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Schweizer Kino "Der Dokumentarfilm wartet nicht auf dich"

Eine Frau und ein Mann schauen in die Kamera

Francesca Scalisi und Mark Olexa, Gründer der Schweizer Produktionsfirma Dok mobile.

(zvg)

Dok mobile ist eine aufstrebende Schweizer Filmgesellschaft, die sich auf Dokumentationen spezialisiert und zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten hat. Auf dem Programm der 54. Ausgabe der Solothurner Filmtage standen drei Filme der 2012 gegründeten freiburgischen Produktionsfirma, darunter einer für den Prix de Soleure: Digitalkarma, La Petite Mort und der Kurzfilm Ligne noire. 

Filmproduktion in der Schweiz

Dieser Artikel ist Teil einer Porträtserie von Schweizer Filmproduzenten und Filmproduzentinnen – manche von ihnen sind auch als Regisseure und Regisseurinnen tätig -, die Licht auf die Herausforderungen und Leidenschaften werfen, welche die Schweizer Filmindustrie am Leben erhalten.

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Die Konfrontation des Menschen mit Extremsituationen und die Emanzipation der Frauen: Das sind die beiden Hauptthemen, welche die gesamte Filmographie der jungen Produktionsfirma Dok Mobile prägen. Francesca Scalisi und Mark Olexa, Produzenten und Regisseure, sind die Gründer dieser jungen Schweizer Produktionsfirma.

Nach ihrer Ausbildung und ersten Schritten als Filmemacher in Italien – laut Scalisi ein schwieriges Umfeld für den Dokumentarfilm und dessen Produktion" - entschieden sich die beiden, in die Schweiz, nach Freiburg zu ziehen, wo sie ihrer Meinung nach einen fruchtbaren Boden für die Entwicklung von Ideen und Projekten finden würden. Trotzdem hätten sie "in den ersten drei Jahren ein wenig kämpfen müssen, um zu lernen, sich in dieser Welt zu bewegen", ergänzt Olexa.

Die Filme Digitalkarma und Ligne noire präsentierten sie in Solothurn als Produzenten-Regisseure. Wie der Kurzfilm Moriom 2015 wurden die beiden Filme in Bangladesch gedreht. Der erste der beiden Filme, der in das Hauptprogramm der Solothurner Filmtage aufgenommen und von der Schweizer Botschaft in Dhaka unterstützt wurde, hielt die gesamte Produktionsfirma vier Jahre lang in Atem.

Der Film handelt von einer jungen einheimischen Frau namens Rupa, die an einem Ausbildungsprogramm in Informatik und Krankenpflege teilnimmt und erste Schritte in die Berufstätigkeit macht. Scalisi erinnert sich: "In all den Jahren standen wir in ständigem Kontakt mit Rupa und wir waren bereit hinzugehen, wann immer es nötig war."

Das war nicht immer eine leichte Aufgabe: "Als uns die Nachricht von Rupas eher hastig geplanter Hochzeit erreichte, musste Mark schnell hinreisen und vor Ort eine Crew mit einer Frau als Verantwortlichen für die Dreharbeiten organisieren. Auf diese Weise erhielten wir Zugang zu den intimsten Momenten der Zeremonie."

Die grösste Schwierigkeit für Dokumentarfilmer, sagt Scalisi, "ist es, Geld zu finden, bevor dir die Geschichte entgleitet. Ich sage immer, dass der Dokumentarfilm nicht auf dich wartet."

Aus diesem Grund hätten sie sich entschieden, Moriom und Ligne noire, zwei weniger anspruchsvolle Produktionen als Digitalkarma, zu drehen, ohne eine Finanzierung zu beantragen. "Die Geschichten waren da und wir beschlossen, sie zu erzählen, ohne zu viel über Geld nachzudenken." Ein Risiko, das sich angesichts der zahlreichen gewonnenen Preise, darunter der erste Preis am Internationalen Kurzfilmfestival in Winterthur 2017, gelohnt  hat: "Vielleicht sollten wir über Formen der systematischen Finanzierung des Dokumentarfilms nachdenken, die nicht mit einem bestimmten Projekt zusammenhängen", ergänzt die Produzentin. 

Ligne noire besteht praktisch aus einer einzigen Kameraeinstellung, die einer Frau folgt, die mit einem Netz fischt, das in einen Fluss getaucht ist, der vollständig vom Öl verwüstet ist. Die leidende Natur steht im Kontrast zu den fast tänzerischen Bewegungen der Protagonistin und dem Gesang eines Muezzins, einem Klangrahmen, der die postapokalyptische Atmosphäre des Films weiter verstärkt.

Als Produzenten begannen sie, ihre eigenen Filme zu produzieren, ohne selbst Regie zu führen. Olexa erzählt: "Wir suchten nach jungen Regisseuren, um unsere Projekte zu realisieren." Und Scalisi fügt hinzu: "Jetzt, da wir etwas bekannter sind, kommen Regisseure und Regisseurinnen mit Vorschlägen zu uns, ohne dass wir nach ihnen suchen müssen." La Petite Mort ist einer der neuesten Filme von Dok mobile, bei denen die beiden nicht Regie führten.

In Annie Gislers Dokumentarfilm, der auch für ein Fernsehpublikum konzipiert wurde, erzählen Frauen jeden Alters, jeder sexuellen Orientierung und jeder sozialen Herkunft über ihre Beziehung zum Orgasmus, so intim, als wäre es ein Tagebuch. Ein sehr starkes Thema, das ohne Tabus behandelt wird. Das erinnert an einen anderen Schweizer Dokumentarfilm: The Female Pleasure der Schweizer Regisseurin Barbara Miller, der sehr ähnlich konzipiert ist.

Schweizer Film "Die Kontrolle der weiblichen Sexualität ist ein globales Thema"

In der Schweiz ist #Female Pleasure der meistgesehene Dokumentarfilm 2018. Er ist für alle Frauen und Männer gedacht, sagt Regisseurin Barbara Miller.

Was die Verbreitung ihrer Filme betrifft, so haben die beiden Produzenten klare Vorstellungen. Für Olexa sind "die Kurzfilme fast ausschliesslich für Festivals konzipiert, aber sie sind auch auf digitalen Plattformen zugänglich und seit einiger Zeit erreichen einige unserer Werke als Eröffnungsfilme des Abends sogar die Kinos." Manchmal würden die Filme auch an Ausstellungen im musealen Kontext gezeigt.

Für Spielfilme ist neben der Übertragung im Fernsehen (auch im Ausland) die Verbreitung im Kino unerlässlich. Da den beiden bewusst ist, dass es Dokumentarfilme bei der Distribution schwerer haben als Fiktion und Blockbuster, organisieren sie Ad-hoc-Abende mit Diskussionen, um die Säle zu füllen.

"Im Fall von Wonderful Losers, einem Film über den professionellen Radsport, haben wir uns selbst um die Verteilung in den verschiedenen Sprachregionen gekümmert, indem wir Radsportverbände eingebunden und Profisportler zu einer Diskussion am Ende des Abends eingeladen haben. Kurz gesagt: wir haben versucht, den Film in eine öffentliche Debatte zu verwandeln, und so konnten wir das Kino füllen."

swissinfo.ch

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