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Schlusszeremonie in Sotschi Schweizer Zärtlichkeit auf der olympischen Weltbühne

Von , Lugano


Clown, Aktrobat, Regisseur auf den Bühnen der Welt: Daniele Finzi Pasca

Clown, Aktrobat, Regisseur auf den Bühnen der Welt: Daniele Finzi Pasca

(Keystone)

Der Tessiner Regisseur Daniele Finzi Pasca ist der Meister der Schlusszeremonie der Olympischen Winterspiele 2014 von Sotschi. Der 50-Jährige mit den vielen Talenten kann es selbst kaum glauben, dass er mit diesem ehrenvollen Auftrag betraut wurde.

Clown, Regisseur, Schauspieler, Autor, Akrobat: All dies ist Daniele Finzi Pasca. Viele Bühnen hat der 50-Jährige in seinem Leben bespielt, zahlreiche Stücke erdacht und inszeniert. Aber eine seiner grössten Herausforderungen steht am 23. Februar 2014 auf dem Programm, wenn er bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Sotschi Regie führt – zumindest was die Ausmasse der Show sowie die Menge der Beteiligten und Zuschauer angeht. Tausende werden mitmachen – Millionen am Fernsehen zuschauen.

Viel verrät Finzi Pasca nicht über das monumentale Spektakel. Darf er nicht. Nur so viel: Es wird eine Ode an die russische Kunst, insbesondere an die Literatur werden. "Zwischen Russland und meinem Theaterensemble gibt es nämlich eine Liebesgeschichte", verrät der Tessiner Regisseur. So produzierte er mit seiner Truppe, der Compagnia Finzi Pasca, im Jahr 2010 "Donka" für das internationale Theaterfestival von Moskau aus Anlass des 150. Geburtstags von Anton Tschechow - ein grandioser Erfolg.

2011 inszenierte er Verdis "Aida" im Mariinsky Theater von St. Petersburg; 2012 kehrte er für eine szenische Inszenierung des Requiems von Verdi an dieses berühmte Theater zurück. Russland ist nach der Schweiz und Kanada, dem Herkunftsland seiner Frau und Ensemblepartnerin Julie Hamelin, mittlerweile seine dritte Heimat. Er fühlt sich mit Russland verbunden, vor allem aber mit dessen Kunst. Für politische Boykottaufrufe zeigt er zwar Verständnis, doch will er dem heutigen Russland lieber über seine Kunst einen Stempel aufdrücken.

Der Duft eines Pfefferminzbonbons

Zur Aufführung von 'La Verità' von Daniele Finzi Pasca im Zürcher Theater 11 schrieb Alois Feusi in der Neue Zürcher Zeitung vom 25.10.2013 (Auszug):

 

"Die Geschlechter der Akrobatinnen und Akrobaten scheinen zu verschmelzen. Immer wieder blitzen Motive aus Dalís Werk auf. Aus sich öffnenden Türen gleisst grelles Licht in den Saal, Figuren mit bizarren Nashornköpfen irrlichtern umher, der Flügel auf der Bühne scheint in Stoffbahnen zu zerfliessen, und dann und wann taucht ein Pferdeschädel auf, der an ein Motiv aus Picassos "Guernica" erinnert. Diabolos und Flaschenkorken prasseln zu Dutzenden und Hunderten vom Schnürboden. Die Musik dazu oszilliert zwischen Klassik, munterer Folklore, mehrstimmigen Chören und pulsierender Perkussion.

 

Das alles zusammen fügt sich zu einer sanften, langsamen Show, die nach kommerziellen Kriterien eigentlich unmöglich funktionieren dürfte, die Theaterbesucher aber dennoch ganz sanft in ihren Bann zieht und sie in eine wunderliche Traumwelt entführt. Und schliesslich erfährt man auch, was die Wahrheit – 'La Verità' – im Grunde ist, nämlich der Duft eines im Wald versteckten Pfefferminzbonbons. So einfach ist das."

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Künstlerische Anfänge in der Dunkelkammer

Bei allem internationalen Erfolg ist Finzi Pasca bescheiden geblieben. Er kann es sich selbst nicht erklären, dass er diesen Auftrag für die olympischen Spiele bekommen hat. Es gab keinen Karriereplan in seinem Leben. Aber viel Talent. "Irgendwie sind die Dinge dann einfach passiert", meint er. Ein überraschender Anruf; und wieder öffnete sich eine Tür.

Alles begann ganz klein im Arbeiterquartier Molino Nuovo von Lugano. Vater und Grossvater waren Fotografen. Schon in der Dunkelkammer verfolgte der kleine Daniele, wie die Belichtung das Entstehen eines Bildes beeinflusst. Noch heute setzt er bei Ideen zur Bühnenchoreographie Fotos im Kopf zusammen.

Im Alter von 19 Jahren war er nach einer unglücklichen Liebesgeschichte nach Indien gereist, um als Freiwilliger für unheilbar Kranke zu arbeiten, unter anderem bei Mutter Teresa von Kalkutta. Nach seiner Rückkehr gründete er zuerst eine Clown-Gruppe und 1986 in Lugano mit einigen Freunden das Kleintheater Sunil.

Mit diesem Ensemble entwickelte er das "Teatro della Carezza", das Theater der Zärtlichkeit, in dem sich Clownerie, Tanz und Spiel vermischen. Und Körperkontakt eine wichtige Rolle spielt. Schliesslich will er aber Geschichten erzählen und die Zuschauer auf seine Reisen in Fantasiewelten mitnehmen.

Die gigantischsten Spiele

Die 22. Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi brachten neue Rekorde punkto Teilnehmerzahlen. In den 98 Wettbewerben kämpften knapp 2900 Athletinnen und Athleten aus 88 Nationen um olympische Medaillen und Ehren. 2010 im kanadischen Vancouver waren 2566 Sportler aus 82 Ländern am Start gewesen.

Sotschi wird als die gigantischsten Spiele in die Olympische Geschichte eingehen: Die Kosten werden auf 50 Milliarden Euro geschätzt, bis zu 30 Milliarden Euro sollen in die Korruption geflossen sein.

Schatten über das Prestigeprojekt von Russlands Präsident Wladimir Putin warfen auch die riesigen olympischen Bauten, deren Verwendung nach dem Grossanlass unklar sind, sowie überdimensionierte neue Strassen- und Eisenbahnverbindungen.

Weiter lasteten Enteignungen von Haus- und Grundbesitzern, massive Abholzungen von Bergwald, der Abbau von Menschenrechten, die Angst vor terroristischen Anschlägen und ein riesiges Sicherheitsaufgebot auf den Spielen.

Höhepunkte aus Schweizer Sicht waren u.a. die Goldmedaillen-Gewinne von Dario Cologna (Langlauf), Dominique Gisin und Sandro Villetta (Ski Alpin), Iouri Podladtchikov und Patrizia Kummer (Snowboard Halfpipe und Alpin).

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Ikarus als Welterfolg

Seit 30 Jahren steht Finzi Pasca mittlerweile auf und neben der Bühne. Erste Erfahrungen sammelt er als akrobatischer Clown in der Manege des Zirkus Nock. Während einer spät angetretenen Gefängnisstrafe wegen Militärdienstverweigerung entstand Anfang der 1990er-Jahre das Stück "Icaro". Den für einen einzigen Zuschauer gedachten “Monolog“  hat er bis heute mehr als 700 Mal in sechs Sprachen und 20 Ländern aufgeführt.

Er braucht das Bühnenfeeling – fühlt sich im Herzen als Mann des Kleintheaters. Dabei hat er sich längst internationale Aufmerksamkeit verschafft, auch durch die Zusammenarbeit mit dem kanadischen Cirque du Soleil und später dem Cirque Éloize. Die Leichtigkeit und Magie seiner Spektakel verzaubern weltweit.

Allerdings hat man Finzi Pasca in der Schweiz lange kaum wahrgenommen. Gemäss dem Motto: "Der Prophet gilt nichts im eigenen Land." Erst nach der von ihm inszenierten Abschlussfeier für die olympischen Winterspiele 2006 in Turin hagelte es auch in seiner Heimat Auszeichnungen: 2006 den SwissAward in der Kategorie Showbusiness, 2008 den Schweizer Kleinkunstpreis und 2012 schliesslich den Hans Reinhard-Ring, die höchste Auszeichnung im Theaterleben der Schweiz.

Paralympics als Krönung

Mit ihrer jüngsten Produktion "La verità" feierte die Compagnia unlängst in Lausanne und Zürich Erfolge. Eine "surrealistische Poesie" nannte ein Zürcher Kunstkritiker das Spektakel, das rund um einen von Salvador Dalí gestalteten Bühnenvorhang spielt.

In Sotschi wird Finzi Pasca nicht nur die Schlussfeier der olympischen Spiele, sondern am 7. März auch die Eröffnungsfeier für die Winter-Paralympics gestalten – ein Event, dass ihm besonders am Herzen liegt: "Denn bei den Paralympics manifestiert sich der eigentliche olympische Geist."

Wenn er  von den sommerlichen Paralympics erzählt, die er 2012 in London erlebt hat, kommt er ins Schwärmen: "Es war einfach fantastisch." Und da ist Daniele Finzi Pasca ganz sich selbst: Die kleine Geste einer Umarmung von Eltern mit ihrem behinderten Kind ist ihm mindestens genauso wichtig wie die Freude am grossen Wurf einer gigantischen künstlerischen Veranstaltung.

swissinfo.ch


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