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Steueroase als Kulturstadt

Zuger Prunkstück: Der Bahnhof des Lichtkünstlers James Turrell.

(swissinfo.ch)

Stadt und Kanton Zug sind international bekannt als Steueroase. Doch im Windschatten von Briefkastenfirmen und Steuerflüchtlingen hat sich in den letzten Jahren eine lebendige Kunstszene entwickelt.

Porträt einer Stadt, in der sich Kunst durchaus ungewohnt präsentiert.

Kultur und Kunst haben ihren Platz in Zug. Das zeigt sich bereits wenige Schritte hinter dem Bahnhof: Farbige Kuben und Kugeln streben in den grauen Himmel vor dem Einkaufszentrum.

"Die moderne Welt in Form von Piktogrammen sammeln", das will die Plastik des Amerikaners Mat Mullican laut dem druckfrischen Kultur-Stadtplan der Stadt Zug. An diesem eisigen Morgen hasten die Menschen an der Kunst vorbei, ohne sie zu beachten.

Kulturfreundliches Klima im Steuerparadies

"Der Mullican ist schon umstritten", sagt die städtische Kulturbeauftragte Sonja Hägeli im Gespräch mit swissinfo. "Allgemein ist das Zuger Publikum aber sehr offen und interessiert." Hägeli ist Mitherausgeberin des Stadtplans, der insgesamt 15 Kunstwerke zeigenössischer Kunst im öffentlichen Raum aufführt.

Insgesamt gibt die Stadt Zug, die sich selber für international weit herum tiefste Steuern rühmt, jährlich 3 Mio. Franken für Kultur aus. Nicht mitgezählt sind die Beiträge an Musikschule und Bibliothek, wie Hägeli präzisiert. Die gesamten Kulturausgaben in der Stadt Zug – Stadt, Gemeinden, Kanton, Stiftungen und Privatpersonen - schätzt sie auf um die 8 Mio. Franken.

Kunst, wo man Kunst erwartet...

Die grössten Brocken der städtischen Subventionen gehen an traditionelle Kulturbetriebe. Beispielsweise das Theater "Casino" am Ufer des Zugersees oder das Kunsthaus. Internationale Beachtung erhielt das von Matthias Haldemann geführte Kunsthaus beispielsweise dank der Sammlung der Zuger Bankier-Familie Kamm. Werke daraus wurden kürzlich an die Wiener Albertina ausgeliehen.

Der besondere Stolz Hägelis aber ist die Spinnihalle in Baar, ein "kultureller Mehrspartenbetrieb", der nach jahrelangem Gezerre Ende 2001 eröffnet werden konnte. "Die Spinnihalle hat sich in kurzer Zeit etabliert und der Kulturszene Dynamik gebracht", kommentiert auch Franziska Meier, Kulturredaktorin bei der Zeitung "Zuger Presse".

... aber auch Kunst im Knast

Der Kulturstadtplan führt aber zusätzlich an Orte, wo niemand Kunst erwarten würde. Ans kaufmännische Bildungszentrum zum Beispiel, wo sich organisch-technoide Röhren aus computer-generiertem Siebdruck durchs sechsstöckige Treppenhaus ranken: Das Labyrinth des Österreichers Peter Kogler erstreckt sich insgesamt über 1000 Quadratmeter.

Eine Schülerin ist jedoch wenig beeindruckt vom Versuch, Kultur in die Bildungsstätte zu bringen: "Ich gehe hier zur Schule, ich sehe hier keine Kunst."

Den ausgefallensten Kunst-Ort hat fraglos der Russe Pavel Pepperstein ausgesucht: Im neuen Gefängnis – 39 Zellen, rund 350 Insassen jährlich - malte er Wandbilder. An den Aussenmauern Menschen-Gesichter, im Innern Fabeltiere, Höllenwesen und Gottgestalten.

"Pepperstein hat selber Erfahrung mit der Gefangenschaft, er war ein Jahr in der Psychiatrie in Russland", erklärt Gefängnisdirektor Patrick Cotti gegenüber swissinfo. "Den meisten Insassen gefallen die unaufdringlichen Bilder."

"Lachende Altbauten" haben ausgelacht

Dass Zug trotz aller bisher angeführten Grosszügigkeit nicht nur Paradies für Kulturschaffende ist, musste letzten Sommer die Hausbesetzer-Szene erfahren. Das Kollektiv "Lachende Altbauten" hatte das alte Zeughaus in Beschlag genommen, um Kulturraum zu schaffen.

Auf Weisung der Besitzerin, des Verteidigungs-Departements in Bern, liess der linke Polizeidirektor Hanspeter Uster das Zeughaus räumen; er könne sich "schönere Aufgaben" vorstellen, sagte er damals der Presse.

Dass die Zeughaus-Räumung auch Eingang in die überregionalen Medien fand, mag daran liegen, dass ausgerechnet auf dem Finanzplatz Zug die Sozialistisch-Grüne-Alternative (SGA) einen beachtlichen Einfluss in Zuger Regierung und Parlament hat.

Die SGA positioniert sich deutlich links der Sozialdemokratischen Partei und verfügt neben Uster über Vertreter, die auch Geld in die Partei und linke Projekte stecken können.

Ein Skandälchen um Barbie-Puppen

Bescheidene nationale Schlagzeilen machte im Jahr 2000 schon die Ausstellung "Schöne neue Welt" des Zuger Künstlers Roland Heimgartner im Foyer eines Verwaltungsgebäudes: Nach einer Woche wurde sie abgesetzt.

Seine drastisch karikierte neue Welt - religiöse Motive, blinkende Blütensterne, Edelkitsch und Barbie-Puppen in Miniröcken – verleiteten Mitmenschen zu schlüpfrigen Bemerkungen gegenüber dem Personal. Der Personalverband protestierte.

"Seither passen die Zuger Künstler schon mehr auf, was sie in der Öffentlichkeit ausstellen", sagt Gert Billing aus Baar. Der Galerist war - in Absprache mit der Kultur-Direktion – verantwortlich fürs Ausstellungskonzept.

Zur grossen Frage, wie viel Einfluss das Geld auf die Zuger Kulturszene hat, meint Billing trocken: "Wer Geld statt in Aktien in Kunst anlegt, kauft direkt in London ein."

Mäzene und andere Sponsoren

Es gibt aber auch jene Gutbegüterten, die Kunst gar nicht als Kapital-Anlage sehen. Die Stiftung Landis & Gyr, gegründet von den Besitzer-Familien zum 75-Jahre-Jubiläum ihrer Maschinenfabrik, verfügte 2001 über rund 3,5 Mio. Franken jährlich. Damit betreibt sie Kulturförderung auf der ganzen Welt. Im lokalen Fokus stehen das Zuger Casino und das Kunsthaus sowie das Zürcher Opernhaus.

Die Industriellen-Familien zeigen sich aber nicht nur grosszügig, wenn ihre Spende in eine Spendertafel gemeisselt wird: Persönliche Mitgliederbeiträge in Zuger Vereinen werden alljährlich verdoppelt, hört man.

Aber auch wer zwecks Steueroptimierung nach Zug zieht, muss kein Kulturbanause sein. Der von Ex-Präsident Bill Clinton begnadigte Rohstoffhändler Marc Rich beispielsweise – seine Firma hat ihren Hauptsitz in Zug - unterstützt mit seiner Doron-Stiftung ebenfalls Kultur-Institutionen.

In ganz anderer, ungewöhnlicher Weise griff kürzlich Neu-Zuger und Ex-Tennis-Profi Boris Becker einer Künstlergruppe unter die Arme: Er lieh ihnen seinen Hocker, der – mit 21 anderen wichtigen und gewichtigen Sitzgelegenheiten – in einer Installation der Reihe "Instant Pop" ausgestellt wurde.

Der gläserne Bahnhof

Hier scheint sich die Aura des Geldes mit den Ansprüchen der Kulturschaffenden zu verweben. Auf jedem Fall funktioniert in Zug die "Public-Private-Partnership". Beim neuesten Zuger Prunkstück, dem Bahnhof, bezahlten private Firmen einen Grossteil der 1,7 Mio. Franken für die Lichtinstallation des Amerikaners James Turrell.

Und auch noch fast drei Monate nach Eröffnung staunen die Menschen im SBB-Glaspalast, wenn die 2000 Laufmeter Neonröhren die drei Stockwerke in immer neue Farben tauchen.

"Ich will wissen, wie er das macht", sagt ein Architekt, der aus Zürich angereist ist, fährt mit dem Zeigefinger über das aufgeraute Glas der Brüstung und knipst beim nächsten Farbspiel ein weiteres Foto. "Das ist Wahnsinn."

swissinfo, Philippe Kropf, Zug

Fakten

Kultur in Zug: Fünf Museen, zwei Theater, zwei Kinos, zwei Mehrspartenbetriebe, ein Jugendhaus und eine Kultur-Beiz.

Kulturausgaben der Stadt pro Kopf:

Zürich: 164 Franken
Zug: 130 Franken
Thun: 119 Franken

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In Kürze

Zug ist bekannt für tiefste Steuern und als sicherer Finanz-Hafen.

Die etablierte Kulturszene profitiert davon mit relativ hohen staatlichen Förder-Geldern, aber auch von der Aura der Steuerflüchtlinge.

Alteingesessene Stiftungen greifen Kulturschaffenden mit Millionen unter die Arme, aber auch im Privaten zeigen sich Mäzene keineswegs knauserig.

Dass ein linker Polizeichef kürzlich eine Kulturbesetzung beenden musste, ist nur eine mehrerer Anekdoten der Zuger Kultur.

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