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Schweizer Bahnindustrie "Wenn es richtig steil wird, sind wir die Einzigen"

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Ein Zug von Stadler in Berlin.

Ein Zug von Stadler in Berlin.

(Petra Krimphove/swissinfo.ch)

Die Schweizer Bahnindustrie steht weiter unter dem Druck des starken Frankens. Aber Innovationskraft und Flexibilität hielten die Unternehmen wettbewerbsfähig, sagt Michaela Stöckli, Direktorin des Branchenverbandes swissrail auf der weltgrössten Branchenmesse Innotrans in Berlin.

swissinfo.ch: Draussen auf dem Freigelände der Messe sieht man Männer in Anzügen mit strahlenden Gesichtern unter die ausgestellten Züge kriechen.

Michaela Stöckli, Direktorin des Branchenverbandes swissrail.

(Petra Krimphove/swissinfo.ch)

Michaela Stöckli: (lacht) Ja, die Eisenbahnindustrie ist eine extrem emotionale Branche. Wir alle bekommen hier bei der Präsentation der Neuheiten leuchtende Augen.

swissinfo.ch: In den Messehallen geht es geschäftsmässiger zu. Direkt gegenüber des swissrailexterner Link-Standes präsentiert die chinesische Konkurrenz ihre Innovationen. Ist China ein Markt für die Schweizer Industrie oder eher eine Gefahr?

M.S.: Beides. China ist ein wichtiger Exportmarkt, aber auch extrem schwierig wegen der Missachtung geistigen Eigentums. Wenn Sie etwas nach China verkaufen, können sie sicher sein, dass wenig später eine Kopie auf dem Markt erscheint. Insofern sind unsere Mitgliedsunternehmen da gespalten. Manche halten sich zurück, andere gehen das Risiko ein.

swissinfo.ch: Welches sind die grössten Exportmärkte für die Schweizer Industrie?

M.S.: Das ist zum einen Deutschland und generell ganz Europa. Darüber hinaus sind wir sehr stark in den ehemaligen GUS-Staaten und in Südamerika. In Bolivien bereiten wir gerade ein gemeinsames Angebot mit deutschen Unternehmen vor. Es geht um eine Strecke über die Anden. Da sind die Chinesen unsere grössten Konkurrenten.

Swissrail

Der Schweizer Branchenverband swissrail vertritt rund 110 Schweizer Unternehmen, die Dienstleistungen und Produkte für den spurgebunden Verkehr, inklusive Seilbahnen, anbieten.

Die Branche beschäftigt rund 38'000 Mitarbeiter in der Schweiz und generiert einen Umsatz von 9, 5 Milliarden Franken, 60 Prozent davon durch den Export.

Die Mitgliedsunternehmen sind entlang der Wertschöpfungskette des Schienenverkehrs aufgestellt. Das Spektrum reicht von Beratung über Strecken und Tunnelbau, Elektrifizierung, IT-Systeme, klassisches Rollmaterial und den Unterhalt des Netzes und des Materials.

Michaela Stöckli ist seit 2009 Direktorin von swissrail.

(Quelle: swissrail)

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swissinfo.ch: Hat das Hochpreisland Schweiz denn eine Chance?

M.S.: Nicht alles wird über den Preis entschieden. Wir fahren einen ganz anderen Ansatz als die Chinesen. Die bringen immer die komplette Finanzierung und alle Arbeitskräfte mit, bis zu 20'000 Leuten für ein solches Grossprojekt. Wir stellen zwar auch nicht unser Know-how zur Verfügung, aber wir würden mit heimischen Firmen in Bolivien kooperieren, sie trainieren und vor Ort Arbeitsplätze schaffen.

swissinfo.ch: Zudem kennen sich Ihre Firmen mit hohen Bergen aus. Die Anden sind ja noch höher als die Alpen.

M.S.: Wenn es steil wird, können sie heute nur Schweizer Technologie kaufen. Bei den Zahnradbahnen sind wir quasi Monopolisten. Und wir sind Spezialisten in den verschiedenen Spurbreiten. Dieses Know-how haben wir auch wegen der Schweizer Topographie, in Südamerika ist dies sehr nützlich. 

swissinfo.ch: Müssen Zügen denn im internationalen Wettbewerb heute nicht vor allen Dingen schnell sein?

M.S.: In Konkurrenz zu den Billigfliegern ist das in der Tat wichtig. Der Anspruch ist hoch. Züge sollen schnell und pünktlich sein, bequem, voll klimatisiert, Internet bieten und ruhig laufen. Für einen modernen und konkurrenzfähigen Bahnverkehr braucht man jedoch eine staatlich subventionierte Infrastruktur, wie wir sie in der Schweiz haben. Das modernste Rollmaterial nützt nichts, wenn es auf veralteten Schienen fährt.

Innotrans

Die Innotrans findet alle zwei Jahre in Berlin statt und ist die grösste internationale Fachmesse für Schienen-Verkehrstechnik.

In diesem Jahr präsentierten vom 20.-23. September 114 Aussteller 113 Weltpremieren. Auf einer 3500 Meter langen Gleisanlage wurden zudem Triebzüge, Lokomotiven, Güterfahrzeuge und Strassenbahnen, Bau- und Zweiwegefahrzeugen vorgestellt. Die Schweizer Industrie war sowohl am gemeinsamen Stand der Swissrail als auch an Einzelständen vertreten.

(Quelle: Innotrans)

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Wir hatten immer schon den politischen Willen, den öffentlichen Verkehr auch durch öffentliche Mittel zu unterstützen. In anderen Ländern ist das nicht der Fall. Schauen Sie in die USA: Das Land hat das grösste Schienennetz der Welt, aber es nutzt es nur für den Güterverkehr. Für den Personenverkehr ist es auch wegen des fehlenden Bewusstseins, ausser im Nordosten zwischen New York und Washington, gar nicht mehr ausgerichtet.

swissinfo.ch: Wie wichtig sind internationale Fachkräfte für die Schweizer Bahnindustrie?

M.S.: Wir sind für einen offenen Arbeitsmarkt, deswegen habe wir uns als Verband von Anfang an gegen die "Masseneinwanderungs-Initiative" ausgesprochen. Die Schweiz ist für internationale Experten ein attraktives Land mit sehr attraktiven Arbeitgebern. Diese Position dürfen wir im Wettbewerb nicht aus der Hand geben.

swissinfo.ch: Spielt der starke Franken im Export noch eine Rolle?

M.S.: Es hat uns Anfang 2015 einen echten Schlag versetzt, als die Schweizer Nationalbank die Stützung des Franken aufgab. Plötzlich wurden unsere Produkte auf dem Weltmarkt um 20 Prozent teurer. Das können sie nicht von heute auf morgen durch hohe Qualität und Innovationskraft wettmachen. Manche Unternehmen haben als Folge ihre Produktionsstätten zum Teil ins Ausland verlegt, zum Beispiel nach Polen. Für die kleinen ist der Wettbewerb härter geworden.

Giruno

Der von Stadler gebaute Giruno gilt als Vorzeigeobjekt der SBB. Er wird ab Ende 2019 durch den Gotthard fahren und Zürich und Mailand in drei Stunden Fahrtzeit verbinden.

Sein Name ist an das rätoromanische Wort für Bussard, Girun, angelehnt.

Der Giruno ist der erste Hochgeschwindigkeitszug aus einem Schweizer Unternehmen. Er bietet mit bis zu 400 Metern Länge insgesamt 806 Sitzplätze. Die Züge verfügen über spezifische Wagen mit Tiefeinstiegen für Rollstuhlfahrer.

(Quelle: Stadler)

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swissinfo.ch: Die Eröffnung des Gotthard-Tunnels hat weltweit Schlagzeilen gemacht. War das hilfreich für die Branche?

M.S.: Der Gotthard ist ein Prestigeobjekt mit ungeheurer Strahlkraft für unsere Unternehmen. Wir sind unglaublich stolz, dass wir den Bau innerhalb des Zeit- und Budgetrahmens geschafft haben. Hier in Berlin macht man mit dem neuen Flughafen ja gerade ganz andere Erfahrungen. Vor dem Hintergrund unseres hohen Preisniveaus ist es umso wichtiger, dass wir Vorzeigeprojekte wie den Gotthard haben. Wir bauen nicht am günstigsten, aber zuverlässig und hochwertig.

swissinfo.ch: Welches sind hier auf der Innotransexterner Link die Vorzeigeobjekte der Schweizer Industrie?

M.S.: Eines ist sicherlich die Präsentation des Giruno, der ab 2019 durch den Gotthard fahren wird. Es ist unglaublich, in welch kurzer Zeit Stadler den Zug auf die Schiene gebracht hat.

swissinfo.ch: Was ist an diesem Zug so besonders? 

M.S.: Er ist der erste Hochgeschwindigkeitszug der Schweiz und fährt bis zu 249 Stundenkilometer schnell. Der Gotthard-Tunnel ist die erste Strecke in der Schweiz, welche diese Geschwindigkeit zulässt.

swissinfo.ch: Das heisst, der Bereich Hochgeschwindigkeit ist für Schweizer Industrie noch Neuland?

M.S.: Hochgeschwindigkeit ist kein grosses Thema in der Schweiz. Das erklärt sich durch die Kleinheit des Landes und auch durch die Topographie. Unsere Industrie ist neben der Überwindung von Höhenmetern auch extrem stark in sogenannten "Urban Transport"-Systemen, in flexiblen urbanen Verkehrsmitteln wie Strassenbahnen, Inter-Regios und Intercities. Neue Verkehrskonzepte in den grossen Metropolregionen der Welt eröffnen hier enorme Marktchancen.

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