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Tessiner Bankiers:Die Grenzgänger von morgen

Nebel breitet sich langsam über dem Finanzplatz Lugano aus.

(Keystone)

Mit Banken ist das Tessin, insbesondere Lugano, gross geworden. Noch heute bestimmt das Wohlbefinden des Finanzplatzes die allgemeine Lage im Kanton. Doch erste Wolken werden am Himmel sichtbar. Mailand entwickelt sich zur Finanzmetropole. Lugano könnte an Bedeutung verlieren.

Lugano geht es gut. Der drittgrösste Finanzplatz der Schweiz blüht und strotzt vor Kraft und Grösse. In den letzten beiden Jahren kamen 17 neue Banken hinzu - hauptsächlich kleinere schweizerische und italienischen Privatbanken wie Banca Popolare di Verona, Wegelin & Co., Banca Clariden. Damit sind 78 Geldinstitute im Tessin vertreten. Sie bearbeiten etwa 10 Prozent der schweizerischen Vermögensverwaltung und beschäftigen rund 8'000 Frauen und Männer. Das sind 6 Prozent aller Beschäftigten des Kantons.

Dank Italien zu Weltruhm

Seine Existenz verdankt der Finanzplatz vor allem Italien. Die politische Instabilität des Nachbarlandes in den 50er und 60er Jahren, die ständige Abwertung der Lira und das Verbot, ein Konto mit ausländischer Währung zu besitzen, führte viele Italiener direkt nach Lugano. Die Stadt besass alle schweizerischen Qualitäten: ein stabiles Politsystem, eine stabile Währung, internationale Kontakte sowie hervorragende Kenntnisse im Bankenwesen. Man sprach Italienisch und pflegte die italienische Kultur. "Steuerflucht", sagt Ghiringhelli, "war nur ein Grund, weshalb Italiener in die Schweiz kamen."

Das Tessin hat den Ruf, Tresor des italienischen Schwarzgeldes zu sein. Immer wieder berichten die Medien darüber. "Glauben Sie mir," - Marco Netzer, CEO der Banca del Gottardo legt bittend die Hände zusammen - "glauben Sie mir, das stimmt nicht. Wenn wir kriminelle Aktivitäten unterstützen würden, würden wir nur uns selbst schaden." Weshalb aber kommt das Tessin deswegen so oft in die Schlagzeilen? "Bei uns passiert nicht mehr als in Genf oder Zürich. Aber der Skandal wird sofort auf den ganzen Kanton projiziert, während in Genf oder Zürich nicht einmal der Name der Bank genannt wird."

Gefahr aus dem Süden

Die Zukunft von Lugano ist ungewiss. Die Lage hat sich verändert. Italien besitzt dank dem Euro endlich eine starke Währung. Der Bankenplatz Mailand ist in Bewegung und wächst rasant. "Bis jetzt war das italienische Bankwesen eher rückständig", erklärt der Präsident der Bankiersvereinigung des Tessins. "Doch die Italiener sind im Kommen und wenn sie etwas lernen, dann lernen sie schnell." Das Tessin sei eine kleine Region, fährt Ghiringhelli fort. Von Airolo bis Chiasso beherberge es gerade mal 300'000 Menschen. "Das ist nicht einmal ein Stadtquartier von Mailand."

Nur ein Teil der grossen Wirtschaftszone Lombardei seien sie, sagt der Bankier. "Und das Zentrum heisst Mailand nicht Lugano." Die norditalienische Metropole ist der Mittelpunkt einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Europas. Neun Millionen Menschen leben in der Region. Ihr Einkommen ist fast so gross wie das Gesamteinkommen der Schweiz. Wäre das Bankgeheimnis in der Schweiz aufgehoben und das Land in der Europäischen Union, würde sich der Bankenplatz Mailand kaum noch von demjenigen Luganos unterscheiden. Dessen Existenz wäre in Frage gestellt. "Es hat Wolken am Himmel", bestätigt Ghiringhelli. "Es wird uns in diesem Falle sicherlich nicht mehr so gut gehen."

Noch kommen viele lombardische Bankiers nach Lugano um zu arbeiten. Noch ist der Lohn in der Schweiz höher als in Italien. Mit der Zeit werden sich die Löhne aber mehr und mehr angleichen und die Arbeitskonditionen in Mailand verbessern. Je mächtiger der norditalienische Finanzplatz wird und je unsicherer das schweizerische Bankgeheimnis, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Tessiner nach Mailand zur Arbeit fahren. "Im Falle eines Beitritts der Schweiz in die EU, werden die Tessiner Bankiers die Grenzgänger sein", prophezeit Ghiringhelli.

Abhängig vom Finanzwesen

Der Finanzsektor ist einer der wichtigsten Arbeitgeber des Südkantons und einer der grössten Steuerzahler; vor allem, wenn auch die Neben-Dienstleister - Anwälte, Versicherungen, Broker, Treuhand- und Beratungsfirmen - hinzugezählt werden. Ohne die Banken würde die Tessiner Wirtschaft darben, ist Giorgio Ghiringhelli, Präsident der Tessiner Bankiersvereinigung überzeugt.

Auch ausbildungsmässig sind die Banken aktiv. Die Bankiersvereinigung fördert die Ausbildung junger Finanzdienstleister mit Stipendien und unterhält eine Lehrstätte im Norden Luganos, das Centro di Studi Bancari. Sogar die junge Universität der italienischen Schweiz ist auf den Finanzplatz ausgerichtet. Ökonomie und Kommunikationswissenschaften mit Schwerpunkt Finanzbereich werden gelehrt.

Carole Gürtler, Lugano

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