Ursula von Wiese wird 95

Die älteste noch aktive Schweizer Autorin Ursula von Wiese wird am Karfreitag 95 Jahre alt . Sie gilt als ein Stück lebender Literaturgeschichte.

Dieser Inhalt wurde am 20. April 2000 - 11:23 publiziert

Die älteste noch aktive Schweizer Autorin Ursula von Wiese wird am Karfreitag 95 Jahre alt . Sie gilt als lebende Literaturgeschichte.

Ursula von Wiese ist das, was Amerikaner "a character" nennen und Deutsche salopp "eine Nummer". Auch mit 95 und im Rollstuhl besucht sie so viele Literaturveranstaltungen wie möglich und ist mit ihrem vorzugsweise rot gefärbten Bubikopf stets unübersehbar.

Die Schauspielerin, Tänzerin, Übersetzerin und Lektorin schreibt seit 70 Jahren. Doch erst 1994 gelang ihr mit "Vogel Phönix" der Durchbruch: Ihre Autobiografie beschreibt das bewegte Leben der 20er-"Wilden", alleinerziehenden Mutter und Johanna Dampf in allen Gassen.

Adel und Rebellion

Ursula von Wiese und Kaiserswaldau, Nachfahrin Karls des Grossen und Grossnichte des Effi Briest-Vorbilds Elisabeth von Ardenne, wurde am 21. April 1905 in Hannover geboren. Als Schauspielerin und Tänzerin stand sie neben Marlene Dietrich auf der Bühne. In den späten Zwanzigern gehörte sie in Ascona zum Kreis der expressionistischen Kultur-Exilanten, die der Freiheit unter anderem in Form von Nackttanz und Promiskuität huldigten.

Das Buch, das sie darüber schrieb, "Neun in Ascona", geriet zum Skandal. Dass ihr Bruder, der bekannte Literaturwissenschaftler Benno von Wiese (1903-87), dem Nationalsozialismus anhing, entfremdete sie von ihm.

Schicksalsschläge

1931 heiratete Ursula von Wiese den St.Galler Dramatiker und Autor Werner Johannes Guggenheim. Bereits 1946 starb dieser überraschend an einem Herzanfall auf dem Zürcher Bahnhof.

Allein mit vier Kindern tat die Witwe, was sie von ihrem Mann gelernt hatte: sie schrieb. Sie übersetzte und lektorierte für Verlage wie Scherz und Arche, verfasste Kinder-, Sach-, Kochbücher und Feuilletons und wurde zur Autorin oder Geburtshelferin von 350 Büchern.

1963 folgte ein neuer Schicksalsschlag: Bei einem Autounfall starb von Wieses Tochter Cordelia Guggenheim, eine der ersten und beliebtesten Schweizer Fernsehansagerinnen. Das Ereignis stürzte nicht nur die Nation in Trauer.

Sprachpuristin und Feuilletonistin

Eine ihrer frühesten Achtungserfolge erzielte Ursula von Wiese mit ihrer "Fiebel für gutes Deutsch". Letztes Jahr kam das Nachfolgewerk "Deutsch am Pranger" heraus. Die Bücher sind Früchte jahrelanger Arbeit, während der von Wiese sich täglich alle erlesenen Sprachsünden notierte.

Aus Anlass ihres 95. Geburtstags ist unter dem Titel "Alles schon dagewesen" eine Sammlung von Kurztexten erschienen. Es sind Feuilletons im besten Sinn: kluge Aperçus zu Dingen, die jeder weiss und keiner kennt, beispielsweise Rosen, Muttertag, Tabasco und die Marlitt.

swissinfo und Agenturen

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