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Antworten auf Covid-Pandemie sind nur Flickwerk

Während der Pandemie zerstreiten sich sogar Familien wegen politischer Meinungsverschiedenheiten. Aber über die dringende Notwendigkeit, das globale Wirtschaftsmodell umzugestalten, gibt es keine Kontroverse, keine Grundsatzdebatte, nicht einmal eine Verschwörungstheorie, schreibt Bertrand Kiefer, Direktor und Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung.

Dieser Inhalt wurde am 13. Oktober 2020 - 09:00 publiziert
Bertrand Kiefer, Chefredaktor Schweizerische Ärztezeitung

In Zeiten der bestimmen die Gesetze der Biologie und der Wirtschaft unsere Gesellschaft. Und wir versuchen, überrascht und verärgert, die Situation zu verstehen. Befinden wir uns in einem kollektiven Wahn, der sich in Leugnung und Angst äussert?

Vielleicht. Vor allem aber zeigt sich nun, was bereits längere Zeit unter der Oberfläche schwelte: eine anarchistische Globalisierung, eine nicht nachhaltige Postmoderne, die von Ungleichheiten geprägt ist.

Eigentlich sollten wir jetzt eine aufgeklärte Gesellschaft sein, in der die Debatte vorherrscht, in der Wissen und Wissenschaft ihr Bestes geben. Stattdessen beobachten wir ein Scheitern des Diskurses. Informationen werden dem Markt überlassen. Verschwörungstheorien feiern Urständ. Die Wissenschaft wird manipuliert und parodiert. Tausend falsche Theorien schiessen ins Kraut.

"Es riecht nach Testosteron, nach hasserfülltem Egoismus. Jeder schaut nur noch für sich selbst."

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In der Covid-Ära werden Demokratien zu Hackfleisch gemacht und geraten aus den Fugen. Familien zerstreiten sich wegen politischer Meinungsverschiedenheiten. Auch ausserhalb der kleinen Grabenkämpfe erwacht ein nationalistischer Wettstreit.

Grossmächte lassen ihre Muskeln spielen. Es riecht nach Testosteron, nach hasserfülltem Egoismus. Jeder schaut nur noch für sich selbst. Aber ohne Zusammenarbeit und Offenheit schaffen wir es nicht aus diesem Systemstillstand heraus.

Wir müssen dort anfangen, wo wir dies bereits praktizieren: in den Bereichen der Pflege, des Willkommenheissens, des Mitgefühls. Inseln des Widerstands, wo sich fast überall Menschen um Covid-Patientinnen und Patienten kümmern. Weit weg von jenen, die sich ihre Freiheit nicht beschneiden lassen wollen, ohne dass sie selbst irgendeinen Einsatz leisten.

Kontroverse folgt auf Kontroverse

Die letzten Monate waren eine seltsame Abfolge von Ereignissen. Einer Kontroverse folgte gleich die nächste. Über den Lockdown, das Versammlungsverbot, über die Haltung gegenüber älteren und jungen Menschen oder Kindern und Schulen. Über Sinn oder Unsinn von Masken oder die Dauer der Quarantäne. Nichts scheint gesichert.

Zudem ändern die Behörden ständig ihre Aussagen, was dieses Gefühl noch verstärkt. Oft sind ihre Erklärungen widersprüchlich oder gar verwirrlich. Und schlimmer noch: Sie neigen dazu, ihre früheren Verfehlungen diskret unter den Teppich der aktuellen Ereignisse zu kehren.

Dabei vergessen sie, dass die Öffentlichkeit sie genau beobachtet. Das führt dazu, dass das Vertrauen auf der Strecke bleibt: "Man belügt uns, man macht zu viel, dieses Virus ist nichts, ein paar alte Menschen sterben, die sowieso bald ihr Ende gesehen hätten."

Machtlose Realität

Bei solchen Argumenten bleibt sogar die Realität machtlos. Die Zahl der Fälle nimmt in der Schweiz langsam zu, während mehrere umliegende Länder die Kontrolle über die Pandemie verlieren. Doch die Gefahr verliert zusehends von ihrer Bedrohlichkeit. Die Skeptiker betrachten die Zahl der Todesopfer, finden sie sehr niedrig, sorgen sich um die wirtschaftlichen und kulturellen Kosten und begehren auf gegen Angriffe auf die Freiheit.

Aber sie täuschen sich. Viel mehr als die kollektiven Solidaritätsmassnahmen ist es die Pandemie selbst, die das fragile, nicht nachhaltige und nicht auf Solidarität basierende Wirtschaftsgefüge unserer Gesellschaften untergräbt.

Zeit wird knapp, Kritiker profitieren

Man müsste diskutieren, Grundsatzdebatten starten. Aber die Zeit wird knapp, und davon profitieren die Kritiker. Man sollte von der Wissenschaft ausgehen. Doch diese breitet ihre Differenzen immer wieder in der Öffentlichkeit aus.

Natürlich gibt es in allen wissenschaftlichen Disziplinen Meinungsverschiedenheiten. Sie wirken aber nie so stark auf die Öffentlichkeit ein und werden vor allem nicht, wie in dieser Pandemie, durch globalisierte Live-Berichterstattung zum reinen Theater.

Normalerweise zeigt die Zeit, wer Recht hatte. Bei Covid wird erwartet, sofort alles zu wissen. Das Problem sind also nicht die Meinungsverschiedenheiten. Vielmehr fehlt es am zeitlichen Abstand, um die Theorien der Corona-Skeptiker zu entkräften, deren treibende Kraft nicht die Wissenschaft ist, sondern ganz einfach das Ego, Geld oder die pure Freude am Widerstand.

"Natürlich müssen wir die Einwände anhören."

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Ein weiterer Grund, warum wir zu wenig Zeit haben, ist das so genannte Präventions-Paradox. Um eine Pandemie so gut wie möglich zu meistern, muss man immer so früh wie möglich reagieren und versuchen, bereits den kleinsten Ausbruch im Keim zu ersticken, wie man es bei einem Brand tun würde. Das lässt die Präventionsmassnahmen in Nachhinein als übertrieben erscheinen. Warum diese grosse Aufregung, wenn es gar kein Feuer gibt?

Natürlich müssen wir die Einwände anhören, verstehen, wie die Öffentlichkeit denkt, wie sie reagiert oder überreagiert. Und ihrer Bestürzung Rechnung tragen, konfrontiert mit so vielen Unbekannten und dem Zusammenbrechen alter Gewissheiten.

Die Impfgegner machen Angst

Gemäss einer kürzlich durchgeführten Umfrage sind nur 54% der Schweizerinnen und Schweizer bereit, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. 41% möchten das lieber nicht tun. Obwohl der Impfstoff das zentrale Element der Strategie für den Ausstieg aus der Pandemie ist, macht diese grosse Minderheit von Impfgegnern Angst.

Um sie zu überzeugen, müssten wir neues Vertrauen aufbauen. Dies erfordert echte Transparenz. Und das läuft gerade nicht gut. Die Protokolle der Studien über die am weitesten fortgeschrittenen Impfstoffe bleiben unter Verschluss. Die Fortschritte der einzelnen Teams sollten untereinander ausgetauscht werden, aber es dominiert ein Ultra-Wettbewerb (und sogar Spionage).

Es ist gut möglich, dass unser Land entscheiden muss, ob es seiner Bevölkerung eine Impfung anbietet oder nicht, die auf einer bruchstückhaften Grundlage von Ergebnissen zu Sicherheit und Wirksamkeit basiert – ohne den Zugang zu den Rohdaten zu haben.

Verrückter biostrategischer Krieg

Im Hintergrund findet ein verrückter biostrategischer Krieg statt. Die Vereinigten Staaten, China, Russland: Die Grossmächte lassen den Covid-Impfstoff zu einem Fetisch ihrer Macht verkommen. Es sind Länder, die geprägt sind durch den übermässigen Narzissmus ihrer Präsidenten. Deren Eifersüchteleien und kleinen Geschichten stehen jenen der alten Kaiser in nichts nach. Alle kündigen sie bereits die Beinahe-Validierung ihres Impfstoffs oder mehrerer Impfstoffe und ihren baldigen Sieg in diesem Krieg an.

Populismus, wissenschaftlicher Verneinungswahn und Prahlerei haben Vorrang vor der Realität des Wissens: "Mein Impfstoff ist besser als Deiner!" Wie sollen wir da nicht jegliches Vertrauen aufgeben, wenn wir entdecken, dass sich unser Schicksal zum Teil im Sandkasten der Grossen entscheiden wird?

In der Schweiz, einem kleinen, reichen Land, glauben wir, dass wir mit Vorbestellungen von Impfstoffen dank Dollars und geheimen Verträgen aus der Krise kommen können. Doch das ändert nichts. Das Volk wird keinen Zugang zur Wahrheit erhalten, ausser unter der Hand. Die Ethik hat das Spielfeld verlassen.

"Die Gesellschaften haben mit einem tief sitzenden Übel zu kämpfen. Einem quälenden Fatalismus."

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Die Pandemie hat viele dramatische Gesichter: Armut, Zerstörung von Kulturen, Stellenverlust, sogar Elend, das ist leider wahr. Aber über die dringende Notwendigkeit, das globale Wirtschaftsmodell umzugestalten, es in den Dienst der Menschen und der Gemeinschaft zu stellen, gibt es keine Kontroverse, keine Grundsatzdebatte, nicht einmal eine Verschwörungstheorie.

Die Gesellschaften haben mit einem tief sitzenden Übel zu kämpfen. Einem quälenden Fatalismus. Das Aufbegehren gegen die Bedingungen der Gegenwart erscheint ihnen überholt. Als ob das letzte Wort der Menschheit die Massenarbeitslosigkeit wäre und der Ausschluss junger Menschen aus der Arbeitswelt, die völlige Verarmung der armen Länder, die unerwiderte Plünderung des Reichtums durch gigantische Unternehmen und die Abkehr von jeglichem Verständnis des Gemeinwohls und der Versöhnung mit der Umwelt.

Bertrand Kiefer ist Direktor und Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung.

(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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