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Schulzeiten nicht vereinheitlichen

Den ganzen Tag in der Schule: Noch lange nicht Realität in der Schweiz.

(swissinfo C Helmle)

Blockzeiten an den Volksschulen sind bei den Eltern beliebt, allerdings nicht landesweit Realität. Die Regelung variiert von Gemeinde zu Gemeinde.

Dennoch will eine knappe Mehrheit des Ständerats Blockzeiten nicht in der Bundesverfassung festschreiben.

Die Forderung in der Kleinen Kammer des Schweizer Parlaments kam von der Präsidentin der Freisinnig-Demokratischen Partei, Christiane Langenberger. Sie versuchte den Rat "im Namen der Frauen" zu überzeugen, dass schulpflichtige Kinder an den öffentlichen Schulen an fünf Vormittagen pro Woche mindestens vier Lektionen und an mindestens einem Nachmittag zwei Lektionen "en bloc" unterrichtet werden sollten.

Das Anliegen wurde auch von der Regierung gestützt, und es sei durchaus gut gemeint, so der Tenor in der Diskussion der Motion. Denn es könne, so der Urner Christdemokrat Hansruedi Stadler, "von den Eltern nicht erwartet werden, dass sie quasi mit einem Fahrplan durch die Woche gehen müssen".

Dennoch war auch Stadler zusammen mit der knappen Mehrheit des Ständerats (19 gegen 18 Stimmen) gegen das Anliegen: Blockzeiten gehörten nicht in die Bundesverfassung.

"Bedürfnisgerechte Lösungen sind an der so genannten Front des Geschehens zu suchen und zu treffen", begründete Stadler.

Von Bundesvorschriften wollte auch sein Zuger Parteikollege Peter Bieri nichts wissen. Er war vielmehr der Meinung, dass die kantonale Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK) dazu "Modelle entwickeln und Empfehlungen abgeben" solle.

Uneinheitliche Regelungen

Diese tun durchaus Not. Denn eine Umfrage der EDK bei den Kantonen zeigt grosse Unterschiede: Ende 2002 gab es bloss in den Kantonen Basel-Stadt, Genf, Nidwalden, Obwalden, St. Gallen, Schwyz, Waadt und Zug überall Blockzeiten.

Und auch dort handelt es sich bisweilen nur um kleine Unterrichtsblöcke von zwei oder drei Lektionen pro Halbtag – was Eltern nicht wirklich entlastet.

Dabei wäre die Wirtschaft in Zukunft, so immer wieder gehörte Beteuerungen, auch auf erwerbstätige Frauen angewiesen. Doch ohne nationale Regelung "wird es wohl lange dauern, bis Blockzeiten landesweit eingeführt sind", wie Anton Strittmatter vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer gegenüber der Zeitschrift "Beobachter" sagte. Dennoch will auch diese Organisation von einer Bundeslösung nichts wissen.

Spitzenreiter: Nordische und frankophone Länder

Ein Blick in andere europäische Länder zeigt: Es geht auch anders. So gehört beispielsweise Belgien– zusammen mit Frankreich, den Niederlande und den nordischen Staaten - zu den europäischen Spitzenreitern bei der Betreuung von Schulkindern und auch Kleinkindern.

In Belgien sind Blockzeiten kein Thema, dafür haben Christdemokraten und Liberale hinreichend gesorgt. Unter ihrer jahrzehntelangen politischen Führung wurden in Belgien schon in den Sechzigerjahren die öffentlichen Schulen als Ganztagesschulen organisiert: Der Unterricht beginnt morgens nach acht und endet gegen halb vier.

Anschliessend garantiert die Schule die weitere Betreuung der Kinder bis abends um sechs: mit Sportangeboten, Basteln, Aufgabenstunde oder Spielen.

Und weil weit über 70 Prozent der Mütter berufstätig sind und nicht zwölf Wochen Urlaub nehmen können im Jahr, gilt das Betreuungsangebot der Schulen selbstverständlich auch während der Schulferien. Die Eltern zahlen für Mittagessen und Abendbetreuung ein paar Euro im Monat, den Rest übernimmt die öffentliche Hand.

Nur dank des dichtgeknüpften und gut organisierten Betreuungsnetzes ist es möglich, dass Mütter arbeiten und auch anspruchsvolle führende Positionen besetzen können.

Kein Wort für Blockzeiten

"Wir haben hier in Belgien vor zwanzig, dreissig Jahren über das Thema diskutiert. Heute ist es keine Frage mehr: Die Frauen sollen selber entscheiden können, ob sie mit Kindern zuhause bleiben oder weiter berufstätig sein wollen", sagt Wilfried Martens, langjähriger belgischer Premierminister und heute Chef der Europäischen Christdemokraten.

"In der Schweiz haben die Christdemokraten die Familien verloren, weil sie sich den neuen Gegebenheiten nicht angepasst haben."

Dass weder Wilfried Martens noch seine zweite Frau nach der Geburt ihres vierten Kindes beruflich kürzer treten wollen, ist im katholischen Belgien nicht der Rede wert. Er ist engagierter Politiker, sie erfolgreiche Managerin in einem amerikanischen Konzern, und ihre Kinder werden tagsüber in der Krippe oder in der Schule betreut.

Wie selbstverständlich die Ganztagesbetreuung im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Belgien geworden ist, zeigt der sprachliche Alltag. Für "Ganztagesschule" existiert weder im Französischen noch im Flämischen ein Wort, auch nicht für "Blockzeiten". Die Kinder gehen einfach zur Schule, ganztags.

swissinfo, Katrin Holenstein und Eva Herrmann


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