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Schreie und Flüstern - ein Tag der Revolution

(Keystone)

Nur wenige haben damit gerechnet. An einem regnerischen Dezembertag verbarrikadiert eine Mitte-Links-Koalition Christoph Blocher den Weg. Das eröffnet der Politik neue Möglichkeiten.

Im Bundeshaus, dem Sitz des Schweizer Parlaments, hat der Tag für nicht wenige Überraschungen gesorgt. Eine Reportage aus der Wandelhalle..

Morgens kurz nach halb sieben: Das Parlamentsgebäude scheint noch beinahe verlassen zu sein. Der Weihnachtsbaum auf dem Bundesplatz wirft reflektierende Lichter auf die Gesichter der Polizisten. Verspätete Journalisten eilen fröstelnd durchs grosse Eingangstor.

Nichts deutet auf den Paukenschlag hin, der in wenigen Stunden auf die Schweizer Politik niederdonnern wird. Im Bundeshaus selbst ist die Atmosphäre gelöst und ruhig. An der Bar schwatzt der Sprecher der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) freundlich mit den Parteisekretären der Grünen und der Schweizerischen Volkspartei (SVP) – alle schlürfen einen Kaffee.

Die halbrunde Wandelhalle, die den Nationalrats-Saal umschliesst, ist überfüllt – wie immer an Bundesratswahl-Tagen.

Niemand scheint einen historischen Tag zu erwarten. Die Mitte-Links-Allianz, die in wenigen Stunden die Wiederwahl von Christoph Blocher zum Bundesrat verhindern wird, hat es fertig gebracht, unauffällig zu bleiben.

Ruhe vor dem Sturm

Auch um 9 Uhr ist noch alles ruhig. Während die Zähler die Stimmen der Wiederwahl von Moritz Leuenberger sammeln, stürzen sich Kamera- und Medienleute auf alle zur Verfügung stehenden Politiker.

Die Foto- und Filmlichter konzentrieren sich in erster Linie auf die politisch noch leichtgewichtigen Neuparlamentarierinnen und –parlamentarier. Eine SVP-Frau im Schottenrock zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Die politischen Schwergewichte der beiden Parlaments-Kammern halten sich noch im Hintergrund.

Die Wiederwahl der ersten vier Bundesräte in der Reihe - Leuenberger, Couchepin, Schmid und Calmy-Rey – läuft ohne grosse Emotionen ab. Alles wie vorgesehen: Die SVP unterstützt die beiden Sozialdemokraten nicht, aber der Rest des Parlaments bestätigt sie in ihrem Amt.

Kurz vor 10 Uhr tritt SVP-Fraktionschef Caspar Baader ans Rednerpult. Er fordert die Wiederwahl von Christoph Blocher, dessen Verdienste in den letzten vier Jahren er aufzählt. In seiner Rede schwingt eine ganz leichte Nervosität mit.

Kurz zuvor haben die Grünen ihren Bundesratskandidaten, den Ständerat Luc Recordon zurückgezogen. Es hängt etwas in der Luft, die Atmosphäre in der Salle des pas perdus beginnt sich aufzuladen.

Spannung – und Freude

Schon das Resultat des ersten Wahlgangs führt zu einem Raunen des Erstaunens: Blocher 111 Stimmen, Evelyne Widmer-Schlumpf 116. Jedermann beginnt zu kalkulieren – die Spannung wächst.

Jemand erzählt ganz aufgeregt, die Bündner Finanzdirektorin sitze schon im Zug nach Bern. Eine Politikerin im Zug – das erinnert an jene Revolution im Oktober, als ein Politiker namens Lenin Deutschland in einem plombierten Waggon durchquert.

Und als dann die unsicher gewordene Stimme des Nationalrats-Präsidenten André Bugnon im zweiten Durchlauf den Sieg von Widmer-Schlumpf bekannt gibt, hallt durch Wandelhalle und Korridore des Bundeshauses etwas wie ein Urschrei. Einige Parlamentarier heben die Arme als Zeichen des Sieges, andere deuten Freudentänze an.

Die Journalisten beugen sich vor, um den rechten Teil des Parlamentssaals zu beäugen. In einigen Gesichtern flackert ein zurückhaltendes Lächeln.

Die Männer und wenigen Frauen der SVP stehen im Scheinwerferlicht und im Blitzlichtgewitter der Presseleute, die nach Gesichtsausdrücken und Gefühlsausbrüchen hinter den verkrampften Minen suchen.

Hans Fehr, Chef der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (AUNS), bringt lediglich hervor: "Wir werden in die Opposition gehen!"

Kollegialität

Das Kollegialitätsprinzip ist im Regierungs- und Verwaltungsorganisations-Gesetz festgeschrieben. Es ist eine Organisationsform und Methode der ...

Eine grosse Frage steht im Raum

Und jetzt steht die Frage im Raum: Wird Eveline Widmer-Schlumpf die Wahl annehmen? In einem der Korridore des Bundeshauses wartet eine Horde Medienleute lange auf sie.

Doch sie kommt nicht. Gegen Mittag taucht dann Justizminister Christoph Blocher auf, mitsamt seiner Sicherheits-Crew. Er hebt den Blick nicht, sein Gesichtsausdruck ist verhärtet, seine Haut bleich. Wenige Sekunden später ist er aus dem Gesichtsfeld verschwunden.

Draussen auf dem Bundesplatz hat sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Auf den ersten Blick vor allem solche, die die Mitte-Links-Allianz unterstützen.

Auf einem Transparent steht: "Evelyne, sag' ja!" Auch einige SVP-Supporter stehen herum – zu Reibereien kommt es nicht.

Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Agence France Press nähert sich einem der Anwesenden auf dem Bundesplatz: "Weshalb sind Sie hier?"

Der Journalist scheint überrascht zu sein, dass auch in diesem "dunkeln Herzen Europas", wie die britische Zeitung Indipendent kürzlich schrieb, eine kleine Palastrevolution zu Stande kommen kann.

swissinfo, Andrea Tognina
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)

Wahlresultate

In den Bundesrat gewählt wurden:
Moritz Leuenberger mit 157 Stimmen
Pascal Couchepin mit 205 Stimmen
Samuel Schmid mit 201 Stimmen
Micheline Calmy-Rey mit 153 Stimmen
Hans-Rudof Merz mit 213 Stimmen
Doris Leuthard mit 160 Stimmen
Eveline Widmer-Schlumpf mit 125 Stimmen
(offen bleibt, ob sie die Wahl annimmt)

Corina Casanova wurde mit 124 Stimmen zur neuen Bundeskanzlerin gewählt.

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