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Schweizer an Schaltstelle des UNHCR

Jean-Marc Boulgaris, der neue Chef des UNHCR-Exekutiv-Ausschusses.

(Keystone)

Das Hochkommissariat für Flüchtlinge UNHCR hat einen Schweizer Diplomaten an die Spitze seines Exekutiv-Ausschusses gewählt.

swissinfo sprach mit Jean-Marc Boulgaris über die Herausforderung seiner neuen Funktion angesichts der nicht enden wollenden globalen Flüchtlingskrise.

Jean-Marc Boulgaris, der Chef der Schweizer UNO-Mission in Genf, ist für ein Jahr an die Spitze des Leitungs-Ausschusses des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) gewählt worden.

Der Ausschuss entscheidet über das UNHCR-Budget und berät den Hochkommissar für Flüchtlinge. Keine leichte Aufgabe, die neuerdings durch die prekäre Sicherheitslage in Irak und Afghanistan zusätzlich erschwert wird.

swissinfo: Sie waren immer ein grosser Befürworter der Schweizer Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen. Denken Sie, dass Ihre Ernennung ein Zeichen dafür ist, dass die Schweiz als UNO-Vollmitglied ernster genommen wird?

Boulgaris: Zweifellos wird die Schweiz seit ihrer UNO-Mitgliedschaft anders wahrgenommen. Was aber das UNHCR betrifft, so ist die Schweiz eines ihrer Gründungsmitglieder. Deshalb ist der Platz der Schweiz innerhalb des Hochkommissariats für Flüchtlinge keine Folge der UNO-Mitgliedschaft, sondern Resultat eines über 50-jährigen Engagements in diesem Bereich.

swissinfo: Die Schweiz besitzt eine lange und grosszügige Tradition, was die Aufnahme von Flüchtlingen aus aller Welt betrifft. Kann das UNHCR von den schweizerischen Erfahrungen profitieren?

Boulgaris: Ja, zweifellos. Wir waren bereits vor der Gründung des UNHCR bei der Flüchtlingsbetreuung aktiv. Ich selbst stamme aus einer Flüchtlingsfamilie, die im 19. Jahrhundert in die Schweiz kam.

swissinfo: Welches sind die grössten Herausforderungen, denen sich die Leitung des UNHCR im Moment stellen muss?

Boulgaris: Es ist zweifellos eine sehr anspruchsvolle Arbeit. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass die Organisation effizient arbeitet und sicherzustellen, dass die Mittel sinnvoll eingesetzt werden.

Und natürlich ist es eine sehr grosse Herausforderung, die Spender zu überzeugen, grosszügig zu sein, damit das UNHCR arbeiten kann. Die Organisation finanziert sich allein durch die freiwilligen Beiträge der Teilnehmerstaaten.

swissinfo: Man hört, dass die Finanzen bei fast jeder UNO-Hilfsorganisation ein Problem sind. Dies scheint ein ewiges Problem zu sein. Gilt dies auch für das UNHCR?

Boulgaris: Ja. Heutzutage müssen die Regierungen Mittel einsparen, wo immer sie können. Dies bekommen auch die Internationalen Organisationen zu spüren.

Das letzte Jahr war für das UNHCR ein sehr schwieriges Jahr, weil wir Hilfsprogramme kürzen mussten. Flüchtlinge mussten leiden, weil wir nicht über die notwendigen finanziellen Hilfsmittel verfügten, um ihnen zu helfen.

Dieses Jahr ist die Situation etwas anders. Aber wir müssen darauf achten, dass die internationale Gemeinschaft ihr Engagement gegenüber den Flüchtlingen aufrecht erhält, und dies ist eine sehr schwierige Aufgabe.

swissinfo: Die Sicherheit der Hilfswerk-Mitarbeiter ist mittlerweile in vielen Teilen der Welt bedroht. Was kann dagegen unternommen werden?

Boulgaris: Wir müssen zuerst einmal erklären, was die Aufgabe der Mitarbeiter von Hilfswerken ist. Es gibt Menschen, die nicht verstehen, weshalb diese Leute dort sind. Wir müssen deshalb betonen, dass diese einzig und allein dort sind, um zu helfen.

Zweitens müssen wir die Behörden für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung verantwortlich machen und sie dafür sensibilisieren, dass der Schutz von Mitgliedern von humanitären Organisationen eine wichtige Aufgabe ist.

Drittens müssen wir den Einsatz des humanitären Personals neu überdenken. In Irak waren die Vereinten Nationen gezwungen, einen grossen Teil ihrer Mitarbeiter abzuziehen. Das ist ein wirklich sehr ernstes Problem.

swissinfo: In den rund 50 Jahren, in denen das UNHCR besteht, haben sich die Fluchtgründe ein wenig verändert. Wir sehen eine Menge ziviler Konflikte, Menschen werden innerhalb ihres Landes vertrieben, andere müssen aus ökonomischen Gründen ihr Land verlassen. Muss die Definition des Flüchtlings geändert werden?

Boulgaris: Ich denke nicht, dass man die Definition ändern muss. Sie geht auf die Zeit nach dem ersten Weltkrieg zurück, auf Fridtjof Nansen, der damals der erste Beauftragte für Flüchtlinge des Völkerbundes war.

Aber seit der Gründung des UNHCR hat sich vieles verändert. Das UNHCR wurde gegründet, um das durch den Zweiten Weltkrieg verursachte Flüchtlingsproblem in Europa zu lösen. Aber dann entdeckte man, dass nicht nur Europa von diesem schrecklichen Flüchtlingsdrama betroffen war.

Interessanterweise haben wir im Leitungs-Ausschuss erst in diesem Jahr einen Vorschlag für ein unbefristetes Mandat des Hochkommissars ausgearbeitet. Bis jetzt muss das Mandat alle fünf Jahre durch die UNO-Vollversammlung erneuert werden. Dies, weil die Gründer davon ausgingen, dass das Flüchtlingsdrama ein vorübergehendes Phänomen sei.

Manchmal gibt es eine Verwechslung zwischen Flüchtlingen und Migranten, man muss den Unterschied aber aufrechterhalten. Hier in Genf arbeitet das UNHCR sehr gut mit der internationalen Organisation für Migration zusammen.

Die Schweiz hat zudem die so genannte "Bern-Initiative" lanciert, um den sehr heiklen Unterschied zwischen Migration und Flucht genauer zu definieren. Dies ist eine Frage, welche die ganze Welt beschäftigt.

swissinfo: Sie haben nun ein Jahr an der Spitze UNHCR-Ausschusses vor sich. Haben Sie sich spezielle Ziele gesetzt?

Boulgaris: An erster Stelle soll das unbefristete Mandat des Hochkommissars, das wir UNHCR 2004 nennen, durch die UNO-Vollversammlung genehmigt werden. Ich zweifle nicht daran, dass dies geschehen wird.

Zweitens möchte ich mich auf die Finanzen und das Budget der Organisation konzentrieren, um den Spendern garantieren zu können, dass die Gelder effizient verwendet werden. Und drittens ist mir die Sicherheit unserer humanitären Mitarbeiter ein grosses Anliegen.

swissinfo, Imogen Foulkes
(Übertragen aus dem Englischen: Etienne Strebel)

Fakten

Jean-Marc Boulgaris ist Chef der Schweizer UNO-Mission in Genf.
Er steht seit 30 Jahren im Dienst der Eidgenossenschaft, unter anderem als Botschafter der Schweiz in Dänemark.
Die Schweiz war Mitbegründerin des UNHCR, ist aber erst seit September 2002 Vollmitglied (UNO-Beitritt).
Das UNHCR hatte drei Schweizer Hochkommissare: August Lindt (1956-60), Felix Schnyder (1960-65) und Jean-Pierre Hocké (1986-89).

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In Kürze

Das UNHCR wurde am 14. Dezember 1950 gegründet.

Die Organisation führt und koordiniert internationale Aktionen zum Schutz von Flüchtlingen und sucht Lösungen für das weltweite Flüchtlingsproblem.

Ihre wichtigste Aufgabe ist die Überwachung der Rechte und des Wohlergehens von Flüchtlingen.

In den über 50 Jahren ihres Bestehens hat die Organisation ca. 50 Mio. Menschen geholfen.

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