Psychisch Erkrankte im Dilemma auf dem Jobmarkt

In der Schweiz kann nur die Hälfte der Arbeitnehmenden, die aufgrund einer psychischen Erkrankung sechs Monate lang ihren Arbeitsplatz verlassen haben, wieder in ihre ursprüngliche Stelle zurückkehren. Keystone / Alex Habermehl

Der Schweizer Arbeitsmarkt ist bekannt für Stabilität. Unter den Menschen mit psychischen Erkrankungen ist die Arbeitslosigkeit jedoch fast dreimal höher als in der Gesamtbevölkerung. Stellensuchende sind oft in einem Dilemma: Wenn sie die Wahrheit über ihre Krankheit sagen, verschlechtern sich die Chancen auf eine Anstellung. Verheimlichen sie jedoch ihre Krankheit, könnten sie später Probleme bekommen.

Dieser Inhalt wurde am 31. August 2020 - 15:00 publiziert

Rudolf Gafner weiss aus eigener Erfahrung, wie mühsam und langwierig es ist, nach einer psychischen Erkrankung an den Arbeitsplatz zurückkehren zu wollen. Vor zwei Jahren, knapp über 50-jährig, befand sich Gafner wegen einer bipolaren Erkrankung am Tiefpunkt seines Lebens. "In einer solchen Phase kann ein Mensch ohne weiteres zugrunde gehen – selbst in der Schweiz", sagte er zum Schweizer Radio und Fernsehen SRF.

In seinen frühen Dreissigern arbeitete Gafner als Korrespondent für eine Schweizer Tageszeitung und die Schweizer Nachrichtenagentur SDA aus Konfliktgebieten wie Nordirland, Afghanistan und dem Libanon. "Ich habe gemerkt, ich arbeite wie ein Vergifteter", erinnerte er sich an seine Erfahrung. "Ich verschmelze mit dem Bildschirm, rauche viel zu viel und am Schluss bin ich komplett erschöpft. " Nachdem er über 20 Jahre lang gegen die Krankheit gekämpft hatte, verabschiedete sich Gafner vom Journalismus.

Erfolglose Bewerbungen 

Einige Monate später verbesserte sich Gafners Gesundheitszustand allmählich. Er bezeichnet sich selbst als "vorbildlichen Arbeitslosen" und er verschickte bis zu fast 50 Bewerbungsschreiben pro Monat. Einziges Problem: Die Arbeitgeber waren wegen der Risiken besorgt, als sie von seiner Krankheit erfahren haben.

Für Yvonne Wechsler, die Leiterin des Netzwerkes Interinstitutionelle Zusammenarbeit des Kantons Zürich (IIZ), ist das nicht überraschend: "Nach wie vor besteht ein Dilemma bei der Wiedereingliederung nach einem Arbeitsplatzverlust", erklärte sie gegenüber swissinfo.ch. "Die Skepsis von neuen Arbeitgebern ist ungleich höher, was eher dazu führt, jemanden mit einer psychischen Problematik nicht einzustellen."

Einem von der OECD veröffentlichten Bericht zufolge ist die Arbeitslosenquote von Menschen mit psychischen Störungen in der Schweiz etwa dreimal so hoch wie die von Menschen ohne psychische Gesundheitsprobleme.

Wechsler ist jedoch nicht der Meinung, dass in der Schweiz die Diskriminierung von Bewerbern mit einer psychischen Erkrankung grösser ist als in anderen Ländern: "Die Erwerbstätigkeit von Menschen mit psychischen Problemen in der Schweiz ist vergleichsweise hoch im Vergleich zu anderen OECD-Ländern. Daher ist nicht von einer besonderen versteckten Diskriminierung in der Schweiz auszugehen", sagte sie.

Schwierige Rückkehr

Auch Jlona Dreyer, 30 Jahre alt, hat eine harte Erfahrung gemacht. Sie leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Vor zwei Jahren führte ihr Zustand zu einer Arbeitsunterbrechung, um sich behandeln zu lassen.

Dreyer kehrte nach dreimonatiger Behandlung an ihren Arbeitsplatz zurück. Sie musste allerdings feststellen, dass sich die Einstellung ihres Chefs ihr gegenüber verändert hat. Vor der Arbeitsunterbrechung hatte sie neun Jahre lang für das Unternehmen gearbeitet, und fast niemand hatte ihre Krankheit wahrgenommen. Aber jetzt begannen viele, an ihrer Kompetenz zu zweifeln.

Schliesslich entschied sich Dreyer, die Stelle zu kündigen. "Ich hatte das Gefühl, sie sind froh, dass ich den Schritt mache", sagte sie gegenüber SRF.

Externer Inhalt

Genau wie sie beschloss auch Gafner, anderen von seiner Krankheit zu erzählen. Mit schwerwiegenden Folgen: «Das Bekenntnis zur Bipolarität hat mich auf dem Arbeitsmarkt suizidiert», stellt er fest.

Erich Seifritz, ärztlicher Direktor an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich, erklärte gegenüber SRF, dass Arbeitgeber instinktiv ein Gefühl der Unsicherheit haben, wenn sie mit Arbeitnehmern mit psychischen Störungen konfrontiert werden: "Sie wissen nicht, was das auf lange Sicht heisst. Ist die Person weniger stressresistent? Kommt die Krankheit wieder, wenn sie abgeheilt ist? "

Forschende der Hochschule Luzern, der Hochschule Döpfer in Köln und Psychiatrie Baselland befragten 1'524 Führungskräfte aus der Deutschschweiz. Rund 40% der Vorgesetzten gaben an, dass die Arbeit mit Mitarbeitenden mit psychischen Störungen für sie einen enormen Druck bedeuten und viel Zeit und Mühe erfordern würde.

Begrenztes Verständnis und Angst der Arbeitgeber

Die Forscher kamen auch zum Schluss, dass, obwohl seit Jahren über solche Probleme berichtet wird, Führungskräfte, Personalverantwortliche, Versicherungen und die Politik immer noch ein sehr begrenztes Verständnis über psychische Gesundheitsprobleme haben.

Sie fordern die Umsetzung verbindlicher Massnahmen durch die Arbeitgeber, wie zum Beispiel Schulungen für Führungskräfte und Mitarbeiter oder die Entwicklung spezifischer Richtlinien für die Behandlung von Mitarbeitern mit psychischen Störungen. Darüber hinaus werden Leitlinien und Fortbildungskurse für Allgemeinmediziner empfohlen, um für Patienten mit psychischen Erkrankungen Zeugnisse auszustellen, die stärker auf die spezifische Arbeitssituation ausgerichtet sind.

Am Bewerbungsgespräch über die Krankheit sprechen?

Paradoxerweise sagten 90% der befragten Vorgesetzten, dass sie erleichtert wären, wenn ein Mitarbeiter ihnen sagen würde, dass sie eine psychische Störung haben. Doch 60% sagten, sie würden niemanden einstellen, der eine solche Störung während eines Gesprächs offenbart. Die Autorinnen und Autoren der Studie weisen darauf hin, dass dies die Mitarbeitenden dazu ermutigt, psychische Gesundheitsprobleme vor Unternehmen zu verbergen.

Wechsler vom IIZ warnte, wenn Bewerber ihre Krankheit absichtlich verheimlichen oder sogar lügen, würden sie, falls sie auffliegen, als gefährlich und unberechenbar angesehen. "Forschungsresultate und die praktische Erfahrung zeigen, dass Sicherheit und Erwartbarkeit im Rekrutierungsprozess zentral sind - für beide Parteien.»

Aber sollten Bewerberinnen und Bewerber, wenn sie in einem Bewerbungsgespräch nicht gefragt werden, die Initiative ergreifen und den Anwerbern von ihren psychischen Problemen berichten?

Wechsler glaubt, dass dies von spezifischen Szenarien abhängt: "Wenn aus dem Lebenslauf grosse Veränderungen in der bisherigen Berufserfahrung hervorgehen, dann kann der Austausch von Informationen über Ihre psychischen Störungen als entwaffnendes Zeichen dienen - besonders wenn der neue Arbeitgeber über persönliche Erfahrung im Umgang mit psychischen Gesundheitsproblemen verfügt.

"Bei einem Lebenslauf, der stark geprägt ist von einer wechselhaften Erwerbsbiografie sei, könne eine Offenlegung aber auch "entwaffnend" wirken, besonders wenn neue Arbeitgeber eine persönliche Nähe zum Thema psychische Gesundheit habe.

Kommentare unter diesem Artikel wurden deaktiviert. Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch.

Diesen Artikel teilen