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Tadschikistan: Der Fluch des Weissen Goldes

Eine brotlose Arbeit: Baumwollpflücker in der Nähe von Khujand.

(Photopress/Keystone)

Baumwolle ist eines der wichtigsten Exportprodukte Tadschikistans. Hier arbeiten rund 70 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft – doch vom Weissen Gold profitieren sie kaum. Eine Landreform soll dies nun ändern. Sie hat auch Folgen für die Schweizer Baumwollhändler.

Die Staatsflagge von Tadschikistan besteht aus drei Farben: Rot steht für die Einheit, Grün für die Täler und Weiss für die Gletscher und die Baumwolle. Baumwolle ist neben Aluminium und Wasserkraft eines der grössten Exportprodukte.

In der Umgebung von Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe hebt sich immer wieder das Grün der Baumwollfelder von den kargen Lehmhügeln ab, die wie riesige Tentakel in die fruchtbare Ebene greifen. In den Feldern farbige Punkte: Frauen und Kinder pflücken die weissen Büschel. Die Ernteerträge türmen sich wie Schneehaufen auf dem Boden auf.

Keine Wahl

Nicht nur das häufig fehlende Wasser, auch die niedrigen Preise für die Baumwolle machen den Bauern zu schaffen. Baumwolle ist eine der grössten Staatseinnahmen – doch die Bauern selbst erhalten für das Weisse Gold praktisch nichts.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die Kolchosen aufgelöst und das Land an die Bauern verpachtet. Die neuen Landbesitzer sind jedoch alles andere als unabhängig. So genannte "Future Companies" liefern ihnen Saatgut, Treibstoff und Dünger zu exorbitanten Preisen. Und sie legen den Preis für die Baumwolle fest.

Auch wenn für sie der Gemüse- und Früchteanbau lukrativer und weniger wasserintensiv wäre als der Baumwollanbau, wird den Bauern häufig immer noch vorgeschrieben, was sie anbauen müssen. Mindestens 40% Baumwolle lautet bis heute in manchen Tälern die Devise.

Bauern gehen bankrott

Da die Kolchosen praktisch bankrott waren, mussten die Bauern mit dem erhaltenen Land auch ein Stück Schulden übernehmen. Der Schuldenberg der Bauern gegenüber den "Future Companies" ist auf rund 100 Mio. Dollar angewachsen.

"Baumwolle kann schon rentieren – es kommt einfach darauf an, wie der Gewinn verteilt wird", sagt ein tadschikischer Politexperte, der nicht namentlich genannt werden will. "Das Problem ist nicht die Baumwolle, das Problem ist das System. Es wird die Mehrheit der Bauern in den Bankrott treiben. In Zukunft wird alles Land den Banken gehören."

Früchte statt Baumwolle

Das Schweizerische Koordinationsbüro im Land unterstützt Tadschikistan zusammen mit anderen Enwicklungsorganisationen dabei, eine Landreform durchzuführen. Eine Landreform, die aus der Baumwoll-Monokultur heraus in eine diversifiziertere Landwirtschaft führen soll, wo die Bauern selbst entscheiden können, was sie anpflanzen wollen.

Angesichts der Tatsache, dass verschiedene Familienmitglieder der Regierung im Baumwollsektor tätig sind, scheint diese Reform schwierig. Der Schwager des Präsidenten ist nicht nur Besitzer der grössten tadschikischen Bank, sondern auch der grösste Baumwollproduzent im Land.

Rudolf Schoch, Leiter des Koordinationsbüros in Tadschikistan, zeigt sich zuversichtlich: "Wir stehen in einem Dialog, in den führende Regierungsmitglieder miteingebunden sind, die ihr Geld unter anderem im Baumwollsektor verdient haben. Diese haben heute ihren Reichtum zum Teil diversifiziert und beispielsweise über Banken in Kredite investiert.

Weiterhin Profite

"Der Gedankengang macht sich breit, dass sie durch die Liberalisierung der Landwirtschaft weiterhin Profite erwirtschaften können", sagt Schoch. Die Landreform sei für die Bevölkerung wichtig. Es bestehe zudem die Gefahr, dass es durch die Monokultur zu Problemen in der Nahrungsmittelproduktion kommen könnte.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ist daran, ein landesweites Programm vorzubereiten, das den Bauern helfen soll, im Rahmen der Landreform ihr Recht einzufordern.

Schweizer Baumwollhändler

Die Schweizer Firma Reinhart AG, Winterthur, importiert Baumwolle aus Tadschikistan. Sie erwartet bereits für die Ernte im nächsten Jahr einen Rückgang der Baumwollproduktion auf 100'000 Tonnen (vor dem Ende der Sowjetunion waren es mehr als doppelt so viel). "Das ist aber hauptsächlich mit Wasserproblemen und noch nicht mit der diversifizierten Landwirtschaft zu begründen", wie Marco Bänninger, Einkaufsverantwortlicher bei Reinhart sagt.

Die Arbeitsbedingungen auf den Baumwollfeldern in Tadschikistan sind schlecht, Kinderarbeit ist hier an der Tagesordnung. Wie geht die Firma damit um? "Wir wählen die Lieferanten sorgfältig aus. Doch da wir die Baumwolle Free on Board und nicht direkt im Ursprungsland einkaufen, gibt uns das nur einen bedingten Einblick in die lokalen Gegebenheiten", so Bänninger.

Fakten

Tadschikistan liegt in Zentralasien zwischen Kirgistan, Afghanistan, Usbekistan und China

Es ist eines der ärmsten Länder der Welt

Zwei Drittel der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze

Gebirge und Hügelland machen 93% des Territoriums aus

Fläche: 143'100 km2

Hauptstadt: Duschanbe

Sprache: Tadschikisch

Einwohnerzahl: 6,7 Mio.

Religion: Islam (mehrheitlich Sunniten)

Staatsoberhaupt: seit 1994 Emomali Rakhmon (kann nach Verfassungsänderung bis 2020 im Amt bleiben)

Stadtbevölkerung: 26,6%

Landbevölkerung: 73,4%

Export: Baumwolle, Aluminium, Elektrizität, Früchte, Textilien

Schweizer Exporte: CHF 2,2 Mio. Franken

Schweizer Importe: CHF 6,2 Mio. Franken

Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf: 390 Dollar

Bevölkerungsanteil mit weniger als 2 Dollar pro Tag: 42,8%

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