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Seniorengerechter Arbeitsmarkt am Horizont

Ältere Mitarbeitende sollten mithilfe der Arbeitgeber arbeitsmarktfähig bleiben.

(Keystone)

Der Forderung nach Rentenalter 67 steht die Forderung nach Arbeitsmarktfähigkeit gegenüber. Dies gilt vor allem für die heute über 50-jährigen Angestellten.

Die jüngeren Arbeitnehmer werden es aufgrund der demografischen Entwicklung in 15 Jahren wieder viel leichter haben, weitere Beschäftigungen zu finden.

Seit Bundespräsident Pascal Couchepin diesen Frühling auf der St. Petersinsel die Schweiz mit dem "Pensionierungsalter 67" konfrontiert hat, verstummen weder die entrüsteten Kritiken noch die Aufrufe nach mehr Sachlichkeit. Bei all dem stellt sich die Frage, ob oder wie denn Arbeitnehmer bis 67 überhaupt eine Beschäftigung finden oder behalten können.

Wie wird man "arbeitsmarktfähiger"?

Die Unternehmen sind vorderhand nicht erpicht auf die Erhöhung des Rentenalters auf 67. Das Weiterbeschäftigen von bestehenden älteren Mitarbeitenden wird von ihnen noch einigermassen akzeptiert, die Neuanstellung von 65-Jährigen aber kaum.

Der Forderung nach dem Rentenalter 67 macht demnach kaum Sinn, solange die Arbeitsmarktfähigkeit älterer Arbeitnehmer nicht gewährleistet ist. Wird diese vom Betrieb oder von der Eigenverantwortung her durch Aus- und Weiterbildung erreicht, oder durch staatliche Regulation?

"Es braucht Massnahmen auf allen drei Stufen", sagt Daniel Hefti, Vizedirektor des Schweizer Arbeitgeberverbands, gegenüber swissinfo. "Die gute Grundausbildung seitens des Staates ist ebenso wichtig wie die berufsbegleitende."

"Da wir uns demografisch mittelfristig auf eine Knappheitssituation an Arbeitnehmern hin bewegen, machen staatliche Anreize, die die Unternehmen zu Frühpensionierung ihrer Mitarbeiter verleiten, wenig Sinn", sagt Hefti. "Und eine weitere Verkürzung der Arbeitszeiten zielt ebenfalls in die falsche Richtung. Im Gegenteil, ein leichtes Anheben der Arbeitszeiten könnte einen Beitrag zur Entschärfung des Problems leisten."

Alternde Gesellschaft kehrt die Marktlogik um

Doch der Unternehmerschaft fehle es noch an Bewusstsein. "Die Unternehmer müssten wissen, dass sie in rund 15 Jahren mit einer Knappheit im Arbeitsmarkt konfrontiert sein werden. Nur gelten 15 Jahre als weiter Zeithorizont und somit nicht als erste Priorität," kennt Hefti seine Pappenheimer.

Noch fehle der Druck des Arbeitsmarkts auf die Unternehmen, konstatiert Hefti. Um so mehr, als momentan aus konjunkturellen Gründen ein grosses Angebot an Arbeitskräften vorhanden sei.

Demografisch gesehen müssten sich die älteren Arbeitnehmer eigentlich nur noch bis in rund 15 Jahren um ihre "Arbeitsmarktfähigkeit" kümmern. Denn ab den Jahren um 2020 werden sie auf dem Arbeitmarkt wieder viel mehr wert sein, weil es bis dann bevölkerungsmässig viel weniger (jüngere) Erwerbstätige geben wird.

Doch die Gesundheitsrisiken nehmen zu

Und falls sie bis dann arbeitsfähig geblieben sind. "Denn die Gesundheitsrisiken nehmen im Alter stark zu", sagt Rafael Lalive, Oberassistent für Makroökonomie und Arbeitsmarktforschung an der Universität Zürich.

"Der Staat sollte deshalb die Arbeitsmarktfähigkeit fördern, indem er das Rentenalter möglichst stark flexibilisiert". Falls man wirklich eines Tages zwischen Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit zu unterscheiden vermag, wäre das eine sinnvolle Selektion der älteren Mitarbeitenden, sagt Lalive. Die Arbeitsfähigen wären dann auch arbeitsmarktfähiger, und die anderen gingen früher in die Rente.

Die Schweiz steht international vergleichsweise gut da, was die Erwerbstätigkeit der 55- bis 64-Jährigen betrifft. Sie liegt sehr hoch, da das Land die Frühpensionierungswelle weniger mitgemacht hat. Doch muss laut Lalive die "Erwerbsbevölkerung konstant bleiben, wenn das Bruttoinlandprodukt und die Produktivität langfristig wachsen sollen".

In einer alternden Volkswirtschaft drohe nun genau diese Grösse, die Erwerbsbevölkerung, zu schrumpfen. Wenn demnach in einem Land mit alternder Bevölkerung dennoch ein Wachstum stattfinden soll, müssen die Leute zwangsläufig länger arbeiten.

"Die Unternehmen werden es mittelfristig interessant finden, Arbeitnehmer länger zu beschäftigen. Langfristig erhalten sie ja weniger junge Lehrlinge. Und die jüngeren Arbeitnehmer werden ihnen vielleicht sogar zu teuer", sagt Lalive.

"Darum wäre es sinnvoll, wenn sich die Unternehmen jetzt schon Gedanken um die betriebliche Aus- und Weiterbildung machen würden", sagt Hefti. "Mit eingewanderten Arbeitskräften allein löst man die Probleme nicht".

Vorwegnahme im Executive Bereich

Viele Trends im Arbeitsmarkt nimmt der "Executive Search"-Bereich bereits vorweg. "Probleme mit der Vermittlung von Senioren-Führungskräften habe ich viel weniger als vor einigen Jahren," sagt Peter Meister, Meister Consulting Group, Muri bei Bern, gegenüber swissinfo. "Die älteren Leute sind heute lange nicht mehr so teuer wie früher, auch was ihre Pensionskassenforderungen betrifft," spezifiziert Meister.

"Dass die demografische Bombe respektive ein ausgetrockneter Arbeitsmarkt erwartet wird, wissen nur jene Unternehmen nicht, die keine Strategie haben. Eine seniorengerechte Unternehmens-Kultur aufzubauen ist heute schon für die Unternehmen aufgleisbar", so Meister.

Schliesslich verfügten diese über genau jene Erfahrungen, die man an keinen Aus- und Weiterbildungskursen mitbekomme.

An wem liegt es, die "Employability" zu erhalten?

Es müssten in den Unternehmen Ausbildungsprogramme entwickelt werden, damit sie im Bedarfsfall intern auf "beschäftigungsfähige" Mitarbeiter zurückgreifen können, schreibt Jean-Marc Guscetti, Präsident des Schweizerischen Verbands für Betriebsausbildung, in der jüngsten Ausgabe der "Volkswirtschaft".

Oder muss der Mitarbeitende individuell seine Laufbahn so planen, dass er "beschäftigungsfähig" bleibt? "Kein Individuum kann arbeitsmarktfähig sein, wenn es der Arbeitgeber nicht zulässt", schreibt Michael Kreis von Promove TM in der "Volkswirtschaft".

Unternehmen interpretieren den Arbeitsmarkt-Fähigkeits- sprich "Employability"-Ansatz oft allein in Richtung sozialverträglicher Sozialabbau. Doch Arbeitgeber hätten ein Interesse daran, die wirklichen Kompetenzen der (älteren) Mitarbeiter rechtzeitig zu fördern.

Denn die demografische Bombe in der Schweiz tickt nicht nur im Bereich der sozialen Sicherheit, sondern auch bei den Unternehmen selbst. Und da sich ganz Europa mit demselben Problem konfrontiert sieht, nützt eine Standort-Auslagerung in die EU oder nach Osteuropa nur beschränkt.

swissinfo, Alexander Künzle

Fakten

Erwerbsquote im Vergleich: Die Quote der 55- bis 64-Jährigen, die noch arbeiten, liegt in der Schweiz bei rund 67%, gegenüber Europa mit nur 39%, oder dem OECD-Durchschnitt von 49% (OECD 2001).
Gesamterwerbsquote: In der Schweiz gehen fast 79% der Personen im Erwerbsalter einer Erwerbstätigkeit nach. Auch dieser Wert ist im internationalen Vergleich sehr hoch.
Quote der Absolvierung von betriebsfinanzierten Ausbildungen: In diesem Bereich ist die Schweiz im internationalen Vergleich sehr schlecht positioniert. Nur 15% aller Erwerbstätigen des Landes absolvierten arbeitgeberfinanzierte Ausbildungen, gegenüber 45% in den nordischen Ländern und UK (OECD 2002.)

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In Kürze

"Rentenalter 67" wird kurzfristig gefordert, um die Defizite in den Sozialversicherungen zu schliessen.

Denn in der Schweiz entfallen heute gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) vier Erwerbstätige pro einen über 65-jährigen Rentner. 2025 werden es nur noch drei sein, 2050 noch zwei – falls die Einwanderungs-Politik nicht ändert.

Mittelfristig kehrt die alternde Gesellschaft den Arbeitsmarkt: Es werden weniger Leute eine Beschäftigung suchen als heute. Die Unternehmen werden dann wieder ältere Arbeitssuchende einstellen (müssen), um ihr Wachstum zu erhalten.

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