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Fifa-Funktionäre festgenommen Strafverfahren wegen Bestechungsverdacht bei WM-Vergaben

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Die in Zürich festgenommenen Fifa-Funktionäre stehen im Verdacht, in Bestechungen verwickelt zu sein.

Die in Zürich festgenommenen Fifa-Funktionäre stehen im Verdacht, in Bestechungen verwickelt zu sein.

(Keystone)

Die Bundesanwaltschaft hat ein Strafverfahren wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie des Verdachts der Geldwäscherei gegen Unbekannt eröffnet. Am FIFA-Hauptsitz in Zürich wurden elektronische Daten und Dokumente sichergestellt. Am frühen Mittwochmorgen hatte die Zürcher Kantonspolizei im Hotel Baur au Lac sieben Funktionäre der FIFA festgenommen. In Zürich findet am kommenden Freitag die Wahl des FIFA-Präsidenten statt.

Das Strafverfahren eröffnete die Schweizer Bundesanwaltschaft externer Linkbereits am 10. März, wie sie am Mittwoch mitteilte. Es bestehe der Verdacht, dass bei den Vergaben für die FIFA-Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar "Unregelmässigkeiten" begangenen worden seien. Entsprechende "unrechtmässige Bereicherungen" sollen zumindest teilweise in der Schweiz stattgefunden haben.

Bei der FIFA stellte die Bundesanwaltschaft am Mittwoch auf Computern gespeicherte Informationen und Dokumente sicher, wie es in der Mitteilung heisst. Bereits vorgängig sei bei verschiedenen Finanzinstituten in der Schweiz die Erhebung verschiedener Bankunterlagen angeordnet worden. Alle elektronischen Daten und Dokumente dienten sowohl dem Schweizer Strafverfahren als auch ausländischen Ermittlungen.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Zudem besteht der Verdacht auf Geldwäscherei über Bankverbindungen in der Schweiz. Im Anschluss an die Sicherstellung der Akten sollen zehn Personen einvernommen werden, die als Mitglieder des Exekutivkomitees 2010 an der Wahl zur WM-Vergabe von 2018 und 2022 beteiligt waren. Diese Personen werden gemäss Mitteilung als Auskunftspersonen befragt.

Das Vorgehen der Bundesanwaltschaft war mit den ebenfalls ermittelnden US-Behörden koordiniert worden. Um allfällige strafrechtlich relevante Informationen wirksam und unter der Vermeidung von Kollusion zu beschaffen, habe man die Massnahmen anlässlich des Besuchs einer Grosszahl an mit den WM-Vergaben befassten Personen zeitgleich durchgeführt, heisst es.

Dem Strafverfahren der Bundesanwaltschaft vorausgegangen war eine Strafanzeige der FIFA.externer Link Der Weltfussballverband tritt in diesem Verfahren als Geschädigter auf, wie es in der Mitteilung heisst.

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Festnahmen im Baur au Lac

Am frühen Mittwochmorgen waren in Zürich sieben Fussballfunktionäre von der Schweizer Polizei festgenommen und in Auslieferungshaft gesetzt worden. Sie stehen im Verdacht, Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen respektive bezahlt zu haben. 

Gemäss einer Mitteilung des Bundesamtes für Justiz (BJ) hatten die USA um die Verhaftungen ersucht. Das BJ liess deshalb die Verdächtigten festnehmen. Gegen die Fussballfunktionäre wird in New York wegen Annahme von Bestechungsgeldern und verdeckten Provisionen ermittelt. Angenommen haben sollen sie diese seit den Neunzigerjahren bis heute. Sechs der sieben inhaftierten FIFA-Verdächtigen wollen sich der drohenden Auslieferung an die USA widersetzen, teilte die Bundesanwaltschaft mit.

Vertreter von Sportmedien und Sportvermarktungsunternehmen sollen gemäss BJ in Zahlungen an hochrangige Fussballfunktionäre - Delegierte des Weltfussballverbandes FIFA und andere Funktionäre von FIFA-Unterorganisationen - in Höhe von über 100 Millionen Dollar verwickelt gewesen sein.

Als Gegenleistung sollen sie an Fussballturnieren in den USA und in Lateinamerika Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechte erhalten haben, wie das BJ schrieb. Die Straftaten seien in den USA vorbereitet und abgesprochen worden, schrieb das Bundesamt unter Berufung auf das Verhaftungsersuchen. Auch seien Zahlungen über US-Banken abgewickelt worden.

Namen der inhaftierten Personen

  • Eugenio Figueredo, Vizepräsident des Südamerikanischen Fussballverbandes (CONMEBOL) und Vizepräsident der FIFA, uruguayanischer Staatsangehöriger
  • Eduardo Li, Präsident des Fussballverbandes von Costa Rica (FEDEFUTBOL) und Funktionäre der FIFA, costa-ricanischer Staatsangehöriger
  • José Maria Marin, Exekutivmitglied des Südamerikanischen Fussballverbandes (CONMEBOL), brasilianischer Staatsangehöriger
  • Julio Rocha, ehemaliger Präsident des Fussballverbandes von Nicaragua und FIFA-Funktionär, nicaraguanischer Staatsangehöriger
  • Costas Takkas, ehemaliger Generalsekretär des Fussballverbandes der Cayman Island, britischer Staatsangehöriger
  • Jeffrey Webb, Präsident des Nord- und Zentralamerikanischen und Karibischen Fussballverbandes (CONCACAF) und Vizepräsident der FIFA, britischer Staatsangehöriger
  • Rafael Esquivel, Präsident des venezuelanischen Fussballverbandes und Exekutivmitglied des Südamerikanischen Fussballverbandes (CONMEBOL), venezuelanischer Staatsbürger

(Quelle: Bundesamt für Justiz)

Infobox Ende

Das BJ hat die Namen der Festgenommen bekanntgegeben. Dabei handelt es sich um sieben Fifa-Verantwortliche, gegen welche die USA ermitteln. Sie befinden sich in Auslieferungshaft (Vgl. rechte Spalte). 

Gestützt auf drei US-Rechtshilfeersuchen habe das BJ gleichzeitig auf verschiedenen Banken in der Schweiz Konten sperren lassen, über welche die Bestechungsgelder geflossen sein sollen. Es habe zudem die Erhebung der betreffenden Bankunterlagen angeordnet. 

Auslieferung an die USA?

Die Verdächtigten werden möglicherweise unverzüglich an die USA ausgeliefert. Voraussetzung für eine sofortige Überstellung ist, dass sich die Festgenommenen in der am Mittwoch geplanten Anhörung bei der Zürcher Kantonspolizei mit der sofortigen Auslieferung einverstanden erklären. Tun sie das nicht, will das BJ die USA auffordern, ein formelles Auslieferungsgesuch zu stellen.

Im Visier der US-Justiz stehen vierzehn Personen. Neun davon sind oder waren FIFA-Funktionäre, von denen sieben in der Schweiz festgenommen wurden. Fünf sind Chefs von Sportmarketing-Firmen. Ihnen drohen Haftstrafen von bis zu zwanzig Jahren wegen organisiertem Verbrechen, Betrug, Geldwäscherei und Bestechung. Sieben von ihnen wurden am Mittwoch in Zürich festgenommen.

Zu den Angeklagten gehören laut dem amerikanischen Departement of Justice neben den in Zürich festgenommen FIFA-Funktionären auch Jack Warner, ehemaliger FIFA-Vizepräsident und Präsident der karibischen Fussballunion und der CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz.

"Wir sind schockiert von der Dauer dieser Praktiken und von der Tatsache, dass fast alle Bereiche der Fifa davon betroffen waren", sagte ein Verantwortlicher der US-Justiz, der von der New York Timesexterner Link zitiert wird. "Es scheint, als ob der ganze Verband einbezogen und die Korruption institutionalisiert gewesen wäre."

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"Blatter ist nicht beteiligt"

Wie die FIFA am Mittwoch an einer Pressekonferenz bekannt gab, findet der FIFA-Kongress trotz der Verhaftung von mehreren hochrangigen FIFA-Funktionären wie geplant am Donnerstag und Freitag im Zürcher Hallenstadion statt. Die Wahl des Präsidenten wird wie vorgesehen am Freitagnachmittag durchgeführt.

Die Aktion der Bundesanwaltschaft (BA) sei eigentlich von der FIFA selbst initiiert worden: Am 18. November 2014 habe diese bei der BA eine Anzeige eingereicht. Bisher sei niemand im Amt suspendiert worden, es gelte die Unschuldsvermutung, sagte FIFA-Medienchef Walter de Gregorio. In Entscheide über allfällige Suspendierungen wären verschiedene Instanzen einbezogen.

FIFA-Präsident Sepp Blatter erschien nicht vor den Medien. Er konzentriere sich auf den Kongress, sagte de Gregorio. Er sei "relativ entspannt", denn er wisse, "dass er nicht involviert ist".

Blatter und Generalsekretär Jérôme Valcke gehörten bei den Ermittlungen gegen FIFA-Funktionäre in den USA und in der Schweiz nicht zu den verdächtigten Personen, sagte de Gregorio und wies Forderungen nach einem Rücktritt von Blatter zurück.  "Warum soll er zurücktreten? Er wird nicht verdächtigt", sagte de Gregorio, der betonte, dass die Wahl zum FIFA-Präsidenten am Freitag wie geplant stattfinden soll. Der 79-Jährige Schweizer geht als grosser Favorit in die Wahl für eine fünfte Amtszeit beim FIFA-Kongress am Freitag. Einziger Gegenkandidat ist Prinz Ali bin al-Hussein aus Jordanien.

Der FIFA-Sprecher dementierte Meldungen, wonach Präsident Blatter aus Furcht vor einem Verfahren die USA meide. Dank dem Rechtshilfeabkommen zwischen der Schweiz und den USA müssten die USA nicht warten, bis Blatter komme. 2016 werde er für ein Turnier sicher in die USA reisen. Und schon demnächst werde er die Frauenfussball-WM in Kanada besuchen.

"Mehrheit will keine Reformen"

Er sei nicht der Ansicht, dass dies für die FIFA gut sei und sie dies immer gewollt hätte, sagt Mark Pieth gegenüber swissinfo.ch. Der Schweizer Antikorruptionsexperte, der den Fussball-Weltverband hätte korruptionsfrei machen und dieser zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen sollen, hatte sein Amt als Kontrolleur Ende 2013 aufgegeben.  

Die Strafuntersuchungen und Festnahmen würden Schockwellen durch die Organisation senden, sagt Pieth. "Möglich, dass diese Neuigkeit von jenen begrüsst wird, welche Reformen innerhalb der FIFA fordern. Aber diese Personen sind in der Minderheit. Die Mehrheit will keine Reformen."

Viele Vorwürfe seien alt, aber das Verfahren sei jetzt von einem privaten Untersuchungsgremium eines Sportverbands auf die Bühne der öffentlichen Justiz gehoben worden.

Pieth will Parallelen zur Reform innerhalb der UNO nach dem Skandal im Rahmen der Kampagne "Öl für Lebensmittel" in Irak feststellen, aber auch zur Reform in der Vatikan Bank. "Meines Erachtens hätte weder die eine noch die andere bei sich aufgeräumt, ohne das Eingreifen und den Druck der nationalen Gerichte."

Es gebe wahrscheinlich einen Kausalzusammenhang zwischen der amerikanischen Untersuchung und der Vergabe der Weltmeisterschaft von 2022 an Katar, vermutet Henry Peter, Rechtsprofessor an der Universität Genf. Diese Vergabe unter umstrittenen Bedingungen habe zur Folge gehabt, dass die USA und Grossbritannien nicht als Austragungsort in Frage gekommen seien, sagte der Experte gegenüber dem Westschweizer Radio RTS.

Was die Verhaftungen auf helvetischem Boden  betreffe, hätten die Schweizer Behörden lediglich die internationalen Verträge angewendet, die zwischen den USA und der Schweiz bestünden, vermutet Henry Peter.

Dass der Angriff auf die FIFA diesmal von aussen und nicht aus dem Innern des Verbands erfolge, könnte laut dem Schweizer Rechtsprofessor auch Folgen für die Wiederwahl Blatters haben. "Unter diesen Bedingungen scheint es sehr schwierig zu sein, dass eine Wahl wirklich glaubwürdig sein kann."

Zusammenhang mit ehemaliger Zuger-Firma?

Roland Büchel, Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei SVP, der sich für eine Säuberung der FIFA ausgesprochen hatte, vermutet, dass die Festnahmen im Zusammenhang mit Bestechungsgeldern stehen könnten, welche die in Zug ansässige, aber inzwischen stillgelegte Sportmarkeing-Firma  ISMM-ISL vergeben hatte.

2008 kam das Kantonsgericht Zug zum Schluss, dass verschiedene FIFA-Exekutivmitglieder von der Firma Bestechungsgelder entgegengenommen hatten.  Aber erst 2012 wurden die Namen der Schuldigen veröffentlicht, unter ihnen der ehemalige FIFA-Präsident Joao Havelange.

Die Festnahmen von Mittwochvormittag zeigen laut Büchel einmal mehr, dass wenn die USA Resultate erhalten wollen, diese auch bekommen. "Vermutlich können sie nur die Auslieferung von Leuten verlangen, die in kriminelle Machenschaften in den USA verwickelt sind."

"Wir hatten vor mehreren Jahren von der FIFA verlangt, dass sie ihre Angelegenheiten in Ordnung bringt, als sie noch Zeit dafür gehabt hätte. Sie hat es unterlassen. Nun scheint es, dass die USA dies anstelle der FIFA und der Schweiz tun werden. Das ist schade, weil jetzt die ganze Welt auf die Schweiz schaut."

Zufälligerweise debattiert das Schweizer Parlament nächste Woche einen Gesetzesvorschlag, der Korruption in Sportorganen erschweren soll. Die Politiker sollen entscheiden, ob die Annahme oder Vergabe von Bestechungsgeldern automatisch als kriminelle Handlung gilt, unabhängig vom Rechtsstatus der betroffenen Organisation. Auch Privatbestechung soll ein Offizialdelikt und neu also von Amtes wegen verfolgt werden.

Letzten Dezember hatte das Parlament ein neues Geldwäscherei-Gesetz verabschiedet, das FIFA-Exekutivmitglieder und solche anderer grosser Sportorganisationen als politisch exponierte Personen klassifiziert.  Dies erlaubt es den Behörden, die privaten Bankkonten dieser öffentlichen Personen zu prüfen.

FIFA-Skandale unter Blatters Ära

Die Präsidentschaftswahl 1998: Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50'000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

Der ISL-Skandal: Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL. Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

Die WM-Vergabe 2018 und 2022: Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schliesslich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne massgebliche Ergebnisse eingestellt. Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Die Präsidentschaftswahl 2011: Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend. Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40'000 Dollar pro Verband - und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

Quelle: dpa

swissinfo.ch

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