Italien.

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