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To pay or not to play

Das Zürcher Schauspielhaus braucht mehr Geld - der Urnengang dürfte zur Zitterpartie werden.

(Keystone Archive)

Am 2. Juni 2002 stimmt das Zürcher Stimmvolk über einen Millionenkredit für das unlängst zum "Theater des Jahres" auserkorene Schauspielhaus Zürich ab.

Der Urnengang könnte zur Zitterpartie werden. Es geht um sehr viel Geld - und nicht zuletzt auch um Prestige.

Im Herbst 2000 zog Christoph Marthaler, seines Zeichens enthusiastisch gefeierter Theater-Regisseur, samt Entourage als Intendant ins Zürcher Schauspielhaus ein. Marthaler sollte die Zürcher Hausbühne wieder in den Theater-Olymp führen, und an jene Zeiten in den 30er Jahren erinnern, als auf der Pfauenbühne eine künstlerische Wende eintrat. Unter dem Einfluss emigrierter Theaterleute (Hirschfeld, Giehse, Steckel u.v.a.m.) begann man neben den Klassikern auch neue zeitkritische Stücke zu spielen.

Frischer Wind und erste Misstöne

Die Eröffnung der Schiffbauhalle im Kreis 5, der Umbau der Pfauenbühne werde ein neues Kapitel der Zürcher Theatergeschichte aufschlagen und dem aufstrebenden ehemaligen Industriequartier die längst erhoffte urbane Kulturinsel bringen. Der Auftakt gelang, doch bald waren erste Misstöne zu vernehmen. Premieren wurden kurzfristig verschoben, langjährige Theaterabonnenten sassen ob dem tatsächlich frischen Wind zerzaust in ihren Sesseln und verstanden die (Theater)-Welt nicht mehr.

Die zum Teil massiven Kostenüberschreitungen beim Umbau der Schiffbauhalle und die anfänglich negierende Haltung des damaligen Stadtpräsidenten Josef Estermann trugen das schwelende Feuer in die Politik. Als dann Christoph Schliengensief seinen "Hamlet" mit ausstiegswilligen Neonazis inszenierte, weiter eine Anti-SVP-Aktion anführte, geriet die eben noch gelobte Theatercrew ins Kreuzfeuer.

Von Missmanagement, Unterhosen-Theater, ja gar von Wertezerfall war und ist die Rede. Die unzufriedenen Theater-Abonnenten und die selbsternannten Sittenwächter der Schweizerischen Volkspartei (SVP) fanden sich in einem vereinten "Theater ja, aber so nicht". Abonnementskündigungen, Besucherrückgang in der Pfauenbühne, nicht in der Schiffbauhalle, deftige Leserbriefe und ein Referendum waren die Folge.

Kopfstark in den Abstimmungskampf

Das Zürcher Staatssiegel zieren die Heiligen Felix und Regula und ihr Diener Exuperatius. Der Legende nach waren sie ihres christlichen Glaubens wegen verfolgt und in Zürich enthauptet worden. Nach der Enthauptung sollen sie ihre Köpfe ergriffen und bis an ihre Grabstätte beim späteren Grossmünster getragen haben. Das Siegel der Heiligen mit ihren Köpfen in Händen und das Grossmünster sind nun Wahrzeichen der Limmat-Stadt.

Eine neuzeitliche Art von "Geköpften" zieren dieser Tage unzählige Plakatwände in Zürich. Kulturschaffenden, Politiker, Kulturinteressierte und Wirtschaftsvertreter halten ihre Köpfe in Händen und lassen den Slogan "Fürs Schauspielhaus halte ich meinen Kopf hin" sprechen. Nicht das sie dereinst heilig gesprochen werden, doch zu einem Wahrzeichen des europäischen Theaters hat sich das Schauspielhaus unter der Ägide Marthalers durchaus entwickelt.

Mit Plakaten, einem prominent besetzten Komitee "Pro Schauspielhaus", mit Namen wie Luc Bondy, Beat Curti, Jennifer Ann Gerber, Martin Heller um nur einige zu nennen, Lesungen und Apèros in Altersheimen, Führungen und verbesserter Kommunikation treten Theatercrew und Befürworter für "ihr" Theater im Abstimmungskampf auf. Die Gegenseite angeführt vom "Bund der Steuerzahler", einem Ableger der Zürcher SVP, sagt klar und wiederholt: "Nein zu Steuergeldern für dekadente Kultur".

Komplizierter Abstimmungsvorlage

Es geht um Geld, viel Geld, um Millionen. Um Prestige. Um Politik. Kein Theaterstück, nein Kulturpolitik, mit allen Ingredienzien, die auch auf den Brettern der Welt ihren Niederhall finden.

Die Abstimmung selber ist keine einfache Angelegenheit. Zweimal kann ein Ja oder ein Nein oder gemischt in die Urne gelegt werden. Die erste Vorlage behandelt einen einmaligen Betrag von 2,5 Mio. Franken an die Kostenüberschreitung beim Bau der Schiffbauhalle, sowie einen Einschuss der Gebäudekosten von 3,5 Mio. Franken für das Pfauengebäude.

Bei der zweiten Vorlage geht es um den wiederkehrenden Betrag von 3,88 Mio. Franken als Erhöhung des jährlichen Betriebsbeitrages, wovon 2,38 Mio. Franken als Folge arbeitsrechtlicher Vorschriften anfallen. Der Rest ist eine Erhöhung der Subventionen.

Kulturelles Grounding

Sollte die Abstimmung zu Ungunsten des Schauspielhauses und der Marthaler-Crew ausfallen, ist damit zu rechen, dass in der reichen, selbst ernannten Kulturstadt Zürich ein weiteres temporäres Grounding ansteht. Christoph Marthaler würde wahrscheinlich seinen Posten aufgeben, Teile des Schauspielhauses müssten geschlossen werden. Und einmal mehr könnte das nahe Umland, sprich Ausland, kopfschüttelnd über "die Schweizer" lachen oder weinen.

Denn eines ist gewiss, Christoph Marthaler hat die Theaterszene ganz schön aufgemischt. Eine junge Generation geht, zusammen mit älteren Theaterhasen wieder ins Theater, besucht Lesungen, lässt sich verführen. Schaut Klassiker im neuen Gewand, aktuelles mit alten Werten, und diskutiert heftig, ganz so wie in den legendären 30er Jahren.

Brigitta Javurek

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