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Tessiner Wirtschaft bekommt Gotthard-Sperrung zu spüren

Der Autobahn-Abschnitt der A2 im Kanton Uri bleibt bis mindestens Anfang Juli geschlossen.

(Keystone)

Infolge der Sperrung der Gotthard-Autobahn muss die Tessiner Ökonomie Schäden in Millionen-Höhe verkraften. Schon nach der Brandkatastrophe von 2001 wurde diese Erfahrung gemacht.

Der Tourismus gehört zu den Wirtschaftszweigen, die besonders negative Konsequenzen befürchten. An Pfingsten waren die Hotels allerdings gut gebucht. Die Feriengäste stiegen auf den Zug um.

Die zweimonatige Schliessung des Gotthard-Strassentunnels nach der Brandkatastrophe im Herbst 2001, bei der elf Menschen ums Leben kamen, hat gemäss einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts der Universität der italienischen Schweiz rund 33 Mio. Franken an Schäden für die Tessiner Wirtschaft zur Folge gehabt.

Dieses Mal wird die Autobahn zwar nicht so lange geschlossen bleiben. Gemäss jüngsten Angaben soll der Verkehr Anfang Juli wieder freigegeben werden. Das Felssturzgebiet bei Gurtnellen muss gesprengt werden, um die Sicherheit auf der Transitachse zu gewährleisten. Zwei deutsche Touristen haben an dieser Stelle durch einen Felssturz ihr Leben gelassen.

Wirtschaftliche Einbussen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden sich aber auch dieses Mal im Tessin spürbar machen. Die Raststätte Stalvedro am Gotthard-Südportal hat beispielsweise am Pfingstmontag nur einen Umsatz von 15'000 Franken generiert. Normal wären an einem solchen Feiertag 200'000 Franken.

Diese Umsatzeinbussen sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Schliessung der wichtigen Gotthard-Achse hat Auswirkungen auf die gesamten Handelsbeziehungen mit dem Norden.

"Ein kleines oder mittleres Unternehmen, das in die Deutsche Schweiz liefern muss, muss die Ware allenfalls im Lager zurückhalten, weil die Transportkosten sonst zu hoch ausfallen", sagt Luca Albertoni von der Industrie- und Handelskammer des Kantons Tessin (CCIA).

"Für einen 40-Tönner kostet jeder zusätzliche Fahrkilometer einen Franken mehr, ausserdem 150 Franken für jede zusätzliche Stunde. Ein Lastwagen, der über den San Bernardino nach Bern fährt, braucht zwei Stunden länger", rechnet Waldo Bernasconi, Präsident der Tessiner Sektion des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbandes (Astag), vor.

Um die negativen Folgen für die Wirtschaft etwas abzufedern, verlangen die Tessiner Wirtschaftskreise und die Tessiner Regierung eine Lockerung des Nachtfahrverbots für Camions. Diese Forderung ist jedoch vom Bundesamt für Strassen sowie von den Bündner Behörden bereits zurückgewiesen worden. Der San Bernardino als einzige Hauptausweichroute zum Gotthard befindet sich auf Bündner Boden.

Schwierigere Warenlieferung

Besonders betroffen von der Schliessung der Gotthard-Achse sind die Detailhändler, wie Roman Rudel festhält. Er ist der Autor der Studie zu den ökonomische Folgen der Sperrung des Gotthard-Strassentunnels im Jahr 2001.

Die Supermärkte südlich der Alpen hängen grösstenteils von den Lieferungen aus der Deutschen Schweiz ab. "Natürlich entstehen Zusatzkosten, aber wir haben sie nie genau berechnet", sagt Francesca Sala, Sprecherin der Tessiner Migros-Filialen, dem grössten Detaillisten der Schweiz.

"Ein Grossteil unserer Waren – mehr als 50% – wird aber mit der Bahn angeliefert", betont die Migros-Sprecherin.

Touristen nehmen den Zug

Die Befürchtungen der Tourismusbranche sind bisher nicht eingetreten. "Die Bilanz des langen Pfingstwochenendes ging über unsere Erwartungen hinaus; wer reserviert hatte, ist auch gekommen", sagt Marco Boggia, Sekretär des Hotelierverbandes hotelleriesuisse Ticino.

Die Schweizer Bundesbahnen hatten ihr Angebot auf der Gotthard-Achse kurzfristig erhöht. Die Züge waren sehr gut ausgelastet. Es scheint, dass im Nord-Süd-Verkehr die Bahn - unabhängig von der aktuellen Situation am Gotthard - wieder an Zuspruch gewinnt.

Positiv fällt auch die Bilanz von Tiziano Gagliardi, dem Direktor von Ticino Tourismus, aus. Einzige Ausnahme bildet die Leventina im nördlichen Tessin: "In dieser Region gab es effektiv eine Reihe von Absagen."

"Glücklicherweise dürfte die Sperrung der A2 nicht zu lange dauern und vor dem Beginn der eigentlichen Hauptsaison im Sommer aufgehoben sein", meint Gagliardi.

"Man lebt besser"

Roman Rudel betont seinerseits, dass im Jahr 2001 die Zahl der Touristen nicht zurückgegangen ist: "Es war zwar keine Hochsaison, aber wir haben festgestellt, dass die Gäste länger blieben. Je umständlicher die Anreise ist, desto länger wird gebucht."

Die damalige Schliessung des Gotthard-Tunnels hat laut Rudel eine interessante Fragestellung aufkommen lassen. Wird der Tourismus tatsächlich durch die leichtere Erreichbarkeit einer Region gefördert?

Die Sperrung der A2 und der Ausfall des Transitverkehrs macht jedenfalls nicht alle Menschen entlang der Gotthard-Achse unglücklich. "Viele Personen in dieser Gegend sagen, dass die Lebensqualität steigt", sagt Sergio Mariotta, Gründer von "Leventina vivibile", eines kleinen Verbandes, der 2001 entstanden ist und für Verkehrs- und Umweltprobleme im nördlichen Tessin sensibilisiert.

"Die lokale Wirtschaft kann unter Umständen sogar profitieren", meint Mariotta. Gerade Zweitwohnungsbesitzer und Feriengäste kämen lieber, wenn das Tal ruhig und frei von Verkehrslärm sei. Kurzum: Die A2-Sperrung hat nicht nur Verlierer.

swissinfo, Daniele Mariani
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

In Kürze

Die Schweizer Verkehrspolitik strebt die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene an. 1994 hat das Schweizer Volk die so genannte Alpeninitiative angenommen. Der entsprechende Verfassungsartikel verpflichtet den Bund, die Alpenregionen vor den negativen Auswirkungen des Transitverkehrs zu schützen.

Für die Umsetzung der Verlagerungspolitik sind die Neuen Bahn-Alpentransversalen (Neat) entscheidend, insbesondere die Basistunnel am Lötschberg (vorgesehene Eröffnung 2007) und am Gotthard (2016).

Seit 2001 (mit Ausnahme von 2003) ist der alpenquerende Schwerverkehr auf der Strasse durch die Schweizer Alpen rückläufig. Dies liegt daran, dass auch Camions mit einer Last von 40 Tonnen auf Schweizer Strassen zirkulieren dürfen. Zudem wurde eine Schwerverkehrsabgabe (LSVA) eingeführt und der kombinierte Verkehr (Strasse-Schiene) gefördert.

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Fakten

Im Jahr 2004 haben 1,255 Mio. Lastwagen die Schweizer Alpen durchquert

Gemäss Verlagerungsgesetz dürfen im Jahr 2009, zwei Jahre nach Eröffnung des neuen Lötschberg-Tunnels, nur noch 650'000 Camions die Alpen queren.

Über die Gotthard-Achse rollt Dreiviertel des gesamten Schwerverkehrs auf der Strasse.

Im Jahr 2004 benutzen pro Tag durchschnittlich 3328 Camions die Gotthard-Achse.

Im Jahr 2000 betrug dieses Mittel 4498 Camions/Tag.

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