Heute in der Schweiz
Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Corona-Themen der Stunde: Wie soll man zu Hause bleiben, wenn man kein Zuhause hat? Welche Kinder bleiben beim Fernunterricht auf der Strecke? Warum Daniel Koch und Adriano Aguzzi innert Tagen prominent wurden?
Herzliche Grüsse aus dem stillen Bern
Mit der Corona-Krise sind Personen national bekannt geworden, die man vorher nur in kleinen Kreisen kannte. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist eine davon; Adriano Aguzzi vom Universitätsspital Zürich eine weitere.
Krisen-Manager des Bundes nennen ihn die einen, andere sprechen vom «Mister Corona» oder vom Marathon-Mann. Gemeint ist Daniel Koch, Abteilungsleiter übertragbare Krankheiten beim BAG. Der nüchterne Spitzenbeamte erhält derzeit haufenweise Fanpost.
Seit dem Ausbruch ist Koch fast pausenlos im Einsatz. Auf alle Fragen der Journalisten – ob intelligent oder weniger – antwortet er genau gleich geduldig. Der Arzt und Spitzenbeamte ist zäh, diszipliniert und belastbar. In seiner Freizeit läuft er meilenweit.
Auch der Name Adriano Aguzzi taucht seit Tagen in allen Medien auf. Der Zürcher Neuropathologe Aguzzi forderte schon vor zwei Wochen einen schweizweiten Lockdown. Nun schreibt er auf Facebook, die neuesten Massnahmen seien immer noch unzureichend.
Heute macht Aguzzi Schlagzeilen, weil er einen Antikörpertest lancieren will. Er könne täglich für 2000 Personen klären, ob sie immun gegen das Virus seien. Die Versprechen des Neuropathologen machen hellhörig, weil der Bund derzeit mangels Material-Nachschub höchstens rund 6000 Tests durchführen kann.
- Ein Porträt von Adriano Aguzzi finden Sie in der Neuen Zürcher ZeitungExterner Link. (Paywall)
- Ein Porträt vom Marathon-Mann Daniel Koch finden Sie in der Schweizer IllustriertenExterner Link. (Paywall)
- Den Talk mit «Mister Corona» sehen Sie in der Sendung Rundschau von SRFExterner Link.
Besonders hart trifft die Corona-Krise die Schwachen, auch in der Schweiz: Obdachlose, Sans-Papiers, Asylsuchende. Verhaltensregeln wie «Zuhause bleiben», «Distanz halten», ist für sie viel schwieriger einzuhalten.
Allein im Kanton Zürich leben gemäss Schätzungen mehrere Tausend Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung. Obwohl viele von ihnen arbeiteten (auf dem Schwarzmarkt), können sie weder Arbeitslosengeld noch Sozialhilfe beziehen. Viele teilen die Wohnung mit mehreren Personen.
Wichtige Gesundheitsvorschriften zur Bekämpfung der Pandemie können auch im Asylbereich nicht eingehalten werden. Hilfsorganisationen fordern deshalb, dass die Verfahren während der Krise ausgesetzt werden. Der Bund will davon aber nichts wissen.
- Seit einer Woche soll man zu Hause bleiben. Was ist mit jenen, die keines haben? Mein Kollege Rino Scarcelli hat sich in grossen Schweizer Städten kundig gemacht.
- «Ich weiss nicht, was ich tun soll, wenn ich krank werde», erzählt eine Frau ohne Aufenthaltsbewilligung in der NZZExterner Link. (Paywall)
- Die Schweizer Behörden haben kein offenes Ohr für die Forderung der Hilfsorganisationen, Asylverfahren während der Krise auszusetzen. Sogar Abschiebungen werden fortgesetzt, schreibt meine Kollegin Marie VuilleumierExterner Link.
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Bildung ist der wichtigste Rohstoff der Schweiz. Logisch, dass die Diskussionen über die Schul-Schliessung hohe Wellen werfen. Schon nach der ersten Woche Fernunterricht spricht eine Zürcher Schulleiterin davon, das unterbrochene Schuljahr zu wiederholen. Andere Pädagogen warnen davor.
Seit einer Woche wird an den Schweizer Schulen der Fernunterricht eingesetzt. Sowohl die Bildungsdirektorin des Kantons Zürich wie jene des Kantons Bern zeigen sich beeindruckt von dem, was die Lehrerschaft in so kurzer Zeit aufgebaut hat.
Mit länger dauernden Schulschliessungen hat die Schweiz keine Erfahrung. Wie sich diese auswirken könnten, wisse man zum Beispiel in Kanada und den USA. Der dadurch entstandene Wissens-Rückstand sei innert weniger Wochen aufgeholt, sagen Pädagogen dort.
Aber der Fernunterricht droht soziale Unterschiede zu verstärken. Für die Lehrkräfte wird es aufwändiger, diese abzufedern und auf spezifische Bedürfnisse einzugehen. Man müsse Kinder mit Defiziten noch mehr unterstützen als sonst, sagen Bildungsdirektorinnen gegenüber Medien.
- «Kinder holen den Schulstoff wieder auf», sagt die Zürcher Bildungsdirektorin dem Tages-AnzeigerExterner Link. (Paywall)
- «Wir müssen Kinder mit Defiziten gut unterstützen», sagt die Berner Bildungsdirektorin der Zeitung Der BundExterner Link. (Paywall)
- «Prüfungen sind das grösste Problem», sagt die Baselbieter Schuldirektorin Monica Gschwind der Zeitung für die Region Basel bzExterner Link. (Paywall)
Welche Auswirkungen hat die Krise auf den Alltag in der Schweiz, auf die Stimmungslage? Eine Umfrage im Auftrag der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, zu der auch swissinfo.ch gehört, gibt Aufschluss.
Nur 15% der Befragten haben die eigenen vier Wände in den letzten Tagen nicht verlassen. Die anderen gingen einkaufen, arbeiten oder spazieren. Die Mehrheit ist der Ansicht, dass die Massnahmen der Schweizer Regierung angemessen seien.
Bisher lediglich 2% der Befragten kennen jemanden, der oder die einen schweren Corona-Krankheitsverlauf haben. Aber drei von vier Personen rechnen damit, dass das Schweizer Gesundheitswesen ein annähernd ähnliches Schicksal erwartet wie jenes in der Lombardei.
- Weitere Informationen aus der repräsentativen Befragung finden Sie bei uns.
- Die Ergebnisse werden auf den Kanälen und Sendern der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft publiziert.
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