Mittwoch
Liebe Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer
Heute regnet es in Bern. Deshalb packen wir den Sonnenschirm ein und fahren ins Tessin und nach Italien – zumindest thematisch. Welche kreativen Risiken geht das Filmfestival Locarno ein? Warum liebt die Mafia die Schweiz? Dies und am Fiskus vorbeigemauschelte Steuergelder stehen auf dem Menu unseres heutigen Briefings.
Herzliche Grüsse aus Bern
Filmfans dürfen gespannt sein. Ab Mittwochabend soll am Filmfestival in Locarno im Tessin eines der kühnsten und aufregendsten Programme seit Jahren über grosse und kleine Leinwände flimmern.
Sie hat einige Veränderungen vorgenommen, die neue Direktorin des Festivals, Lili Hinstin. Dabei scheint die neue Festivalleitung auch absolut bereit, einige kreative Risiken einzugehen, wie mein Kollege Eduardo Simantob herausgefunden hat.
Keine «Wohlfühl-Filme». Hinstin hat sich unter anderem dagegen entschieden, dem Trend zu widerstehen und solche Filme für die Open-Air-Abendvorstellungen auf der Piazza Grande mit ihren bis zu 8000 Sitzplätzen zu programmieren. Trotzdem will sie den Geschmack des grossen Publikums nicht ausser Acht lassen.
- Details zum Programm und mehr Hintergründe über das Festival, inklusive eines zweiteiligen Video-Interviews mit Lili Hinstin, finden Sie im Artikel von Eduardo
- Welcher Fauxpas der neuen Direktorin richtig peinlich ist, hat sie der CH-Media-Gruppe in einem InterviewExterner Link verraten
- Bereits im Januar dieses Jahres konnte Eduardo mit Lili Hinstin sprechen, woraus dieser Artikel entstanden ist
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Nun verlangt auch Italien Bankauskünfte aus der Schweiz. Wie am Mittwoch bekannt wurde, schickten italienische Behörden bereits Anfang Dezember 2018 ein entsprechendes Amtshilfegesuch.
Konkret geht es um Bankdaten der Grossbank UBS. Italien verlangt Informationen über namentlich nicht bekannte Personen mit Wohnsitz in Italien, die Konten bei der UBS Schweiz haben und diese bisher dem Fiskus verschwiegen.
Eine Premiere: Gegenüber Medien des Verlagshauses Tamedia sagte der Tessiner Steueranwalt Giovanni Molo, es handle sich dabei um die erste Gruppenanfrage aus Italien. Seiner Meinung nach handelt es sich dabei um einen «Pilotfall». «Ist Italien damit erfolgreich, dürften weitere Anfragen für Kunden anderer Banken eintreffen», wird Molo zitiert.
- Wie sich das italienische Begehren von jenem Frankreichs unterscheidet, zu dem das Bundesgericht Ende Juli ein umstrittenes Urteil gefällt hat, lesen Sie im Artikel des Tages-AnzeigersExterner Link (Paywall)
- Trotz den Entwicklungen im Bankensektor und dem entstandenen Regulierungsdruck scheinen die Schweizer Banken wieder vermehrt Kundengelder aus dem Ausland anzuziehen, wie dieser Artikel meines Kollegen Armando Mombelli vom Mai zeigt
Nicht nur die italienischen Behörden strecken ihre Fühler nach der Schweiz aus. Die kalabrische Mafia-Organisation ‚Ndrangheta ist bereits seit Jahrzehnten in der Schweiz tätig. Das Schweizer Justizsystem sei nicht an die kriminelle Realität im eigenen Land angepasst, sagt ein Kenner im Interview.
«80% des in Europa ankommenden Kokains sind in den Händen der ‚Ndrangheta.» Das sagt der italienische Richter und Essayist Nicola Gratteri im Gespräch, das unser freier Mitarbeiter Michele Novaga kürzlich mit ihm in Torre Pellice bei Turin führen konnte.
Einkaufsparadies Schweiz: Mit dem Geld aus den illegalen Geschäften kauften sich die Familienclans in Europa und der Schweiz in legale Unternehmen ein, sagt der Kenner der Materie.
Europa hat ein Problem, weil es in dessen Justizsystem kein Verbrechen einer mafiaartigen Vereinigung gibt. In der Schweiz komme einem solchen Verbrechen noch jenes der Mitgliedschaft in einem Geheimbund am nächsten, so der Richter. Das wird mit einem bis fünf Jahren Gefängnis bestraft. «Für die Mafia ist es daher praktisch, in der Schweiz Verbrechen zu begehen.»
- Möchten Sie mehr darüber erfahren? Hier finden Sie das ganze Interview von Michele Novaga mit Nicola Gratteri
- Einen interessanten Einblick in die Machenschaften von mafiösen Organisationen bietet dieser Artikel von Floriana Bulfon, den wir im Februar publiziert haben
- Warum die Strafen in der Schweiz eher mild ausfallen, hat letzthin meine Kollegin Sibilla Bondolfi in einem Artikel erläutert
«Ein Richter ist kein Parteisoldat.» So titelt am Mittwoch die Neue Zürcher Zeitung einen Kommentar zum Thema Gewaltentrennung in der Schweiz. Das Thema ist brandaktuell in einem Wahljahr – gehören doch diese Amtspersonen in der Schweiz meist einer Partei an.
In manchen Ländern dürfen Richter keiner politischen Partei angehören. Nicht so in der Schweiz. Hier ist die Parteizugehörigkeit faktisch Voraussetzung zur Richterwahl. Gewählte Richter müssen ihrer Partei üblicherweise sogar eine Mandatssteuer entrichten.
Der Abweichler: Nun hat das Bundesgericht kürzlich entschieden, einem Amtshilfegesuch Frankreichs stattzugeben – zur Auslieferung von Bankdaten säumiger Steuerzahler. Darauf kam es zu einem Sturm der Entrüstung, weil ein Richter nicht gemäss der Linie seiner Partei gestimmt hatte. Es blieb nicht das einzige Beispiel.
«Verpflichtet sind sie in ihrer Tätigkeit aber einzig dem Recht», schreibt nun die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Kommentar. Eine unabhängige Justiz sei ein Grundpfeiler der Demokratie. Wer deren Verpflichtung zum Recht nicht akzeptiere, trete «die Gewaltenteilung mit Füssen».
- Der ganze Kommentar in der Neuen Zürcher ZeitungExterner Link (ev. Paywall)
- In der Schweiz ist gegenwärtig eine Initiative hängig, die verlangt, dass Bundesrichter künftig per Los bestimmt werden. Meine Kollegin und Juristin Sibilla Bondolfi sprach im letzten November mit dem Initianten der so genannten «Justizinitiative»
Sind Sie zufrieden mit Ihrer Unterkunft in Ihrem Gastland? Nicole ist Schweizerin und lebt in Australien. Als House-Sitterin hat sie Einblick in zahlreiche australische Wohnzimmer erhalten und kann Vergleiche zum Wohnen in der Schweiz ziehen.
«Australier wohnen viel unordentlicher als Schweizer.» Nicole bestätigt das Klischee der ordnungsliebenden Schweizer und Schweizerinnen.
«Australiern ist die Privatsphäre enorm wichtig», sagt die Auslandschweizerin. Australier wünschten sich meist ein eigenes Haus. Lediglich zehn Prozent der Australierinnen und Australier leben gegenwärtig in einer Wohnung – deutlich weniger als in der Schweiz, wo eine Mehrheit in Mehrfamilienhäusern wohnt.
- Lesen Sie hier das Porträt von Nicole, das meine Kollegin Sibilla Bondolfi realisiert hat
- Und Sie? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Unterkunft in Ihrem Gastland? Nehmen Sie an unserer Diskussion teil!Externer Link
Nur noch zur Erinnerung: Am 20. Oktober wählen die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ihr neues Parlament. Ihre Stimme ist schon hart umkämpft.
Dabei geht es um die 200 Volksvertreterinnen und -vertreter im Nationalrat und die 46 Mitglieder des Ständerats (Genau genommen sind es deren 45: Der Kanton Appenzell Innerrhoden wählte seinen Standesvertreter bereits an der Landsgemeinde vom 28. April 2019).
Favoriten sind die Grünen, die Sozialdemokraten und die Grünliberalen – sie waren die Gewinner der letzten kantonalen Wahlen. Die Schweizerische Volkspartei dagegen, landesweit die stärkste Partei, musste auf Kantonsebene stark Federn lassen.
- Wir erklären in einem kurzen Video wie die Parlamentswahlen ablaufen
- Hier zeigen wir Ihnen die Wahlergebnisse seit 1971 auf einen Blick
- Was sind die fünf wichtigsten Probleme der Schweiz? Diese Frage wird jedes Jahr rund tausend Stimmberechtigten gestellt. Hier sind die Ergebnisse
- Noch mehr unserer vielseitigen Berichterstattung finden Sie hier
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