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Suche nach Endlager-Standort geht weiter

Seit 2005 dürfen atomare Abfälle nicht mehr ausser Landes geschafft werden.

(Keystone)

Die Schweizer Kernenergie-Unternehmen müssen ein Endlager für ihre radioaktiven Abfälle innerhalb des Landes finden, doch die Opposition ist stark.

Auch das neuste Endlager-Projekt im Zürcher Weinland nördlich von Zürich stösst auf Widerstand bei der lokalen Bevölkerung.

Das letzte Projekt der Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) im nidwaldischen Wellenberg war in einer Volksabstimmung abgelehnt worden. Nun bohrt die Nagra unter dem Zürcher Weindorf Benken nach der Möglichkeit für ein Endlager, und erntet erneut Kritik.

Der Druck ist gewachsen: Neue Gesetze, die seit letztem Jahr gelten, schreiben der Schweiz vor, dass sie ihre radioaktiven Abfälle nicht mehr nach Frankreich oder Grossbritannien zur Wiederaufbereitung und Lagerung schicken darf.

Gegenwärtig lagert die Schweiz ihre nuklearen Abfälle direkt in den Anlagen oder in Zwischenlagern. Doch die Schaffung eines sicheren Endlagers ist nun dringender geworden. Experten schätzen jedoch, dass es noch bis 2030 dauern kann, bis eine permanente Lösung gefunden ist.

Undurchlässiger Lehm

Die Nagra hat Benken als möglichen Standort ausgewählt, weil dort eine undurchlässige Lehmschicht in tieferen Schichten existiert, die sonst nirgends vorkommt.

2002 ergab eine Machbarkeits-Studie der Nagra, dass die Lehmschicht geeignet ist für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle. Diese Ergebnisse werden unterstützt von der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) des Bundes.

Doch Aktivisten in Benken sind alles andere als überzeugt. Jean-Jacques Fasnacht, Sprecher der Gruppe "Klar! Schweiz" weist darauf hin, dass sich der Kanton Zürich letztes Jahr gegen ein Endlager in Benken ausgesprochen habe.

"Diese Entwicklung unterstützt unsere Ansicht, wonach nicht alle Risiken angegangen wurden", sagte er gegenüber swissinfo.

Ball liegt beim Parlament

Die Nagra-Studie hatte sich auf alle Arten der Endlagerung konzentriert: Von leicht und mittelschwer verseuchtem bis zu schwer verseuchtem radioaktivem Material sowie benutzten Brennstäben. Nun liegt der Entscheid beim Schweizer Parlament.

Doch auch wenn dort grünes Licht gegeben würde, heisst das noch lange nicht, dass ein Endlager auch wirklich zu Stande kommt. 1988 hatten Bundesrat (Landesregierung) und Parlament eine ähnliche Machbarkeits-Studie im Wellenberg, Kanton Nidwalden, gutgeheissen. 2002 wurde das Projekt in einem Referendum vom Stimmvolk abgelehnt.

Die Nagra hat bereits mehrmals betont, dass die Machbarkeits-Studie nicht prinzipiell bedeutet, dass ein Endlager unter Benken gebaut wird. Die Studie soll nur aufzeigen, ob dort die Voraussetzungen für ein solches gegeben wären.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Trotzdem hat die Nagra gleichzeitig eine Studie in Auftrag gegeben, welche die möglichen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen für die Region beziffern soll.

Die letzten September vorgestellte Studie kam zum Schluss, dass die Region deutlich gewinnen würde. Doch als negativer Effekt würde sicher das Image der Region leiden, was die ansässige Wirtschaft schädigen könnte, so die Studie weiter.

"Beweisbare Verluste müssten von der Nagra zurückverlangt werden können", erklärte Michael Aebersold, Projekt-Manager beim Eidgenössischen Bundesamt für Energie (BFE).

"Wir wollten diese Studie nicht, doch die Vertreter der lokalen Behörden und Gemeinden haben sie bestellt und die Nagra hat sie finanziert", sagte er gegenüber swissinfo.

Das Bundesamt für Energie seinerseits hat Gemeinden, Unternehmen und Bürgergruppen nach ihrer Meinung gefragt (Vernehmlassung). "Wir haben gerade erst die kantonalen Behörden eingeladen, die Vorlage zu kommentieren. Daher haben wir noch einen weiten Weg vor uns", sagte Aebersold. "Wir wollen alle Meinungen Ernst nehmen und eine transparente Basis für ihre Auswertung bieten."

Sicherheits-Bedenken

Neben der politischen Debatte über ein Endlager bleiben die Bedenken betreffend Sicherheit, besonders was das Material betrifft, in dem die radioaktiven Abfälle eingelagert werden sollen.

Die Eidgenössische Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen (KSA), die das Parlament berät, hat kürzlich bemerkt, dass die für die Lagerung vorgesehenen Stahlbehälter auf Feuchtigkeit reagieren und Wasserstoff-Gas bilden könnten. Dieses müsste durch die Sperren und Erdschichten abgeleitet werden können.

Auch wenn die Nagra sagt, dass dieses Problem in der jüngsten Studie behandelt worden sei, sind für die KSA weitere Abklärungen zwingend. Die Kommission hat eine lange Liste von Empfehlungen erarbeitet.

"Wir nehmen diese Empfehlungen Ernst", sagte Piet Zuidema, Leiter Technologie und Forschung bei der Nagra. "Wir haben bereits ein Forschungsprogramm für alternative Materialien wie Kupfer gestartet. Sicherheit und Gefahrlosigkeit der Behälter und des Endlagers ist unsere wichtigste Verpflichtung."

Wenn das Parlament schliesslich darüber entscheidet, ob die Nagra alles Nötige veranlasst hat, wird auch entschieden, welche der Empfehlungen umgesetzt werden. Die Nagra muss dazu zwei Endlager-Standorte vorschlagen. Für Experten ist jedoch Benken die realistischste Wahl.

swissinfo, Mike Chudacoff
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

In Kürze

Die fünf Kernkraftwerke in der Schweiz sind für den grössten Teil der im Land anfallenden radioaktiven Abfälle verantwortlich.

Nach ihrer auf 50 jahre ausgelegten Betriebsdauer werden sie rund 8000 Kubikmeter radioaktiven Abfalls produziert haben.

Dieser hochradioaktive Abfall wird in den Kraftwerken für 5 bis 10 Jahre in Kühlbecken gelagert. Dann wird er in Transport- und Lager-Container (Castoren) abgefüllt und in eine zentrale Lagerstätte gebracht.

Der grösste Anteil des radioaktiven Abfalls ist leicht und mittelschwer verseuchtes Material. Die Nagra erwartet nach der geschätzten 50-jährigen Periode rund 90'000 Kubikmeter.

Rund 40% der in der Schweiz produzierten Elektrizität stammt aus nuklearer Produktion, der Rest meist aus Wasserkraft-Werken.

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