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Tell im Ausland: Freiheitssymbol oder Terrorist?

Wilhelm Tell, der Schweizer Nationalheld, hat als Freiheitssymbol weit über die Grenzen der Eidgenossenschaft hinaus grosse politische und kulturelle Bedeutung erlangt.

Einige Regierungen sahen in ihm aber eine persönliche Bedrohung und verbannten ihn aus Kultur und Politik.

Wilhelm Tell brachte in der Hohlen Gasse den Landvogt Gessler mit einem gezielten Schuss um: War das Mord oder Selbstverteidigung?

Während die einen Tells Tat als sittlich, als Befreiung von Unrecht deuten, ist sie für andere ein Meuchelmord, ein Sinnbild für Unrecht. Für Katharina Mommsen, Deutsche Literaturwissenschafterin, steht "Tell damit immer im Spannungsfeld zwischen Held und Mörder".

Tell der Revolutionär

Die französische Revolution 1789 verherrlichte Wilhelm Tell als Freiheitshelden. Die Sage war perfekt dazu geeignet, eine Revolution zu rechtfertigen. Deshalb wurde die Tellsage auf der Bühne oft aufgeführt, was sie im Volk sehr bekannt und beliebt machte.

1922 besetzten belgische und französische Truppen das Rheinland und das Ruhrgebiet, um Druck auf Deutschland auszuüben, das mit den im Friedensvertrag von Versailles auferlegten Reparations-Zahlungen im Rückstand war.

In Wiesbaden, Koblenz, Essen und Bochum wurden Tell-Aufführungen wegen der damit verbundenen Kundgebungen von der französischen Besatzungsmacht verboten.

Tell und die Nazis

Auch Adolf Hitler wollte den Tell-Stoff zur Rechtfertigung seiner politischen Ziele vereinnahmen. Nach seiner Machtübernahme wurde "Wilhelm Tell" als National-Drama hoch geschätzt. Es verkörperte nicht nur den nationalsozialistischen Nationalitäts-Gedanken, sondern auch dessen Vorstellung einer Volksgemeinschaft sowie die ideale Führernatur.

Der Rütlischwur war damals die meistzitierte Textstelle. Damit sollte die politische und geistige Einheit Deutschlands gestärkt werden. Viele Massenveranstaltungen und politische Kundgebungen banden den Schwur in ihr Programm mit ein.

Neben Tell galt den Nazis jedoch auch Stauffacher als Beispiel einer Führernatur. Der damalige Reichspropaganda-Leiter Joseph Goebbels bog sich Schillers Stück nach Belieben zurecht: "Das bedrängte Volk soll sich seinen stammverwandten, artgeborenen Führern in straffer Selbstzucht unterordnen, wie die Schweizer dem bedächtigen, weitblickenden Stauffacher."

Plötzliche Skepsis

Nach etlichen Attentatsversuchen auf Hitler, unter anderem auch von einem Schweizer, war der "Führer" um seine persönliche Sicherheit besorgt. Jetzt plötzlich war "Wilhelm Tell" nicht mehr gern gesehen, da im Stück der Tyrannenmord am herrischen Landvogt Gessler in nicht geringem Umfang verherrlicht wird.

Nicht überraschend kam deshalb am 3. Juni 1941 das Gebot: "Der Führer wünscht, dass Schillers Schauspiel 'Wilhelm Tell' nicht mehr behandelt wird."

Mit dieser Anordnung hörte Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" für die deutsche Öffentlichkeit im Dritten Reich auf zu existieren. "Wilhelm Tell" war damit der einzige deutscher Klassiker, der während der Nazi-Zeit mit einem Aufführungs- und Leseverbot belegt wurde.

Freiheitsheld oder Terrorist?

Auch russische Revolutionäre beriefen sich auf Wilhelm Tell. Nachdem die Regierung des Zaren die Auslieferung des Revolutionärs Netschajew verlangt hatte, setzte sich Michail Bakunin (erfolglos) gegen die Auslieferung ein und berief sich dabei auf Wilhelm Tell, den "Helden des politischen Mordes".

Der Tyrannenmord ist mit der Abschaffung der Monarchie in vielen Ländern nicht untergegangen. Im Gegenteil: Unter dem Stichwort "Terror" bleibt das Tell-Thema durchaus aktuell.

Terroristen kämpfen gegen Regierungen, welche das Volk oder Teile der Bevölkerung unterdrücken. Regierungen bezeichnen den Widerstand schnell als terroristisch. In diesem Spannungsfeld wird die Frage des Tyrannenmords ganz aktuell diskutiert.

Was für den einen ein Terrorist ist, ist für den andern ein Freiheitsheld. Für die Österreicher war Wilhelm Tell bekanntlich ein Terrorist. Für die Engländer in Palästina in den 40er-Jahren z.B. waren Menachem Begin und Yitzhak Shamir, die Anführer von Untergrundorganisationen, Terroristen. Ironie des Schicksals: Die beiden amtierten später als israelische Ministerpräsidenten

So ist es auch nicht erstaunlich, dass die palästinensischen Extremisten, die in Zürich 1969 aus dem Hinterhalt ein startendes Flugzeug der israelischen Fluggesellschaft El-Al beschossen, sich ausdrücklich auf Wilhelm Tell beriefen.

Tell, der einfache Jäger und Bauer aus dem Urnerland, ist auf seiner Reise um die Erde sowohl in die Rolle eines Apostels der Völkerfreiheit als auch in jene des Terroristen geschlüpft.

swissinfo, Etienne Strebel

In Kürze

Die Wilhelm-Tell-Sage wurde durch die Jahrhunderte von den Regierenden oft gefürchtet, aber auch geschätzt und nach ihren Ideologien zurechtgebogen.
Oft meinte man, Tell verkörpere mit der Tötung des Gessler das schlechte Beispiel von Revolte und Tyrannenmord.

Die Tyrannenmörder der Antike und des Mittelalters wurden als Terroristen angesehen, aber auch die Männer des 20. Juli 1944, die Hitler umbringen wollten. Es ist lediglich eine Frage des Standpunktes und beleuchtet den schmalen Grat zwischen edlem Freiheitskampf und Terrorismus.

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