Umstrittener Schweizer Gelehrter berät London

Tariq Ramadan während einer Pressekonferenz im Juli in London.

(Keystone)

Der in den USA unerwünschte Genfer Intellektuelle Tariq Ramadan soll die britische Regierung im Kampf gegen islamischen Extremismus beraten.

Ramadan ist einer von 13 Persönlichkeiten, die vom britischen Innenministerium in das Beratergremium berufen wurden.

Ramadan soll mithelfen, die Radikalisierung islamischer Gruppierungen und den islamistischen Extremismus in Grossbritannien zu stoppen.

Das Beraterteam besteht aus 13 vom britischen Innenministerium ernannten Persönlichkeiten aus Grossbritannien und dem Ausland. "Reine Polizeimassnahmen reichen nicht als Antwort auf terroristische Bedrohungen. Ich helfe mit, eine politische Antwort zu entwickeln", sagte Ramadan am Mittwoch.

"Ich denke, dass auf der politischen Ebene etwas getan werden muss. Muslime sind da ein Teil der Lösung und nicht das Problem", so Ramadan.

Das Gremium soll Premierminister Tony Blair und Innenminister Charles Clarke bis Ende September einen ersten Bericht abliefern. "Diese kurzfristige Mission reicht natürlich nicht. Deshalb sollen wir auch längerfristige Vorschläge machen", sagte Ramadan weiter.

Auf Dialog setzen

Die Berufung eines solchen Beratergremiums zeige, dass sich das Bewusstsein der britischen Regierung entwickelt habe. Sie habe gemerkt, dass man das Problem nicht ohne Dialog mit den Muslimen lösen könne. London habe verstanden, "mit welchen Partnern diskutiert werden muss" und "wer in die richtige Richtung wirkt", kommentierte Ramadan seine Nomination.

Das Beratergremium ist eine der Antworten der britischen Regierung auf die Selbstmord-Attentate vom 7. Juli in London. Dabei waren 56 Menschen getötet worden, darunter die vier Attentäter - muslimische Briten, deren Familien aus Pakistan und Jamaika eingewandert waren.

Umstrittene Persönlichkeit

Tariq Ramadan wurde erst letzte Woche für zwei Semester ans Saint Antony's College in Oxford eingeladen. Ramadan sei ein international anerkannter Intellektueller, hiess es zur Begründung. Er werde während eines Jahres vom College angestellt sein, erhalte aber kein Salär und keinen Personal-Status.

Seine Kritiker werfen ihm ein Doppelspiel vor. Seine moderaten Worte in der Öffentlichkeit kontrastierten mit radikaleren Aussagen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft, sagen sie.

"Die Briten grenzen Tariq Ramadan nicht aus, sondern bemühen sich um seine Dienste", sagt der Schweizer Arabist Patrick Hänni gegenüber swissinfo. "Das erstaunt mich nicht. Sie können den Unterscheid machen zwischen denjenigen, die Bomben zünden und denjenigen, die für einen gemässigten Islam einstehen", so Haenni weiter.

Die Sache mit der Steinigung der Frau

Tariq Ramadan ist ein Enkel von Hassan al-Banna, Gründer der "Muslim Brüderschaft" in Ägypten. Der Intellektuelle erklärt seit jeher, den Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften zu verteidigen. 1995 erlegte ihm Frankreich ein Einreiseverbot auf, weil er eine "Gefahr für die öffentliche Ordnung darstelle"; die Sperre wurde ein Jahr darauf von einem französischen Gericht wieder aufgehoben.

In einem französischen Fernsehinterview trat Tariq Ramadan lediglich für ein Moratorium der Steinigung von Frauen ein, lehnte sie aber nicht prinzipiell ab.

Sein Bruder, Hani Ramadan, hatte in einem Interview mit "Le Monde" im Herbst 2002 indirekt die Steinigung von Ehebrecherinnen als erlaubtes Abschreckungsmittel bezeichnet. Im Frühjahr 2003 wurde er daraufhin von der Genfer Kantonsregierung aus seinem Job als Französischlehrer an einer Sekundarschule entlassen.

Wegen Visa-Problemen musste Tariq Ramadan Ende letzten Jahres auf einen Lehrauftrag an der Universität Nôtre-Dame im US-Bundesstaat Indiana verzichten.

swissinfo und Agenturen

In Kürze

Tariq Ramadan, geboren 1962 in Genf, entstammt einer ägyptischen Familie, die unter dem nationalistischen Präsidenten Nasser geflüchtet war.

Sein Grossvater Hassan al Banna hatte 1928 die Muslim-Bruderschaft gegründet.

Sein Vater war später Gründer des Islamischen Zentrums Genf.

Ramadan war unter anderem Berater der Europäischen Kommission für Religionsfragen.



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