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Schweizer Studie über älter werdende HIV-Patienten

Eine neue Schweizer Studie untersucht Sekundärerkrankungen bei alternden HIV-Patienten.

(Keystone)

Für alternde HIV-positive Menschen werden Behandlung und Prävention von Krankheiten, die nicht direkt mit dem HI-Virus zusammenhängen, immer wichtiger. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung im Rahmen einer Schweizer HIV-Studie.

In der Studie wurden die Daten über klinische Vorkommnisse bei fast 9000 HIV-positiven Patienten und Patientinnen ausgewertet, die von Januar 2008 bis Dezember 2010 erfasst worden waren. Forschende und Ärzte aus dem ganzen Land haben die Daten zum Krankheitsverlauf seit 1988 erhoben.

Die Untersuchung zeige, dass man HIV-Erkrankungen heute gut unter Kontrolle halten kann. HIV-positive Menschen hätten gute Chancen auf ein fast normales Leben, erklärte die Leitautorin, Barbara Hasse von der Klinik für Infektionskrankheiten am Universitätsspital Zürich, gegenüber swissinfo.ch.

HIV-positive Menschen über 65 Jahre hätten aber ein erhöhtes Risiko, an Krankheiten zu erkranken, die nicht direkt mit dem Immunschwäche-Virus oder Aids zusammenhingen, und zwar unabhängig davon, ob sie eine anti-retrovirale Therapie (ART) machten oder nicht.

Die Kohortenstudie dokumentiert auch die Altersentwicklung von HIV-Positiven. Zwischen 1990 und 2010 stieg der Anteil der Patienten im Alter von 50 bis 64 Jahren von drei auf 25%. Diese Zahlen bekräftigten, dass HIV-Patienten dank besser gewordenen anti-retroviralen Therapien immer länger lebten.

swissinfo.ch: Was sind die Hauptresultate der Studie?

Barbara Hasse: Ein Hauptresultat war, dass Co-Morbiditäten (Sekundärerkrankungen) in der HIV-Medizin vermehrt ein Thema sind – vor allem nicht direkt mit Aids verbundene Co-Morbiditäten – und dass diese Krankheiten trotz anti-retroviralen Therapien auftreten. Es spielt keine Rolle, ob jemand ART nimmt oder nicht.

Wichtig ist auch, dass in Zukunft in der HIV-Medizin der Fokus stärker auf die Prävention [anderer Krankheiten] ausgerichtet werden muss. Das heisst, Prävention von Herz-Kreislauf- oder Lungen-Erkrankungen, aber auch Fragen der ärztlichen Grundversorgung, die für unsere HIV-Patienten wichtig sind, weil sie vermehrt älter werden. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit für Krankheiten, die beim Altern öfter auftreten.

swissinfo.ch: Haben Sie neue Erkenntnisse gewonnen, wie anti-retrovirale Therapien auf Medikamente für andere Krankheiten reagieren?

B.H.: Wir haben nur die Zahlen angeschaut und wie viele Co-Medikationen wir hatten. Und zwar, weil sich eine andere Studie mit der Frage der potentiellen Interaktion zwischen HIV-Medikamenten und Co-Medikation in der alternden Bevölkerung befasst.

Polypharmazie [das Verschreiben einer Reihe von Medikamenten] ist in der älter werdenden Bevölkerung wirklich ein grosses Problem.

swissinfo.ch: Wieso ist es schwierig, Vergleiche zu ziehen zwischen dem Verlauf von Krankheiten bei HIV-positiven und nicht-positiven Patienten?

B.H.: Für eine ideale Vergleichsgruppe würde es Leute im selben Alter wie unsere HIV-Patienten brauchen. Im Idealfall Personen im Alter von etwa 45 Jahren, mit moderatem Alkoholkonsum, vielleicht einem Rauchverhalten sowie eine kleine Untergruppe von Fixern. Wo aber findet man eine solche Vergleichsgruppe? Das ist wirklich ein Problem, und zwar bei verschiedenen Krankheiten.

Wir klären nun ab, ob Hausärzte uns allenfalls Daten liefern könnten zur Multi-Morbidität [mehrere Erkrankungen zur gleichen Zeit] bei ihren entsprechenden Patienten-Untergruppen. Dann könnten wir diese beiden Gruppen vergleichen.

swissinfo.ch:Ist die Diagnose HIV noch ein Todesurteil wie früher? Diese Studie scheint zu folgern, dass HIV-Positive an Krankheiten sterben, die nicht direkt mit dem Virus zu tun haben…

B.H.: Die Studie ist ein Beweis, dass HIV in der Schweiz heute eine chronische Krankheit ist, die man behandeln kann. Sie kann zwar nicht geheilt, aber behandelt werden, oder so weit kontrolliert, dass die Patienten ein gutes Leben haben können. Mehr als 90% der Leute in unserer Studie arbeiten und führen ein normales Leben – ausser dass sie HIV-positiv sind. Das ist eigentlich ein sehr gutes Zeichen.

Andererseits haben unsere Patienten eine Krankheit mehr, wenn sie älter werden und zum Beispiel eine Herz-Kreislauf-Erkrankung dazu kommt. Im Leben unserer Patienten-Untergruppe spielten zudem meist auch Alkohol und Tabak eine Rolle, daher ist Prävention umso wichtiger, um weiteren Erkrankungen möglichst vorbeugen zu können.

swissinfo.ch: Wenn HIV nun tatsächlich kontrolliert werden kann, sollte man sich denn überlegen, HIV-Behandlung und ärztliche Grundversorgung beim Hausarzt zusammenzulegen?

B.H.: Es braucht einen HIV-Arzt mit sehr viel Erfahrung in der Behandlung des Immunschwäche-Virus, der sich mit dem Hausarzt um den Patienten kümmert. So praktizieren wir das auch in unseren Kliniken. Das heisst, zusammen mit dem Hausarzt achten wir etwa auf mögliche Herz-Kreislauf-Probleme oder versuchen, jemanden zu überzeugen, das Rauchen aufzugeben und weitere solche Dinge.

Es ist auch sehr wichtig, Mehrfach-Co-Medikationen im Auge zu behalten: Der Hausarzt und der HIV-Arzt müssen wissen, welche Medikamente ein Patient zur Behandlung seiner Krankheiten nimmt. Hier in der Schweiz gibt es HIV-Spezialisten, die Hausärzte sind, die aber über viel Erfahrung in der HIV-Medizin verfügen.

swissinfo.ch: Zeigt die Studie auch, ob es Krankheiten gibt, die unter HIV-Positiven häufiger vorkommen, als bei Menschen, die nicht mit dem Virus infiziert sind?

B.H.: Wir schauten uns die Daten aus den Krebsregistern an, die einzigen einigermassen zuverlässigen Angaben zur Krebs-Inzidenz [Neuerkrankungen in einem bestimmten Zeitraum] in der Schweiz.

In der Altersgruppe der über 65-Jährigen scheint die Krebs-Inzidenz in unserer Kohorte etwas höher zu sein. Aber das bisher vorliegende Datenmaterial lässt noch keine wirklich verbindlichen Schlüsse zu.

Studie

Im Rahmen der Studie steuerten 8444 (96%) von 8848 Teilnehmenden bei insgesamt 40'720 halbjährlichen Visiten Daten für die Untersuchung bei.

2233 der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zwischen 50 und 64 Jahre alt, 450 älter als 65 Jahre.

Die mittlere HIV-Infektionsdauer lag bei 15,4 Jahren. 23,2% waren zuvor mit Aids im klinischen Stadium diagnostiziert worden.

Während der Laufzeit der Studie (Januar 2008 bis Dezember 2010) wurden 994 Fälle von nicht von Aids hervorgerufenen Erkrankungen oder Gebrechen festgehalten, darunter 201 bakterielle Lungenentzündungen, 55 Herzinfarkte, 39 Schlaganfälle, 70 Fälle von Diabetes mellitus, 123 unfallbedingte Brüche, 37 Brüche ohne adäquates Trauma sowie 115 Malignome, die nicht mit Aids in Verbindung gebracht wurden.

Schlussfolgerungen: Co-Morbidität (Zweiterkrankung) und Multi-Co-Morbidität (mehrere gleichzeitig vorhandene Erkrankungen) aufgrund von nicht durch Aids hervorgerufene Krankheiten, vor allem Diabetes mellitus, Herz-Kreislaufbeschwerden, bösartige Tumore, die nicht als charakteristisch für Aids gelten, sowie Osteoporose, werden bei der Betreuung von HIV-positiven Menschen wichtiger und nehmen mit steigendem Alter zu.

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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