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Sozialversicherungen im Ausland Schmerzhafte Rente für Schweizer in Neuseeland

Frau und Mann vor einer Meeresbucht

Conny und Mike: Ein unfaires Gesetz überschattet ihren neuseeländischen Traum.

(© zVg )

In Neuseeland raubt ein Gesetz den Schweizer Pensionierten den Schlaf. Conny und ihr Mann Mike werden keine neuseeländische Rente erhalten, während jene von Erich und Regula gekürzt wird. Die pensionierten Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer in Neuseeland sind Opfer zweier völlig unterschiedlicher Rentensysteme.

Conny lebt an einem der schönsten Orte in Neuseeland. Von ihrem B&B aus hat sie einen herrlichen Blick auf die Mahakipawa-Bucht. Diese liegt in den Marlborough Soundsexterner Link, einer Reihe von Meeresarmen, Inseln, Buchten und Kanälen an der Nordostküste der Südinsel Neuseelands.

Ein grossartiger Ort, um zu leben und ein neues Kapitel in seinem Leben zu öffnen. Dieses beginnt 2010, als Conny während eines Sprachaufenthalts ihren neuseeländischen Ehemann Mike kennenlernt. Nach einigen Jahren in der Schweiz beschliessen die beiden, in das Land der langen weissen Wolke zurückzukehren, wie Neuseeland von den Maori genannt wird.

Zwischen Picton und Havelock kaufen sie ein Haus, das sie in ein B&B verwandeln. Conny kümmert sich um die Touristen, während Mike als Mechaniker arbeitet.

NZ Super reicht nicht zum Leben

Eine Studie der Massey Universityexterner Link vom Juni 2018 kommt zum Schluss, dass sich die Kluft zwischen Lebenshaltungskosten und Renteneinkommen in Neuseeland vergrössert hat.

Eine Einzelperson, die in einer Grossstadt wie Wellington, Auckland oder Christchurch lebt, gibt etwa 600 Neuseeland-Dollar pro Woche aus; 200 Dollar mehr, als sie von der NZ Super erhält. Ein Paar braucht knapp 900 Dollar zum Leben, während es eine wöchentliche Rente von etwas über 600 Dollar erhält.

Wer auf dem Land lebt, gibt als Einzelperson 30 Dollar pro Woche und als Paar sogar 250 Dollar weniger aus.

Viele Kiwis arbeiten weiter, auch wenn sie über 65 Jahre alt sind: 2017 waren es fast 22% oder 600'000 Menschen, fast doppelt so viele wie 2006 (11,4%).

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Böse Überraschung 

Für Conny ein wahr gewordener Traum, eine echte Idylle – wenn ihr nicht ein neuseeländisches Gesetz den Schlaf rauben würde. Denn Conny blickt mit Sorge in die Zukunft. "Wie soll ich im Ruhestand über die Runden kommen?", fragt sie mit kaum hörbarer Stimme.

"Ich dachte, ich würde den Geruch von Salz geniessen können, meinen Garten voller Obstbäume, mich im endlosen Hin und Her von Ebbe und Flut verlieren. Aber ich bin mir nicht mehr so sicher, ob ich die richtige Wahl getroffen habe." In fünf Jahren wird Conny 64 Jahre alt sein, das heisst, sie wird das Schweizer Rentenalter für Frauen erreicht haben. Zusätzlich zu ihrer Rente aus der Schweizer Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) dachte sie, Anspruch auf die neuseeländische Rente zu haben, die so genannte "Superannuation" oder NZ Super.

Doch so ist es nicht. Abgesehen davon, dass sie diese Rente nicht erhält, wird auch ihr Mann diese nicht erhalten, wenn er in den Ruhestand gehen wird. "Ein Schlag ins Gesicht für jeden, der in Neuseeland ein Leben lang gearbeitet und Steuern bezahlt hat", sagt Conny. "Der Staat entzieht Mike sein Recht auf eine Rente. Es ist eine Unverschämtheit."

Tatsächlich verbietet das neuseeländische Gesetz den Einwohnern Neuseelands, zwei Altersrenten zu erhalten, die neuseeländische und eine ausländische. Und weil Conny und Mike eine "wirtschaftliche Einheit" bilden und den Betrag der Schweizer Rente von jenem der NZ Super abziehen müssen, würden die beiden in einigen Jahren keinen einzigen Dollar mehr erhalten. Denn der Betrag von Connys AHV übersteigt den Betrag der neuseeländischen Rente.

"Für Mike bedeutet das, finanziell von mir abhängig zu sein: mit Freunden ein Bier trinken gehen, ein neues Paar Schuhe kaufen, ein Geschenk machen – das Geld käme von mir. Das ist inakzeptabel", sagt Conny.

Und die beiden sind nicht die einzigen, die mit einer ähnlichen Situation konfrontiert sind. Presseberichten zufolge sind fast 600 Paare, bestehend aus einem Neuseeländer oder einer Neuseeländerin und einer Person, die im Ausland gelebt und gearbeitet hat, von dieser Massnahme betroffen, dem so genannten "Ehegatten-Abzug", der als ungerecht empfunden wird.

So haben im März 2018 drei Paare beim Wellington Human Rights Tribunal gegen Diskriminierung aufgrund der familiären Situation eine Beschwerde eingereicht. Ein Entscheid wird bis 2020 erwartet. In der Zwischenzeit wird mit einer Petitionexterner Link versucht, Druck auf das Parlament auszuüben, um das Gesetz zu revidieren und den Ehegatten-Abzug abzuschaffen.

Weiterarbeiten

Doch nicht nur binationale Paare werden "bestraft". Auch jenen, die Neuseeland schon vor Jahren als Gastland ausgewählt haben, entzieht das Gesetz einen Teil ihrer Rente. Zum Beispiel Erich und Regula Widmer aus Frauenfeld im Kanton Thurgau.

Vor 39 Jahren reisten sie mit drei Koffern nach Auckland. Heute ist Erich 67 und arbeitet trotz bereits erreichtem Rentenalter weiter. Auf Messen in Neuseeland wirbt er für dänische Kaminöfen oder Öfen aus Schweizer Produktion. Und er stellt Anhänger und Schmuck aus grüner Jade her.

"Was ich vom Staat erhalte, reicht nicht aus, um leben zu können", sagt Erich am Telefon lakonisch. "Das sind Diebe, Kriminelle. Ich schufte seit Jahrzehnten, zahle Steuern, und jetzt stehlen sie einen Teil meiner neuseeländischen Rente."

Mann und Frau an einem Strand

Erich und Regula Widmer.

(© zVg )

Wie Conny können auch Erich und Regula keine zweite Rente in Neuseeland beziehen. Der Betrag der AHV-Leistung wird von der neuseeländischen Rente abgezogen. Mit dieser Praxis will die Regierung eine Diskrepanz vermeiden zwischen Rentnern, die ihr ganzes Leben lang in Neuseeland gearbeitet und Steuern gezahlt haben, und solchen, die lange Zeit im Ausland verbracht haben.

Das neuseeländische Rentensystem sieht vor, dass ab dem Alter von 65 Jahren alle Einwohner eine öffentlich finanzierte Rente erhalten, unabhängig von Nationalität, Einkommen, Vermögen oder Beschäftigungsdauer. Die AHV hingegen wird hauptsächlich von Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanziert, und nur in begrenztem Umfang vom Staat.

Der NZ Super steht allen Kiwis offen, wie die Neuseeländer hier genannt werden, aber auch Ausländern, die seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr zehn Jahre lang legal in Neuseeland gelebt haben, oder seit ihrem fünfzigsten Lebensjahr fünf Jahre lang. Die monatliche Rente beträgt 1644 Neuseeland-Dollar (ca. 1100 Schweizer Franken; Stand April 2019) für Einzelpersonen und für Paare 2532 Dollar (1700 Fr.).

"Es ist ein verkehrtes Gesetz, das jene begünstigt, die ein Leben lang die Hände in den Schoss gelegt haben, die Schmarotzer", sagt Erich unmissverständlich. Zu seinem Glück war er schlau: Als er die Schweiz verliess, zahlte er noch sechs Jahre lang freiwillige Versicherungsbeiträge ein, und diese Rente wird nicht von der NZ Super abgezogen.

Am Telefon erinnert Erich mehrmals daran, dass das Leben immer gut zu ihm gewesen sei und er sich von diesem "Diebstahl" sicher nicht unterkriegen lasse. Er hat nun sein Haus am Stadtrand von Auckland verkauft, wo er seine Kinder grossgezogen hat. Das Stadtleben wurde auf Dauer zu teuer. Erich und seine Frau Regula zogen auf die Halbinsel Coromandelexterner Link. "Ich beschwere mich nicht", sagt er seelenruhig. "Es wird ein Neuanfang für uns sein."


(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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