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Schweizer Nationalpark: "Ein Stück Alpennatur"

Der Wildtierbiologe Heinrich Haller - oberster Hüter des Schweizerischen Nationalparks. swissinfo.ch

Den Schweizerischen Nationalpark kennt er wie seine Hosentasche: Heinrich Haller, seit 10 Jahren Direktor einer 172 km2 grossen Wildnis im Graubünden.

Dieser Inhalt wurde am 26. Februar 2006 - 11:51 publiziert

Der Einklang von Ökologie und Ökonomie sei durchaus möglich und die Rückkehr des Bären würde er begrüssen, sagt Haller im Gespräch mit swissinfo.

swissinfo: Der Schweizerische Nationalpark ist der älteste in Mitteleuropa. Hat er heute noch einen Sonderstatus?

Heinrich Haller: Ja. Die Natur kann sich hier seit bald 100 Jahren weiterentwickeln, da ist Wildnis noch oder eben wieder vorhanden. Unser Nationalpark hat den höchsten Schutz im ganzen Alpenraum und weit darüber hinaus.

Bemerkenswert ist die Grundidee: Ein gewöhnliches Stück Alpennatur wurde sich selbst überlassen. Ein Stück Natur, das keine besonderen Sehenswürdigkeiten wie Canyons oder Geysire aufweist und dank seiner Unversehrtheit attraktiv ist.

swissinfo: Welchen Stellenwert hat der Park für die Forschung?

H.H.: Der Schweizerische Nationalpark dient der wissenschaftlichen Forschung, mehr als andere Parks. Er ist eine einzigartige Referenzfläche geworden, um Natur kennen zu lernen, und zwar langfristig.

Es geht darum, die natürlichen Prozesse zuzulassen, zu beobachten und zu erforschen. Diese visionäre Idee war damals extrem modern und ist es noch heute. Um unsere Konstanz werden wir beneidet.

swissinfo: Was ist bei den rund 150'000 Besuchern besonders beliebt?

H.H.: Die Leute suchen die intakte Natur, die fast Kanada-artige Wildnis. Viele kommen wegen der grossen Wildtiere. Vor allem die Rothirsche können hier in ihrem natürlichen Umfeld beobachtet werden wie kaum irgendwo sonst.

Auch die unberührten Wälder und die Flora im Frühling und Sommer sind eine grosse Attraktion.

swissinfo: Seit 1991 werden im Rahmen eines alpenweiten Projekts Bartgeier ausgesetzt. Mit Erfolg?

H.H.: Der Bartgeier ist spektakulär und sehr bekannt in der Öffentlichkeit. Inzwischen wurden 24 Jungtiere freigelassen. Bisher haben sich drei Brutpaare etabliert, nicht in unserem Nationalpark, sondern im angrenzenden italienischen Parco Nazionale dello Stelvio.

Der Bartgeier ist auf gutem Weg, wieder als wichtiger Bestandteil in die Alpenfauna zurückzukehren.

swissinfo: Letzten Sommer tauchte der Bär im Nationalpark auf und sorgte für einen Riesenwirbel. Haben Sie von diesem Ereignis profitieren können?

H.H.: Der Bär hat uns einen Besucherzuwachs gebracht. Der erste sichere Nachweis dieses einen Braunbären in der Schweiz wurde im Nationalpark gemacht - durch ein Foto eines unserer Wissenschafts-Praktikanten.

Das Münstertal, wo der Bär mehrmals gesichtet wurde, verstand es, dieses Ereignis touristisch auszunutzen. Das hat mich gefreut, denn damit war eine grundsätzlich positive Haltung dem Bären gegenüber verbunden.

Der Bär verkörpert ein Stück Wildnis. Es besteht die Hoffnung, dass mit der Zeit Bären und andere Grossraubtiere in dieser naturgeprägten Region wieder Fuss fassen können.

Von einer Rückkehr des Bären kann nach diesem Kurzbesuch aber nicht gesprochen werden. Wir bereiten uns seit längerer Zeit auf die Rückkehr des Braunbären vor: 1997 haben wir im Val S-charl, wo 1904 der letzte Bär abgeschossen wurde, eine Dauerausstellung zum Thema eingerichtet.

swissinfo: Musste der Nationalpark wegen der nun auch in Europa grassierenden Vogelgrippe Massnahmen ergreifen?

H.H.: Der Nationalpark ist von der Vogelgrippe bisher nicht betroffen. Er steht bezüglich dieser Krankheit sicherlich nicht im Fokus, weil es hier kein Geflügel gibt.

Wildvögel kommen vor, doch in geringerer Dichte als in tieferen Lagen; Wasservögel gibt es kaum.

Dass man tote Tiere nicht anfassen darf, gehört zu den allgemeinen Verhaltensregeln, die man gegebenenfalls in Erinnerung rufen kann.

swissinfo: Was hat sich während Ihrer 10-jährigen Tätigkeit im Nationalpark verändert?

H.H.: Wir haben die Parkverwaltung in eine adäquate Struktur mit vier Bereichen umgebaut, viel an Öffentlichkeitsarbeit geleistet und die Forschungs-Koordination weiterentwickelt.

Zu erwähnen ist auch das Projekt der Nationalpark-Erweiterung. Es ist uns gelungen, die knapp 4 km2 grosse Seenplatte von Macun in den Nationalpark zu integrieren.

Die eigentliche Idee, eine grosse Umgebungszone um den Nationalpark zu schaffen, konnten wir leider nicht verwirklichen.

swissinfo: Wo liegt die Balance zwischen wirtschaftlichem Nutzen des Menschen und Schutz der Natur?

H.H.: Nachhaltige Nutzung ist interessant für den Menschen, aber auch für die Natur. In Naturparks sollte es keine Probleme geben, da hat der Naturschutz seinen Stellenwert.

An anderen Orten ist es eine ständige Gratwanderung zwischen wirtschaftlichen Vorteilen und möglichen Auswirkungen auf Natur und Landschaft. Mit Nachhaltigkeit können Ökologie und Ökonomie in Einklang gebracht werden.

Wir wissen alle, dass oft kurzfristiges Gewinndenken vorherrschend ist und entsprechende Schäden anrichten kann. Dem muss man insbesondere im Alpenraum, der als Tourismusregion auf intakte Natur angewiesen ist, entgegenhalten.

swissinfo: Was plant der Nationalpark-Direktor für die Zukunft?

H.H.: Es gibt zwei Hauptprojekte: Zum einen ist es das neue Nationalparkzentrum, das mitten in Zernez entstehen soll. Im Frühling folgt der Spatenstich zum 13 Mio. Franken teuren Vorhaben.

Das zweite Projekt ist die Biosfera Val Müstair/Parc Naziunal. Gemäss neuen Bestimmungen muss ein Biosphären-Reservat aus einer Kernzone, einer Pflegezone und einer Entwicklungszone bestehen.

Der Nationalpark kann gemäss heutigem Status nur diese Kernzone bieten. Das Münstertal soll als Pflege- und Entwicklungszone ausgewiesen werden.

swissinfo, Gaby Ochsenbein, Zernez

Fakten

Heinrich Haller wurde am 13. 09. 1954 in Muri, AG, geboren.
Er studierte in Bern Wildtierbiologie und war jahrelang als Feldforscher im Nationalpark tätig.
Haller ist spezialisiert auf grosse Raubtiere und Huftiere.
Seit dem 1. März 1996 ist er Direktor des Schweizerischen Nationalparks.
Der habilitierte Wildbiologe hat zudem einen Lehrauftrag an der Universität Göttingen, Deutschland.

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In Kürze

Der Schweizerische Nationalpark wurde am 1. August 1914 gegründet. Er ist der älteste und zweitkleinste im Alpenraum.

Er ist das erste Biosphären-Reservat der Schweiz (1979) und gehört gemäss "International Union for the Conservation of Nature" zur Gruppe mit dem höchsten Schutzstatus.

Fläche: 172 km2, davon 28% Wald, 21% alpiner Rasen, 51% Geröll, Fels

30 Säugetierarten, darunter ca. 2000 Hirsche, über 100 Vogelarten, 650 verschiedene Pflanzenarten

30 Mitarbeitende, 150'000 Besucher pro Jahr

Seit der Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes 2005 kennt die Schweiz drei Kategorien von Parks: Nationalparks (ursprünglicher Naturcharakter), regionale Naturparks (Schutz von Kulturlandschaft), Naturerlebnisparks.

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