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Stadion Letzigrund Macht neue "Piste magique" Usain Bolt noch schneller?

 

Das Zürcher Letzigrund soll wieder zur Arena für Rekorde werden: An den Leichtathletik-Europameisterschaften und am Meeting Weltklasse Zürich im August soll ein neu eingebauter Hochleistungsbelag den jamaikanischen Sprintstar & Co. zu noch schnelleren Zeiten treiben. 

Die Bahn im Letzigrund externer Linkhatte lange Zeit die Aura einer "Piste magique": Nicht weniger als 25 Weltrekorde wurden im Zürcher Stadion erzielt. Dies vor allem auf den Sprintstrecken über 100m bis 400m und die Hürden. Doch der letzte Weltrekord, erzielt im Stabhochsprung der Frauen, liegt schon fünf Jahre zurück.

Die Weltrekord-Bahn

Die legendäre "Piste magique" im Letzigrund-Stadion. (SRF Einstein, swissinfo.ch)

Mit den anstehenden Doppel-Höhepunkten – der Leichtathletik-EM 2014externer Link vom 12. bis 17. August sowie Weltklasse Zürichexterner Link am 28. August – soll dies anders werden. Der neue Hochleistungs-Kunststoffbelag, für 800'000 Franken auf den alten aufgespritzt, soll natürlich insbesondere Usain Bolt beflügeln, den schnellsten Mann der Welt über 100m und 200m.

"Wir sind dieses Jahr das einzigen Stadion mit einem solchen Belag und wir hoffen, dass er uns einen Wettbewerbsvorteil verschaffen wird", sagt Patrick Magyar gegenüber swissinfo.ch. 

European Championships Zurich 2014 heralds new era in Swiss athletics

Switzerland is hosting its biggest sporting event since Euro 2008 in August. Putting on the European Athletics Championships for the first time in ...

Der Direktor beider Events ist überzeugt, dass der Belag Leistungssteigerungen ermöglicht und die Athleten gleichzeitig besser vor Verletzungen schützt. 

Leader im Nischenmarkt

Herstellerin des neuen Belags ist die Schaffhauser Firma Conicaexterner Link, die Jahre in die Entwicklung des neuen "Wunderbelags" investiert hat. Dabei hätten die Spezialisten eng mit Sportwissenschaftlern und Athleten zusammengearbeitet, sagt der Chef Ulrich Daum.

Nachdem wir uns schützende Helme und Ärmlinge übergezogen haben, führt Daum die Journalistengruppe durch die chemische Produktion, wo die Komponenten entstehen. Stäbe rühren in riesigen Behältern voller Chemikalien. Daraus entstehen Beläge für Indoor-Sportanlagen oder für industrielle Böden.

So bescheiden die Firma wirkt, Conica ist ein Global Player, der letztes Jahr 65 Mio. Franken Umsatz erzielte und 120 Personen beschäftigt.

Beim Einbau im Letzigrund im Juli, dem so genannten Retopping, wurden die Nerven der Spezialisten lange auf die Folter gespannt, wie Daum berichtet. Starke Regenfälle, die grosse Teile des Sommermonats buchstäblich ins Wasser fallen liessen, drohten das niederschlagsfreie 24-Stunden-Fenster zu verunmöglichen, das für die Verlegung des Belags nötig ist. Doch Petrus zeigte Einsicht und gewährte ein solches, so dass das befürchtete "Desaster" dann doch nicht eintrat, so Ulrich Daum erleichtert.

Die Hauptkomponente der hellroten Piste ist Polyurethan, wie es auch zur Herstellung von Autositzen verwendet wird.

Der Belag müsse genaue Spezifikationen erfüllen, sagt Marketingchef Hans-Jochen Erb. Dazu kommt die Zertifizierung durch den Internationalen Leichtathletikverband (IAAF), die zur Abhaltung internationaler Wettkämpfe nötig ist. Für die Materialien selber aber gebe es keine bestimmten Normen, so Erb. 

Schneller, stabiler

Die erste Schicht des neuen Belags ist eher weich, sie soll den Läufern federnd einen Teil der Energie zurückgeben, die sie beim Bodenkontakt mit dem Fuss in Vortrieb umsetzen. Schicht Nr. 2 ist härter, damit die eingesetzte Kraft noch effizienter in Geschwindigkeit umgewandelt werden kann und die Bewegungen gleichzeitig eine höhere Stabilität aufweisen.

Für die Entwicklung des neuen Belags arbeiteten Spezialisten von Conica mit Wissenschaftlern vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule Kölnexterner Link zusammen. "Laut Messungen hat der Athlet darauf 10% weniger Energieverluste. Dies sollte die Voraussetzung sein, dass die Läufer die Kraft gut auf den Boden bringen, sprich ein optimales Zusammenspiel von Bahnoberfläche, Spikes (Schuhe mit kurzen Nägeln und Noppen, die Red.) und dem Athleten zu ermöglichen", ist Daum zuversichtlich.

Die Versuchsreihen zeigten aber auch, dass sich die Athleten erst an die etwas härtere Unterlage gewöhnen mussten. Und dass diese auch die Ausrüster zu "Nachrüstungen" fordert. Denn der stärkere Oberflächen-Impact erfordert Spikes, früher Nagelschuhe genannt, mit neuen, spitzeren und schärferen Nägeln. Von dieser Verbesserung profitieren die Frauen stärker als die Männer, wie die Tests ergaben.

Usain Bolt. Macht der neue Hochleistungsbelag im Letzigrund den schnellsten Mann der Welt noch schneller?

( AFP)

Gegenüber dem Schweizer Fernsehen  bestätigten Athletinnen das Feedback der Männer, sich erst an den härteren Untergrund gewöhnen zu müssen. Die Studien ergaben noch einen weiteren Vorteil: Die Läufer sind nicht nur schneller, auch die Stabilität ist grösser, gerade in den entscheidenden Fuss- und Kniegelenken. Und dies wiederum reduziert die Gefahr einer Verletzung der Sprinterinnen und Sprinter.

Zu jenen, welche den neuen Belag im Letzigrund bereits getestet haben, gehört auch Renaud Lavillenie, der französische Weltrekordhalter im Stabhochsprungexterner Link. Gegenüber swissinfo.ch charakterisiert er ihn so: "Stark und nicht allzu weich, eine gute Unterlage, um hoch springen zu können". Ein definitives Urteil wird der kleine Mann, der sich am höchsten in die Lüfte katapultiert, aber erst nach dem Wettbewerb um den Europameistertitel im August abgeben können.  

Rekordjagd

Besteht also Anlass zu Hoffnung auf die Rückkehr auf die gute alte Zeit der Weltrekorde? Erst einmal an den kontinentalen Meisterschaften, dann aber an der Gala Weltklasse Zürich mit Top-Star Usain Bolt?

"Alle sprechen davon, aber es ist der Athlet, der laufen muss und nicht die Bahn", lacht Ulrich Daum. "Natürlich wäre es schön. Von der Unterlage her, die wir den Athleten zur Verfügung stellen, sollte es möglich sein. Aber mehr als 60% bis 70% liegen beim Athleten."

Und wie sieht Patrick Magyar, der Ende Saison als Direktor von Weltklasse Zürich zurück tritt, den beiden Grossanlässen entgegen? "Ich hoffe natürlich, dass ich meine Amtszeit mit viel Schwung beenden kann", sagt er vieldeutig.

Zwei Leichtathletik-Highlights

EM 2014 vom 12. bis 17. August:

14'000 Athletinnen und Athleten aus 50 Ländern kämpfen um 47 Medaillensätze. Täglich werden im Letzigrund-Stadion über 20'000 Zuschauer erwartet. Weltweit wird mit 370 Mio. Fernsehzuschauern gerechnet.

Weltklasse Zürich vom August 28:

Am Meeting, das zur Diamond League zählt, nehmen die Besten der Welt teil. Am Start sind neben Usain Bolt u. a. seine jamaikanische Landsfrau Shelly-Ann Fraser-Pryce oder der 800m-Weltrekordler David Rudisha (Kenia). Die Gala wird mit 25'000 Zuschauern wiederum ausverkauft sein. 15 Mio. Zuschauer verfolgen den Event am Bildschirm.

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Leichtathletik-EM 2014

Es sind nach 1954 erst die zweiten europäischen Leichtathletik-Titelkämpfe der Geschichte.

Die Gastgeberin Schweiz wird 53 Athletinnen und Athleten stellen, so viele wie nie zuvor. "Mehrere Finalqualifikationen", lautet die Zielsetzung des Verbandes Swiss Athletics. Von Medaillen will Kommunikationschef Beat Freihofer nicht sprechen, "weil das europäische Niveau sehr hoch ist".

Der grösste Sportanlass der Schweiz seit der Fussball-EM 2008 wird von der Stadt Zürich mit 5,7 Mio. Franken unterstützt. Sie erhofft sich vom  einwöchigen Anlass wichtige Impulse für die lokale Wirtschaft.


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch

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