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Expo Mailand 2015 Schweizer Unternehmen verwandelt Luft in Trinkwasser

Die neue Technologie könnte auch für die Bewässerung von Feldern in Trockenzonen eingesetzt werden.

Die neue Technologie könnte auch für die Bewässerung von Feldern in Trockenzonen eingesetzt werden.

(SEAS)

Ein Startup-Unternehmen im Kanton Tessin hat eine Maschine entwickelt, mit der Luft in Trinkwasser bester Qualität umgewandelt werden kann. Mit geringen Energiekosten. Eine Idee, welche die Welt revolutionieren kann und die bereits in verschiedene Kontinente exportiert wurde.

Wassermangel ist ein Problem, das in der nächsten Zeit zunehmen wird. Dieser Meinung sind die Vereinten Nationen (UNO). Gemäss deren Angaben haben 748 Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 2,5 Milliarden mangelt es an sanitären Einrichtungen.

Recht auf Wasser

Sauberes Wasser ist ein Menschenrecht. Die Vereinten Nationen (UNO) haben 2010 den Anspruch auf Trinkwasser in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 aufgenommen.

Laut UNO-Angaben sterben jährlich 8 Mio. Menschen an Krankheiten wegen unsicherer Wasserversorgung. Darunter 1,5 Mio. Kinder unter 5 Jahren. Dazu kommen 2,2 Mio. Tote durch Krankheiten wegen verseuchten Wassers.

Laut der Weltgesundheits-Organisation (WHO) ist die Mindestmenge an Wasser, um die lebensnotwendigen Bedürfnisse zu verrichten, 40 Liter pro Tag und Person. In reicheren Ländern beläuft sich der tägliche Verbrauch pro Person auf durchschnittlich 300 Liter (425 in den USA, 316 in der Schweiz). In armen Ländern wie etwa Madagaskar hingegen sind es kaum 10 Liter.

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Im Weltwasserbericht 2015externer Link schlägt die UNO Alarm. Unter dem Titel "Wasser für eine nachhaltige Welt" warnt die Organisation vor der raschen Abnahme der globalen Wasserreserven: Bereits heutzutage werden 20% des Grundwassers übernutzt, und schon in 15 Jahren könnten der Erde 40% weniger Süsswasser zur Verfügung stehen.

Um grosse Risiken zu verhindern, drängt die UNO darauf, den Einsatz von Wasser in der landwirtschaftlichen Produktion, die bereits heute für 70% des Wasserverbrauchs verantwortlich ist, und in der Fertigungsindustrie zu überdenken. Letztere wird ihren Wasserbedarf bis 2050 um voraussichtlich 400% erhöhen.

Ohne zu vergessen, dass die Kosten für Trinkwasser aus der Flasche stetig zunehmen, wie auch der Markt dafür, der jährlich um 10,7% wächst. Während dieser 2013 einen Umsatz von 117 Milliarden US-Dollar generierte, werden für 2030 bereits 195 Milliarden erwartet.

Sauberes Wasser – auch für Industrie und Landwirtschaft

Zwar gibt es Erfindungen, mit denen Wasser wiederverwertet werden kann, beispielsweise durch Entsalzung oder Abwasserreinigung. Doch eine Schweizer Jungfirma kommt jetzt mit einem neuen Ansatz: Die "Societé de l'Eau Aérienne Suisse"externer Link (SEAS), ein Startup mit Sitz in Riva San Vitale im Kanton Tessin, hat ein revolutionäres System namens "AWA (Air to Water to Air) MODULA" entwickelt. Diese Module sind imstande, Atemluft in Trinkwasser von hoher Qualität umzuwandeln, indem sie die vorhandene Feuchtigkeit in der Atmosphäre kondensieren.

Dieses System könnte den Zugang zu einer der wichtigsten Lebensgrundlagen überall auf der Welt gewährleisten. Sauberstes Trinkwasser dank spezieller Filtersysteme, aber auch Wasser für den Gebrauch in der Landwirtschaft oder destilliertes Wasser für den Einsatz in der Lebensmittel- und Pharmabranche wie auch in Krankenhäusern.

Die Funktionsweise ist anscheinend sehr einfach: "Denken Sie an den Kühlschrank Ihrer Grossmutter, der ab einem gewissen Punkt zu vereisen begann. Dann zog man den Stecker, das Eis begann aufzutauen, und überallhin 'regnete' es Wasser ", sagte Rinaldo Bravo, Generaldirektor von SEAS, als er das Patent Ende August im Schweizer Pavillon der Expo Mailand 2015externer Link präsentierte.

"Wir müssen es genau wie beim Abtauen eines Kühlschranks machen: Die Temperatur auf 2 Grad halten, unabhängig von der Aussentemperatur. Das so gesammelte Wasser wird gefiltert und durch Zugabe von Mineralsalzen trinkbar gemacht. Darüber hinaus benutzen wir die Kälte und die Hitze, die wir für diesen Prozess einsetzen, erneut zum Kühlen und Heizen."

Wasser

Insgesamt befinden sich 1,4 Mrd. km3 Wasser auf der Erde. Davon sind 35 Mio. km3 oder 2,5% des Gesamtvolumens Süsswasser.

Rund 70% dieser Süsswasserreserven (24 Mio. km3) bestehen aus Eis und ewigem Schnee in Bergregionen, in der Arktis und der Antarktis. 30% (8 Mio. km3) befinden sich unter dem Boden.

Das Wasser in Flüssen und Seen entspricht nur 0,3% (105’000 km3) des Süsswassers auf der Welt.

Die Gesamtheit des für Ökosysteme und die Menschheit verfügbaren Süsswassers (200'000 km3) ist weniger als 1% aller Süsswasserreserven oder etwas mehr als 0,01% allen Wassers auf der Welt.

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Die Maschinen, die eine Produktion von 2500 bis 10'000 Litern pro Tag ermöglichen und in einem modularen, bis zu mehreren hundert Kubikmeter grossen System zusammengesetzt werden können, stünden im Einklang mit der Umwelt, weil sie in der Lage seien, die für die Wasserproduktion eingesetzte Energie gratis in frische und warme Luft umzuwandeln.

Geringere Umweltbelastung

"Diese Technologie belastet die Umwelt kaum oder gar nicht", sagte Anna Magrini, Professorin der Universität Pavia, die bei der Realisierung des Projekts mitgearbeitet hat. "Im Gegensatz zu Technologien, welche die Umkehrosmose nutzen (Entsalzung, Abwasserbehandlung und -reinigung, usw.), hinterlässt jene von SEAS keine Verunreinigungen im lokalen Ökosystem und bietet eine unlimitierte und unversiegbare Quelle von Trinkwasser." Das Projekt sieht auch das Studium eines Energieerzeugungs-Systems auf Basis alternativer Energien vor.

Eine Lösung, die neben der geringeren Umweltbelastung auch eine Rückzahlung der Investitionen innert kürzester Zeit ermöglicht. Die containerartigen Maschinen kosten je nach Ausführung zwischen 200'000 und 500'000 Euro.

Schweizerisch-italienische Kooperation

Die Innovation entstand aus der Zusammenarbeit einer Gruppe von italienischen und Schweizer Unternehmern, Wissenschaftlern und Technikern, die gegenwärtig 16 Personen umfasst (60% Italiener, 40% Schweizer). Bald schon werden es 40 Angestellte sein (darunter 80% aus der Schweiz). Ihre Technologie konnten sie bereits in verschiedene Länder exportieren; nach Mexiko, Peru, auf die Karibikinseln Trinidad und Tobago, nach Südafrika, in den Libanon und in die Vereinigten Arabischen Emirate.

Wer sind die Käufer? "Momentan sind es nur Private wie Hotels, Dörfer, Unternehmen", so Bravo. "Wir sind aber auch im Gespräch mit den Regierungen verschiedener Länder wie die Emirate oder Trinidad und Tobago, sowie mit Bundesstaaten wie Tabasco in Mexiko. Überall, wo wir das System vorstellen, stossen wir auf starkes Interesse."

Auch internationale Organisationen sind auf das Projekt SEAS aufmerksam geworden, namentlich Nichtregierungs-Organisationen, die sich für den Schutz von Kriegsflüchtlingen einsetzen.

"SEAS hat uns eine Maschine ausgeliehen, die wir in die Flüchtlingslager im Libanon bringen wollen", sagt Baronin Angela Van Wright Von Berger, Sekretärin des gemeinnützigen Kinderhilfswerks "Unakids". "Das System wird zusätzlich zum Trinkwasserproblem auch jenes der Kühlung und Heizung von Zelten und Infrastruktur lösen."


(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)


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