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Stipendiaten auf Achse Mobile Akademiker: Wissensverlust oder Bereicherung?

Stipendien für ausländische Studierende aus minderbemittelten Ländern bieten die Möglichkeit, Begabte an Schweizer Universitäten zu binden. Einige dieser Akademiker kehren nicht mehr heim: Ein "Brain-Drain" für die armen Länder? Eine Zürcher Studie versucht, Antworten zu geben.

Als Meghali Randive 2008 aus Indien an die Universität Zürich kam, um Germanistik zu studieren, erlitt sie einen kleinen Kulturschock. "Ich wusste nicht, dass sich Schweizerdeutsch so stark vom Hochdeutsch unterscheidet, das ich in Indien gelernt hatte", sagt sie.

Heute steht sie kurz vor dem Doktorat, ist gut integriert und denkt nicht unbedingt an eine Heimkehr.

Bassirou Bonfoh, Veterinärmediziner aus Togo, der für ein Post-Doktorat nach Basel und Zürich gekommen war, ist nach Westafrika zurückgekehrt, wo er als Generaldirektor am Schweizer Zentrum für wissenschaftliche Forschung in der Elfenbeinküste arbeitet. Dort nennt man ihn wegen seines helvetischen Ansatzes, die Probleme zu lösen, "den Schweizer".

Eine gemeinsame Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ETH und der Universität Zürich, die im Januar der Öffentlichkeit vorgestellt worden ist, untersuchte die Auswirkung von fünf verschiedenen Stipendien - inklusive jener der Eidgenossenschaft – auf den Karriereweg ausländischer Studierender.

Die Forscher kamen zum Schluss, dass beide – sowohl Randives wie Bonfohs Fall – typisch seien. Von den 304 Befragten aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die an den beiden Institutionen studiert hatten, kehrte nur etwa die Hälfte nach dem Studium nach Hause.

Stipendien der Regierung

Die Eidgenössische Stipendienkommission für ausländische Studierende (ESKAS) vergibt im Auftrag der Schweizer Regierung Stipendien für ein Nachdiplomstudium an Universitäten und für Kunst (in geringerer Anzahl).

50% der Stipendien werden an Studierende aus Entwicklungsländern und 50% an Studierende aus industrialisierten Ländern vergeben (Partner aus der Wissenschaft in der Europäischen Union, den USA und anderen angelsächsischen Ländern).

Im akademischen Jahr 2013/14 wurden 368 Stipendien vergeben. Für 2014/15 sind bisher rund 1000 Gesuche eingegangen.

Schwerpunktländer, die von der Regierung bestimmt wurden, sind die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) sowie die Elfenbeinküste und Tansania, wo das Staatssekretariat für Bildung,

Forschung und Innovation zwei Forschungszentren gründete. Je nach Qualität der Gesuche werden in diesem Rahmen 10 bis 25 Stipendien vergeben.

Das Budget beträgt für 2013/14 rund 9 Millionen Franken.

Ob die Abstimmung vom 9. Februar "gegen Masseneinwanderung" einen Einfluss auf die Vergabe der Stipendien für Ausländer hat, lässt sich (noch) nicht sagen.

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Diese Rate ist relativ niedrig im Vergleich zu jenen, die aus ähnlichen internationalen Studien resultierten, und sie lässt - gepaart mit der Tatsache, dass jene, die im Ausland leben, sich auf industrialisierte Länder konzentrieren -einen Wissensverlust für minderbemittelte Länder vermuten.

Allerdings pflegen 53 Prozent der im Ausland Tätigen professionelle Kontakte zu ihren Herkunftsländern.

"Eine physische Präsenz ist nicht notwendig, um Ideen und Wissen auszutauschen", sagt Emma Lindberg, die federführende Autorin der Studie am Eidgenössischen Institut.

Stipendienbezüger aus weniger entwickelten Ländern kehrten am häufigsten heim. Zu den Gründen für eine Rückkehr gehören Freundschaften und familiäre Bindungen, ein höherer Status und bessere Karrieremöglichkeiten als in wohlhabenderen Ländern. Manchmal geht es den Stipendiaten aber auch ganz einfach darum, etwas in ihrem Land zu bewegen.

Die meisten Stipendiaten gehörten zur "globalisierten Generation". Sie lebten an verschiedenen Orten, sowohl vor wie nach ihrem Aufenthalt in der Schweiz. Für sie stellte sich laut der Studie nicht so sehr die Frage, ob sie im Ausland studieren wollten oder nicht, sondern wo.

Der Wettbewerbe um die besten Stipendiaten hat sich laut der Studie auf jeden Fall verschärft mit der Teilnahme der Schwellenländer wie China und Indien am Kampf um die Talente.

Lebenslektionen

Randive, deren Mann bei einer deutschen Firma in Indien arbeitet, möchte sich im Ausland niederlassen, wenn möglich in Deutschland. Ihr Doktorat macht sie gegenwärtig ohne Stipendium. Sie verdient sich den Lebensunterhalt mit Unterrichten, Küchen- und Empfangsjobs.

"Ich habe die Hemmung überwunden, dass Mädchen gewisse Arbeiten nicht machen sollten. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich alles tun kann und überlebt habe. Das ist das Wichtigste, das ich hier gelernt habe, und es wird mir für den Rest des Lebens helfen", sagt sie.

Auch Bonfoh, der heute Professor ist, hat das Studium in der Schweiz geschätzt. "Es hat mir geholfen, mehr Verantwortung zu übernehmen, als ich erwartet hatte, nachdem ich das Studium an der Senegal Universität abgeschlossen hatte", sagt er.

Die sozialen Kompetenzen, die er sich in der Schweiz aneignete – Arbeitsqualität, Integrität in der Forschung, gute Regierungsführung – waren unbezahlbar für seine Karriere.

Die Studie in Kürze

Die Resultate der Studie "Brain-Drain oder Brain-Circulation" wurden am 22. Januar in Zürich vorgestellt. 304 Personen waren untersucht worden, die zwischen 1996 und 2012 an der Universität Zürich oder an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ein Masterstudium, ein Doktorat oder ein Nachdiplomstudium absolvierten. Sie kamen aus 57 Ländern, darunter China, Indien, Mongolei, Russland und Kuba.

Die Studie untersuchte Stipendien der Regierung, sowie jene, die von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) vergeben wurden.

95% der Befragten sagten, dass der Aufenthalt in der Schweiz für sie von Nutzen war. Fast 60% waren in der Forschung oder in der höheren Bildung tätig, 20% arbeiteten im Privatsektor.

Befragte, die in ihr Herkunftsland zurückgekehrt waren, erreichten in der Regel eine höhere Anstellungsstufe als jene, die im Ausland blieben.

An der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich sind 36% der Studierenden und 65% der Doktoranden Ausländer. An der Universität Zürich sind 18% der Studierenden (inkl. Doktoranden) und mehr als 35% der Doktoranden Ausländer. Für die ganze Schweiz liegt die Ausländerquote unter den Studierenden bei 38% (2011).

Laut einer internationalen Studie (Franzoni et al., 2012) ist die Schweiz mit 56,7% weltweit das Land mit der höchsten 

Die Resultate der Studie "Brain-Drain oder Brain-Circulation" wurden am 22. Januar in Zürich vorgestellt. 304 Personen waren untersucht worden, die zwischen 1996 und 2012 an der Universität Zürich oder am Eidgenössischen Institut für Technologie in Zürich ein Masterstudium, ein Doktorat oder ein Nachdiplomstudium absolvierten. Sie kamen aus 57 Ländern, darunter China, Indien, Mongolei, Russland und Kuba.

Die Studie untersuchte Stipendien der Regierung, sowie jene, die von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) vergeben wurden.

95% der Befragten sagten, dass der Aufenthalt in der Schweiz für sie von Nutzen war. Fast 60% waren in der Forschung oder in der höheren Bildung tätig, 20% arbeiteten im Privatsektor.

Befragte, die in ihr Herkunftsland zurückgekehrt waren, erreichten in der Regel eine höhere Anstellungsstufe als jene, die im Ausland blieben.

Am Eidgenössischen Institut für Technologie in Zürich sind 36% der Studierenden und 65% der Doktoranden Ausländer. An der Universität Zürich sind 18% der Studierenden (inkl. Doktoranden) und mehr als 35% der Doktoranden Ausländer. Für die ganze Schweiz liegt die Ausländerquote unter den Studierenden bei 38% (2011).

Laut einer internationalen Studie (Franzoni et al., 2012) ist die Schweiz mit 56,7% weltweit das Land mit der höchsten

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Schweizer Erfahrung

Die Resultate der Zürcher Studie stimmten mit den allgemeinen Erfahrungen ungefähr überein, sagt Jacques Moeschler, Präsident der Eidgenössischen Stipendienkommission für ausländische Studierende (ESKAS), welche im Auftrag der Regierung Stipendien vergibt (Vgl. rechte Spalte).

"Unsere Statistik zeigt, dass in den ersten sechs Monaten nach der Stipendienzeit ein Drittel der Studenten in ihr Land zurückkehrt, ein Drittel in der Schweiz bleibt, um die Ausbildung zu verbessern, und ein Drittel für eine berufliche Karriere oder Weiterbildung ins Ausland geht", sagt Moeschler.

"Das heisst, dass das Wissen zirkuliert und nicht abwandert. Ich kann nicht sagen, dass diese Studenten in jedem Fall eine akademische Laufbahn in der Schweiz einschlagen."

Für solche Stipendien stünden in der Schweiz weniger Ressourcen zur Verfügung als etwa in Deutschland oder bei der American Fulbright scholarships, die stark auf wissenschaftliche Spitzenleistungen ausgerichtet sei, sagt Moeschler.

"Die Schweiz bewegt sich auch in diese Richtung mit mehr Stipendien für Doktorate und Nachdiplomstudien, aber das Parlament verlangt immer noch "gewisse geografische oder politische Kriterien" bei der Vergabe, sagt der Genfer Professor.

2013/14 wurden laut Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation in der Schweiz insgesamt 368 Eidgenössische Stipendien vergeben.

Gegenseitiger Nutzen

An der Medienkonferenz, bei welcher die Studie vorgestellt worden war, regten Teilnehmer aus verschiedenen akademischen Kreisen an, dass mehr getan werden sollte, um ausländische Studierende zu ermuntern, das erworbene Wissen in den Dienst ihrer Herkunftsländer zu stellen, wie zum Beispiel Erleichterungen bei der Wiedereingliederung in dieakademischen Institutionen.

Einzelne sagten auch, dass die Schweizer Migrationsbeschränkungen gelockert werden sollten, damit die Studenten bleiben könnten, wenn sie dies wünschten.

So oder so: Stipendien zahlten sich auch für die Schweiz aus, sagt Susanne Thieme, die Leiterin der Studie. "Studienleiter, Professoren und Forscher profitieren sehr von solchen internationalen Klassenzimmern, in denen sich Leute mit verschiedenen Kenntnissen und Erfahrungen begegnen."

Für Bonfoh geht es ums gegenseitige Lernen. "Wenn die Schweiz Stipendien vergibt, gewinnt sie auch etwas, weil wir nachher ihre Botschafter sind.", sagt er.


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch


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