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Die Frauen hinter dem Leuchten der Uhren und Wecker

SSPL / Daily Herald Archive

Die Verwendung radioaktiver Stoffe in der Uhrenindustrie wurde in den vergangenen Jahren vermehrt erforscht. Über die Arbeiterinnen und Arbeiter, die tagtäglich mit den gefährlichen Materialien in Berührung kamen, ist aber noch immer wenig bekannt. 

Dieser Inhalt wurde am 05. Juni 2021 - 09:00 publiziert
Ayse Turcan

"Schau zu", sagt die Aufseherin zur jungen Frau, die ihren ersten Tag hat. Sie öffnet ein kleines Glas mit radiumhaltiger Leuchtfarbe, tunkt den schmalen Pinsel in die weissgrüne Masse und steckt ihn kurz zwischen die Lippen, bevor sie die Spitze auf das Uhrenblatt senkt, um eine der Ziffern zu bemalen. "Einfach, oder? Du erhältst einen Cent pro Uhr, die besten Mädchen schaffen 200 Uhren pro Tag", sagt sie zum Neuankömmling. Die Szene ist eine der ersten des 2018 erschienen Films "Radium Girls", der im New Jersey der 1920er-Jahre spielt. 

Das Drehbuch basiert auf der Geschichte der echten Radium Girls, einer Bezeichnung für die jungen Arbeiterinnen, die in den Werkstätten der Uhrenmanufakturen radiumhaltige Leuchtfarbe auf die Zifferblätter auftrugen. Um möglichst präzise arbeiten zu können, waren die Frauen angehalten, den Pinsel mit ihrem Mund anzuspitzen – wodurch sie jedes Mal eine kleine Menge der radioaktiven Farbe aufnahmen. 

Kondome mit Radium

Radium wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur wegen seiner Leuchtkraft in der Uhrenindustrie verwendet, sondern galt geradezu als Allheilmittel. 

Die Physikerin und Chemikerin Marie Curie erforschte als eine der ersten radioaktive Stoffe. Pictorial Press Ltd / Alamy Stock Photo

Nach seiner Entdeckung durch Marie Curie 1898 erlebte das radioaktive Element einen regelrechten Boom. Alltagsgegenständen wie Geschirr, Kleidern und Kondome mit Radium wurden vermarktet, es wurde aber auch Kosmetika und sogar Lebensmitteln hinzugefügt. Dem Zerfallsprodukt von Uran mit einer Halbwertszeit von etwa 1600 Jahren schrieb man heilende und revitalisierende Kräfte zu.

Dass radioaktive Strahlung für den Menschen äusserst schädliche und gar tödliche Folgen haben kann, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht bekannt. Die amerikanischen Radium Girls, von denen viele an Krebs erkrankten, machten die Gefährlichkeit von Radium sichtbar. 

Auch das Uhrenmekka Schweiz hatte zu Beginn des letzten Jahrhunderts seine eigenen Radium Girls. Im Jurabogen, wo die Uhrenindustrie besonders bedeutend war, arbeitete man ab 1907 mit radiumhaltiger Leuchtfarbe, um die Ziffern und Zeiger in der Nacht zum Leuchten zu bringen – die Gefahren des Materials wurden aber erst spät untersucht.

Obwohl einige Unternehmen kleine Ateliers und Werkstätten hatten, in denen Arbeiterinnen und Arbeiter Radiumfarbe auftrugen, wurde die Mehrheit der Zifferblätter in Heimarbeit bemalt. Tatsächlich war das Setzen von Radium eine Arbeit, die fast nur von Frauen ausgeführt wurde. Zu diesem Schluss kommt der Historiker Lukas Emmenegger, der im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweiz untersucht hat.

Werbung für Uhren mit leuchtenden Ziffern und Zeigern. Monnier & Fils

Das Leuchtfarbensetzen galt als einfache und – im Vergleich mit anderen unqualifizierten Tätigkeiten – als relativ gut bezahlte Arbeit, welche die Arbeiterinnen meist zuhause am Stubentisch erledigten. Anders als in den USA wurden in der Schweiz vermutlich nur selten Pinsel zum Auftragen der Farbe verwendet, so Emmenegger.

Stattdessen kamen vor allem Setzstifte und Glasröhrchen zum Einsatz. Doch auch wenn die Schweizerinnen das Radium nicht mit dem Mund aufnahmen und schluckten, arbeiteten sie doch weitestgehend ohne Schutz vor der schädlichen radioaktiven Strahlung.

Wie viele Personen in der Schweiz an den Folgen der ungeschützten Arbeit mit Radium erkrankt oder gar gestorben sind, weiss niemand. Verschiedene Stellen, darunter das Eidgenössische Arbeitsamt sowie die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt SUVA, erfuhren bereits in den 1920er-Jahren vom Schicksal der amerikanischen Radium Girls.

Da in der Schweiz keine Fälle von Erkrankungen bekannt waren, die man eindeutig auf den Einfluss von Radioaktivität zurückzuführen konnte, wurde nichts unternommen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg widmeten sich die Behörden wieder der Strahlenschutz-Thematik.

Das Erwachen in der Schweiz

Ende der 1950er-Jahre führte das Eidgenössische Gesundheitsamt gemeinsam mit der SUVA eine grössere Erhebung durch, welche gesundheitliche Schäden und die Strahlenbelastung der HeimarbeiterInnen mass. Die Ergebnisse der Studie wurden in den Aushandlungen über die "Verordnung über den Strahlenschutz" diskutiert, die 1963 in Kraft trat. Mit der Strahlenschutzverordnung wurde der Einsatz von Radium-Leuchtfarbe bewilligungspflichtig und stark eingeschränkt.

Die radioaktive Farbe erschien wohl auch den Fabrikanten als etwas unheimlich. (1942) Monnier & Fils

Eine der wenigen unabhängigen Studien, welche die Strahlenschäden der Schweizer Radiumsetzerinnen untersuchten, ist die 1977 erschienene Dissertation der Handchirurgin Isabelle Poulenas. Die Lausanner Ärztin untersuchte über einem längeren Zeitraum die Hände von Radiumsetzerinnen. "Die meisten Patientinnen kamen aus La Chaux-de-Fonds oder Le Locle", erinnert sich die heute 81-Jährige. Einige der Frauen wurden ihr durch die SUVA vermittelt, andere kamen über Ihren Doktorvater, den Lausanner Handspezialisten Claude Verdan, zu ihr.

Alle von Poulenas behandelten Frauen waren durch ihre Arbeit über mehrere Jahre und tausende Stunden hinweg radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen. Die Fallbeschreibungen und Vorher-Nachher-Fotos der chirurgischen Eingriffe sind eine Quelle für die Medizingeschichte, bieten aber auch einen Einblick in die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Heimarbeiterinnen in den 1950er- und 1960er-Jahren. 

Krebs im Mittelfinger

"Madame S. Emma, 48 Jahre alt, arbeitete während 15 Jahren von zu Hause aus. Auf einer Basis von 70  Stunden pro Woche setzte sie Radium auf Ziffern und Zeiger der Uhren, um sie zum Leuchten zu bringen", schreibt Poulenas in ihrer Dissertation. Sogar als Zeitgenossin hielt sie die Anzahl der Arbeitsstunden pro Woche für bemerkenswert.

Emma S. erklärte der Ärztin, mit welchen Handgriffen sie ihre Arbeit ausführte, und wie sie überschüssige Radiumfarbe an der blossen Hand abwischte. Nach einigen Jahren bemerkte die Setzerin eine Rötung an ihrem Mittelfinger und suchte einen Dermatologen auf. Dieser verordnete ihr zynischerweise eine Strahlentherapie. Als die Patientin bei Poulenas und ihrem Team Hilfe suchte, war der Mittelfinger bereits verloren: Nachdem bei einer Biopsie ein Krebsgeschwür festgestellt wurde, musste der Finger amputiert werden.

Es sollte nicht der letzte Eingriff bleiben. In mehreren Operationen wurden die durch sogenannte "Strahlendermatitis" verursachten Läsionen entfernt – "und mit Haut aus der Leistengegend ersetzt", erklärt Poulenas den chirurgischen Vorgang. 

Vom Krebs zerfressene Arbeiterinnen-Hände Isabelle Poulenas

Nicht nur bei Poulenas Patientin Emma S., sondern auch in den Körpern ihrer beiden Söhne, die erst nach der Niederlegung ihrer Arbeit mit Radium geboren wurden, wurde eine erhöhte Strahlenbelastung gemessen. Dass die Arbeit der Leuchtfarbensetzerinnen nicht nur einen Einfluss auf ihre eigene Gesundheit, sondern auch auf das Familienleben haben konnte, deutet Ferdinand Haas im Gespräch mit der Wochenzeitung Biel Bienne an. Der Rentner erzählt darin, wie seine Mutter in den 1950er-Jahren im Wohnzimmer Radiumfarbe auf Omega-Zifferblätter auftrug.

Zusammen mit seinen Freunden habe er sich ab und zu die Fingernägel mit der übriggebliebenen Radiumpaste bemalt. "Die leuchteten am Abend so herrlich", erzählt Haas der Zeitung. Über die Gefährlichkeit des Materials habe in seiner Familie niemand Bescheid gewusst, sein bester Freund sei, genau wie sein Vater, an Krebs gestorben. 

Worüber man weder im Gespräch mit Haas, noch in Isabelle Poulenas Studie etwas erfährt, ist die Gefühlswelt der Radiumsetzerinnen. Was ging ihnen durch den Kopf, als sie erfuhren, dass allfällige Verletzungen und Krankheiten von der Arbeit mit Radium herrührten? Waren Sie wütend – und wenn ja, auf wen? Gaben sie Vorgesetzten oder Behörden die Schuld an ihrem Leid?

Selbstzeugnisse ehemaliger Setzerinnen wurden bisher entweder nicht veröffentlicht oder existieren nicht. Auch die pensionierte Handchirurgin hat keine Antwort auf die Fragen. Was sie mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Frauen unter Schmerzen litten. "Eine solche Verletzung tut schrecklich weh", erklärt sie. "Stellen Sie sich einen starken Sonnenbrand vor, der über Jahre hinweg nicht aufhört, zu schmerzen." Und Wut auf die Vorgesetzten? "Ein paar waren schon wütend. Aber damals hatte man noch mehr Respekt vor seinen Chefs", meint Poulenas.  

Erodierende Gerechtigkeit

"Radium Girl" Grace Fryer: Sie verklagte 1927 ihren Arbeitgeber wegen ihrer Strahlenschäden. National Archives

Wütend oder nicht – fest steht, dass sich die Schweizer Radiumsetzerinnen weder organisierten, noch juristisch gegen Arbeitgebende und Behörden vorgingen. Ganz anders die Radium Girls in den USA. In einem bemerkenswerten Prozess, der 1928 in einer aussergerichtlichen Einigung endete, verklagten die dem Film als Vorbild dienenden Grace Fryer und ihre Kolleginnen ihre Arbeitgeberin, die United States Radium Corporation.

Der Fall und die Betroffenen erhielten grosse mediale Aufmerksamkeit. Die Freude über die erzielte Einigung und die Abfindung, welche die Frauen von der US Radium erhielten, dürfte bescheiden geblieben sein: Auf Grund der jahrelangen oralen Aufnahme von Radium litten die jungen Frauen unter grausamen Folgeschäden wie Zungenkrebs, erodierenden Kiefern und spontanen Knochenbrüchen.

Mehrere von Fryers Mitklägerinnen waren bei Prozessbeginn bereits bettlägerig. Wie viele der amerikanischen Radium Girls schliesslich an den Folgeschäden verstarben, ist nicht bekannt.

Quellen

Fünf Fragen an Ferdinand Haas, in: Biel Bienne, Vol. 37, Nr. 25, 18./19. Juni 2014, S. 2. 

Emmenegger, Lukas, Historischer Bericht im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit. Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie (1907–1963), Bern 2018. 

Emmenegger, Lukas, "La matière miraculeuse?". Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie und der Schutz der Radiumsetzerinnen vor ionisierenden Strahlen im Kontext des Arbeitsschutzes (1907-1963), Masterarbeit, Bern 2018. 

Gaffino, David, Les "radium girls" de Bienne, in: Annales biennoises, 2014, 59–60. 

Gonda, Angela S., Gunderman, Richard B., Radium Girls, in: Radiology 2015, S. 314–318. 

Helmstädter, Axel, Radioaktivität – die pure Lebenskraft? Schweizerische Ärztezeitung 2006, S. 904–907. 

Poulenas, Isabelle M.-N., Les radiodermites des mains dans l’horlogerie et leur transformation maligne, Lausanne 1977. 

Radium Girls (2018), Film auf Netflix USA verfügbar.

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