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Sepp Blatter FIFA-Skandal: "Es ist gut, dass der Überlebenskünstler geht"



Joseph Blatter verlässt nach seiner Rücktrittsankündigung das Rednerpult.

Joseph Blatter verlässt nach seiner Rücktrittsankündigung das Rednerpult.

(Keystone)

"Ein längst fälliger Schritt", "Eine Erlösung für die Schweiz", "Nicht mutig – nur feige", "Das Problem bleibt": Der überraschende Rücktritt des FIFA-Präsidenten dominiert die Schweizer Presse. Der Abgang sei längst fällig gewesen, der Druck - vor allem seitens der US-Justiz - sei zu gross geworden, schreiben die Kommentatoren und erinnern gleichzeitig an die Verdienste Blatters.

"Warum steigt der Überlebenskünstler nun vom FIFA-Hochsitz, vier Tage nur nach seiner soliden Wiederwahl?", fragt die Neue Zürcher Zeitung und stellt fest, zum Grund "für diesen überraschenden Schritt" gebe es bisher nur Spekulationen: "Doch es ist nicht auszuschliessen, dass ihn die US-Justiz zum Rücktritt gedrängt hat – allenfalls indirekt, allein durch ihren abschreckenden Ruf."

Blatter habe letztlich "viel zu spät und zu zögerlich reagiert, als in den letzten Jahren immer deutlicher wurde, dass sich viele der ihm zugeteilten Exekutivmitglieder auf unlautere Art bereicherten und sich der Ruf der Fifa massiv verschlechterte – zumindest im Westen. Zuletzt war Blatter so eine Belastung für die Institution".

Geldbringender Fussball-Heiland

 Dennoch stünden ihm andere Verdienste zu, so die NZZ. Er habe aus der FIFA "eine Geldmaschine" gemacht und sich "um die globale Entwicklung des Fussballs" gekümmert. "Geld zum Bau von spezifischer Infrastruktur floss bis in die hintersten Ecken der Welt. Das diente auch der Erschliessung neuer Märkte und zur Eindämmung allzu starker Machtgelüste, etwa der UEFA."

Verstehen könne man Blatter, der noch vor wenigen Tagen einen Rücktritt kategorisch ausgeschlossen und sich wieder habe wählen lassen, nicht, schreibt die Ostschweiz: "Er, der sich primär als Opfer der sehr aggressiven englischen und deutschen Presse sieht. Er, der doch als Fussball-Heiland zahllosen minderprivilegierten Ländern so viel Frieden (und noch mehr Geld) gebracht hat. Er, der schliesslich an der von ihm geschaffenen Günstlingswirtschaft scheiterte."

Der "dringende Verdacht gegen seinen Generalsekretär Jérôme Valcke, Schmiergelder bezahlt zu haben", sei "wohl der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen liess. Blatter selbst muss nun den heissen Atem der Strafverfolgung im Nacken gespürt haben".

Internationale Presse

Der Rücktritt von FIFA-Präsident Joseph Blatter sorgt weltweit für Schlagzeilen. Hier eine Auswahl mit Stimmen aus dem Ausland:

"Doch der Rücktritt des Sonnenkönigs bewirkt zunächst einmal gar nichts. Die Strukturen des Weltverbandes, die ihn erst zum Selbstbedienungsladen haben werden lassen, bleiben ja die Gleichen. Was die FIFA braucht, ist eine Strukturreform." (Die Welt, Deutschland)

"Der jahrzehntelang als unantastbar geltende Blatter ist tatsächlich gegangen, das noch Minuten vor der Pressekonferenz Unvorstellbare ist Wirklichkeit geworden." (Spiegel-Online, Deutschland)

"FIFA Nostra. Heiliger Blatter, er hat uns bis zum Ende lachen lassen. Was werden die 133 Verbandschefs denken, die für ihn gestimmt haben?" (La Libération, Frankreich)

"Blatter hat also die Waffen gestreckt. Gerade mal vier Tage nach seiner Wiederwahl an die Spitze der FIFA. Eine unglaublich dramatische Wendung, verursacht durch eine weitere Enthüllung."  (Le Figaro, Frankreich)

"Es ist gut, dass er geht. Die Beweise der US-Ermittlern scheinen zu bestätigen, dass die FIFA durch und durch verdorben war, und von einem Klüngel in einer Fünf-Sterne-Welt unter der nachsichtigen Aufsicht Blatters geführt wurde. (The Times. Grossbritannien)

"Die anstehende Wahl eines neuen FIFA-Präsidenten ist ein idealer Moment, eine Neugründung des Weltfussballverbandes zu beginnen. Die Organisation darf nicht mehr die Möglichkeit zu korrupten Machenschaften bieten. (El Pais, Spanien)

"Der Fussballkaiser Joseph 'Sepp' Blatter, der sich selbst unangreifbar wähnte, ist dann doch von seinem Thron gefallen." (De Telegraaf, Niederlande)

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 Problem bleibt

Blatter überschätze sich, wenn er nun offiziell sage, dass er mit seinem Rücktritt der FIFA einen Neustart ermöglichen wolle, so die Südostschweiz: "Blatter war Teil des Problems und ganz sicher nicht die Lösung. Aber das Problem bleibt. Zu verlockend ist das Milliardengeschäft Fussball, als dass ein Verein aus lauter integren Mitgliedern bestehen könnte."

"Blatter geht. Das System aber bleibt, ebenso die Gefahr der Kumpanei", konstatiert die Basler Zeitung: "Das FIFA-Haus braucht viel mehr als nur den Rücktritt eines 79-jährigen Mannes, der die Korruption jahrelang stillschweigend toleriert hat. Es braucht eine neue, transparente Führungsstruktur in allen Gremien."

Blatters Rücktritt sei "kein Zeichen der Stärke. Er ist auch nicht mutig, nur feige". Vielmehr sei der Druck in den letzten Tagen "ins Unermessliche" gestiegen: "Die US-Justiz liess aus New York verlauten, die Verhaftungen von sieben FIFA-Spitzenfunktionären sei erst der Anfang", die UEFA habe ihn bei der Wiederwahl abgestraft und "Geldgeber forderten in der Stunde der grössten Krise endlich Transparenz und Lösungen".

Zudem komme die Rücktritts-Ankündigung 13 Jahre zu spät. "Seit dem Konkurs der Sportmarketingfirma ISL im Jahr 2002, als Blatter nachweislich Kenntnis von Schmiergeldzahlungen hatte, hat er als FIFA-Oberhaupt jegliche Glaubwürdigkeit verloren", so die Basler Zeitung.

Einstiger Stolz der Nation

Blatter habe – zumindest bisher - keine Strafklage am Hals, schreibt der Lausanner Le Matin. "Aber er kristallisiert alle Fehler eines Systems, das sich unter seiner 17-jährigen Herrschaft entwickelt hat."

"Blatter war nicht einfach nur der schmierige und gewissenlose Diktator, als der er in den letzten Wochen dargestellt wurde. Seine Ignoranz gegenüber Missständen in seinem Verband mögen stossend, irritierend und, wer weiss, vielleicht sogar rechtswidrig gewesen sein. Aber er hat für den Fussball auch Gutes getan. Namentlich für Landesverbände aus Afrika und Asien", bilanziert der Berner Bund.

Für die Schweiz sei sein Abgang "freilich eine Erlösung", denn "was 1998 mit viel Stolz begann, als die Nation ihrem Sepp bei der ersten Wahl die Daumen drückte, wurde je länger, desto mehr zur Belastung".

Nächstes Chaos droht

Einig sind sich die meisten Kommentatoren darüber, dass mit dem Abgang Blatters der Korruptionssumpf bei der FIFA längst nicht trocken sein wird. "Der Weltverband braucht deshalb weit mehr als Blatters Rücktritt", schreibt der Zürcher Tages-Anzeiger: "Er benötigt eine grosse Reform auf allen Führungsstufen. Bis dahin ist es allerdings ein sehr weiter Weg."

Der frei werdende Präsidentensessel werde nicht zur Ruhe, "sondern zu einem Gerangel um die besseren Positionen vor der Neuwahl führen. Statt der Reinigung droht das nächste Chaos."

Blatters Abgang sei "nicht gleichbedeutend ist mit dem grossen Befreiungsschlag für die FIFA", konstatiert die Neue Luzerner Zeitung, denn "die tonangebenden kleinen Länder im Süden und im Osten haben kaum ein Interesse an einer umfassenden Sanierung. Es wird also viel Geduld brauchen:"

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Fernsehen SRF: Sepp Blatter - ein Porträt

Der Rücktritt sei "auch wenn er viel zu spät und wohl weniger aus persönlicher Einsicht denn vielmehr wegen der Ermittlungen des FBI" erfolge "eine Chance auf einen Neuanfang", schreibt das St. Galler Tagblatt.

Die Schweiz könne bei der anstehenden "Reinigung" durchaus eine Rolle spielen, so der Westschweizer Le Temps. "Bis heute hat sie es verpasst, die Auswüchse der Korruption im internationalen Fussball seriös und entschieden zu untersuchen. Auch das muss sich ändern."

"Warum steigt der Überlebenskünstler nun vom FIFA-Hochsitz, vier Tage nur nach seiner soliden Wiederwahl?", fragt die Neue Zürcher Zeitung und stellt fest, zum Grund "für diesen überraschenden Schritt" gebe es bisher nur Spekulationen: "Doch es ist nicht auszuschliessen, dass ihn die US-Justiz zum Rücktritt gedrängt hat – allenfalls indirekt, allein durch ihren abschreckenden Ruf."

Die wichtigsten Stationen in Blatters FIFA-Karriere

1975 - Joseph Blatter tritt in die FIFA ein und wird Direktor für Entwicklungsprogramme.

1981 - Blatter wird FIFA-Generalsekretär (ab 1990 hat er den Status eines Exekutivdirektors).

1998 - Blatter wird in Paris zum FIFA-Präsidenten gewählt. Er übernimmt das Amt vom Brasilianer João Havelange  

2000 - Nach der Vergabe der WM 2006 an Deutschland beschliesst das FIFA-Exekutivkomitee die Einführung des Rotationsprinzips. Der Weg ist frei, damit Blatter eines seiner grossen Ziele erreichen kann. Er bringt die WM nach Afrika. 2004 erhält Südafrika den Zuschlag für die WM 2010.

2002 - Im Zuge des Konkurses der Sportmarketingfirma ISL aus dem Jahre 2001 wird bekannt, dass Blatters Vorgänger Havelange und dessen Schwiegersohn Ricardo Teixeira Schmiergelder in Millionenhöhe kassiert haben. Auch Blatter sieht sich dem Vorwurf der Korruption ausgesetzt. Beweise gegen ihn liegen keine vor.

2002 - Blatter wird in Seoul wiedergewählt.  

2007 - Blatter wird in Zürich per Akklamation im Amt bestätigt. Es gibt keinen Gegenkandidaten.

2010 - Nach der WM-Vergabe an Russland (2018) und Katar (2022) machen schnell Korruptionsvorwürfe gegen das Exekutivkomitee die Runde. Vor allem der Zuschlag für Katar irritiert. Blatter ist allenfalls Mitwisser. Für den Korruptionsverdacht hat er ein Alibi. Im Gegensatz zu den UEFA-Vertretern im Gremium hat er nicht für Katar, sondern für die USA gestimmt.

2011 - Zwei Tage vor der Wahl in Zürich zieht Gegenkandidat Mohamed bin Hammam seine Kandidatur zurück. Die FIFA-Ethik-Kommission suspendiert ihn, weil er in der Karibik Stimmen für die Wahl gekauft haben soll. Blatter wird somit erneut ohne Gegenkandidat und per Akklamation wiedergewählt und verspricht, dass es seine letzte Amtszeit wird.

2015 - Nach den Verhaftungen von sieben FIFA-Spitzenfunktionären ist Blatter angeschlagen. Trotzdem wählt ihn der Kongress ein weiteres Mal.  

2015 - Vier Tage nach der Wiederwahl gibt Joseph Blatter in seinen Rücktritt bekannt. Bis zu den Neuwahlen im Winter 2015/2016 wird er die Geschäfte weiterführen. Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke und die FIFA-Finanzkommission 2008 eine Zahlung in Höhe von 10 Millionen Dollar an den damaligen FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner veranlasst hatten. Dabei soll es sich gemäss FIFA allerdings nicht um Bestechungsgeld, sondern um Entwicklungshilfe von Südafrika an die Karibik gehandelt haben.

swissinfo.ch

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