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Tradition im Einklang mit Techno

Wunderschönes Exemplar eines "Sühudis".

(swissinfo.ch)

Die Fasnacht in Einsiedeln beginnt nicht am 11.11., sondern am Dreikönigstag. Auch sonst ist sie sehr eigenständig: Unzählige Umzüge und Lärm-Events gehen der "Beizenfasnacht" voraus; alle haben ihre eigene Geschichte. Obwohl sehr traditionsbewusst, schaffen es die Organisierenden, ein Fest für alle zu machen.

Die 72-jährige Marie-Louise Kälin wurde am "Güdelmontag" (26.02) schon früh geweckt: Rund 30 "Itrychler" stampften mit riesigen Kuhglocken durch das tief katholische Klosterstädtchen Einsiedeln; in eisiger Kälte, angetrieben vom Fuhrmann mit knallender Peitsche. Fünf Stunden später steht Frau Kälin an der Hauptstrasse und lässt die Einsiedler Teufel und die "Sühudis" an sich vorbeiziehen.

Sühudis sind Figuren mit grotesken, abstossenden Masken und voller Schabernack: Mit vollen Händen werfen sie Konfetti auf die überrumpelten Zuschauenden. Wer nicht aufpasst, dem wird ein unmögliches Kleidungsstück angedreht oder er wird mit "Mandelsplitter-Handcrème" vollgeschmiert. Wer Glück hat, erhält lediglich ein Aufgebot zum "Uran und Urin-Test". Ebenfalls im Angebot der Sühudis: Mobile DNA-Analysen, BSE-freies Leder oder Kundentreuekarten des Warenhauses "Wigros" mit dem Schriftzug "Megastuss". Die Einsiedler Sühudis lassen sich zeitgemässe Ärgernisse einfallen, vergessen aber das Althergebrachte nicht.

Hässliche Fratzen und gewaschene Kleider

"Wir versuchen die Traditionen weiterzugeben. So haben Sühudis zwar grässliche Fratzen, die Kleider dürfen aber nicht dreckig sein", erklärt Beat Kuriger, Präsident der sogenannten Bürgerwehr, neben den "Obermäudern" der zweite Verein, der die Fasnacht schon Monate im Voraus organisiert. "Am Montag sind beispielsweise nur die kurzen Rosspeitschen im Einsatz, am Dienstag dann die längeren Ochsenpeitschen. Das kommt von früher." Denn früher verkauften Bauern ihr Vieh im Unterland und vertranken auf dem Rückweg den ganzen Gewinn. Ins Dorf zurück kamen sie nur noch mit dem, was sie schon mitgenommen hatten: Mit Rossgeschirren und Treicheln, den grossen Kuhglocken. Genau mit diesen Gerätschaften vollführen sie am Montags-Umzug ihren unheimlichen Lärm.

Diese historischen Feinheiten sind für die Fasnächtler wichtig. Sie sperren sich aber nicht gegen Neues. Kuriger: "Wenn die Jungen Musik laufen lassen wollen, ist das in Ordnung, das passt gut zusammen." Früher hatte der Verein einige Probleme mit Nachwuchs, jetzt ist das besser. Zunehmend hätten auch die Sportvereine eine Fasnachtsclique, das gebe ebenfalls Unterstützung. "Für mich ist auch die Street Parade eine Fasnacht, nur haben die dort weniger an", meint Kuriger. Im Gegensatz zum Techno-Event in Zürich können in Einsiedeln aber auch die Kleinsten mitmachen: "Am Nachmittag gibt es immer einen Märliwagen. Das Sujet dieses Jahr sind die Pokémons, weil die Kinder so darauf abfahren."

Älter als diese Trickfilmfiguren sind die "Einsiedler Teufel", die den Morgenumzug anführen. Sie gehen auf das 17. Jahrhundert zurück. Riesig gehörnte, kettenschleifende schwarze Teufel mit langen Zungen stechen mit stumpfen Mistgabeln nach den Zuschauenden. Und davon gibt es genug: Die Strasse ist gesäumt, die ganze Bevölkerung versammelt. Eine ältere Dame meint, sie sei noch nie selber mitmarschiert, denn sie sei von auswärts. Aber seit bald 40 Jahren sei sie ein treue Zuschauerin.

So pendelt die Einsiedler Fasnacht zwischen Tradition und Moderne. Zwar begeistern sich ältere Semester nicht sonderlich für die klebrigen Schaumschlangen aus der Druckluftdose. Aber statt zu schimpfen, putzen sie das eklige Zeugs einfach von den Mänteln. Sie wissen und schätzen, dass die Fasnacht nur weiter funktioniert, wenn die Jungen dafür begeistert werden können.

"Geilste Party" und "Bibeli"

Und die Jugend ist begeistert. "Ich freue mich schon ein halbes Jahr vorher und beginne schon früh, mein Kostüm zu kreieren!", meint eine 17-Jährige am Vorabend im Pub "Doc Hollyday's". "Für uns ist das eine riesige Party", ergänzt ihre Kollegin. Das Duo verrät sogar, wie es an den Umzug geht: "Ich als Vampir und sie als Spinnen-Frau."

Am Abend, an der "Beizenfasnacht" in den unzähligen dekorierten Gaststätten, werden sie nochmals verkleidet unterwegs sein. Herumalbern ohne dass es jemand übelnimmt, Trinken und etwas die Hemmungen verlieren, neue Leute kennen lernen, das macht die ganze Fasnacht einfach "zum Geilsten das es gibt". Ein weiterer wichtiger Punkt, so ein Jugendlicher: "´Bibeli´ anschauen gehen." Bibeli, so heissen in Einsiedeln die jungen Frauen.

Der katholische Ernst ist mit dabei

Marie-Louise Kälin war schon an der Fasnacht, als sie noch nicht einmal ein Bibeli war: "Bis ich zehn war, mussten wir immer vor der Fasnacht in die Messe im Kloster. Als wir dann rauskamen, haben uns die Teufel und Sühudis in Empfang genommen. Ich hatte immer schaurige Angst." Sie hatte Angst, bis sie nicht mehr zur Messe musste, sondern selber verkleidet die Messegehenden terrorisierte. Seither war sie jedes Jahr als Sühudi unterwegs.

Nur dieses Jahr tritt Marie-Luise Kälin nicht als Sühudi auf: Ihr Mann sei vor wenigen Monaten gestorben, da ziehme es sich nicht, so unterwegs zu sein. Nur schon wegen dem Gerede im Dorf. "Aber nächstes Jahr, da werde ich wieder mit dabei sein, wenn ich dann noch mag".

Philippe Kropf, Einsiedeln


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