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Vom Crash zur Kunst

Typisches Foto für Arnold Odermatt - zu sehen in Winterthur.

(Fotomuseum Winterthur)

Der Polizeifotograf Arnold Odermatt war mit seiner Rolleiflex-Kamera zur Stelle, wenn es auf den Strassen krachte.

Das Feuilleton und die Kunstkritik haben die Crashfotos als Kunst deklariert.

Arnold Odermatt war im Kanton Nidwalden während Jahrzehnten als Polizeifotograf unterwegs. Wenn er mit seiner Kamera auf der Unfallstelle auftauchte, waren die Protagonisten seiner Bilder, die Verletzten und Toten, schon fortgebracht. Das Fotomuseum Winterthur stellt die Bilder von Arnold Odermatt unter dem Titel "Karambolagen" aus.

Arnold Odermatt klickt auf den blutlosen Teil der Verkehrstragödien, überlässt der Vorstellungskraft des Betrachters, was aus den Insassen der verbeulten, eingedrückten und verformten Autos geworden ist. Im Laufe der Zeit sind stille, respektvolle Auto-Crash-Bilder in Schwarz und Weiss entstanden, die gespenstische Ruhe ausstrahlen.

Geschönte Unfallbilder oder Kunst?

Einige der Unfall-Kompositionen wirken geschönt in der zerbeulten Welt des Strassenverkehrs. Die mit Kreide nachgezogenen Bremsspuren auf dem Asphalt deuten die Tragödie an, die auch im einen oder anderen Gesicht der abgebildeten Gaffer aufblitzt. Es fehlen die Glassplitter, die Abschrankungen, der Horror und das Blut in den Bildern von Arnold Odermatt.

Der Polizeifotograf aus Nidwalden richtete seine Kamera auf die fast aufgeräumte Unfallstelle. Der Hergang der Karambolage ist der Fantasie des Betrachters überlassen. Die ambivalenten Bilder schwanken zwischen Katastrophe und Poesie, Lyrik und bösem Schicksal. Der Polizeifotograf liefert eine tiefenscharfe und grau getönte Unfallwelt ohne sichtbare Opfer.

Bauchfotos für die Nachwelt

Die vielleicht eindrücklichsten Bilder entstanden in der Nacht. Arnold Odermatt setzte dabei die effektvollste Lichttechnologie von damals ein. Der Blitz einer Magnesium-Patrone dauerte 13 Sekunden und liess den Unfallort taghell aufleuchten. Diese Zeit musste reichen, um die Beklemmung des verbogenen Blechs in Kunst zu verwandeln. Arnold Odermatt schuf das, was amerikanische Kunstkritiker heute als "unvoluntary sculptures" bezeichnen.

Odermatt sieht sich nicht als Künstler, sondern als Polizeifotograf, der einäugige Autowracks, verbogene Kühlergitter, zerbeulte Schnauzen, geborstene Scheiben, abgewürgte Räder, geknautschte Stoßstangen mit Wolkenhimmel und Bergpanorama fotografierte. Er nennt seine Aufnahmen "Bauchfotos". Entdeckt wurde Arnold Odermatt, nachdem ein Teil seiner Bilder auf Initiative des Ausstellungsmachers Harald Szeemann an der 49. Biennale von Venedig gezeigt worden war.

Von der Karambolage zum Trash

Das Feuilleton hat aus Arnold Odermatt einen Künstler gemacht. Das irritiert den pensionierten Polizeifotografen: "Ich sehe, dass die Leute Freude an meinen Bildern haben. Das imponiert mir. Nie im Traum habe ich mich damals als Künstler gesehen, ich habe handwerklich gearbeitet. Ich hatte einfach den Ehrgeiz, technisch anspruchsvolle Bilder zu machen."

Einige Kunstkritiker bringen Arnold Odermatt mit Andy Warhol in Verbindung, der in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Banalität von Unglücksfällen und Trash zur Kunst erhob.

Arnold Odermatt pflegte vor fast einem halben Jahrhundert ein Foto-Genre, das heute durch die Sensationslust der Medien den künstlerischen Anspruch verloren hat. Die Polizei- und Katastrophenfotografie ist zum Infotainment verkommen.

Tausende von Auto-Crash-Sites im Internet verwandeln den Bildbetrachter zum Voyeur fremder Katastrophen und Tragödien. Arnold Odermatt ist dieser Falle entkommen. Er zeigt uns vom Unglück entrümpelte Bilder und bewahrt uns vor dem Kitsch.

Nachdenken über Tempo

Die Bilder von Arnold Odermatt regen an, über den Wahnsinn des Tempos und über die Folgen der Beschleunigung nachzudenken. Arnold Odermatt fotografiert weiter, lässt jedoch die Karambolagen und das verbeulte Blech hinter sich. Er richtet die Linse auf Steinflächen und Baumrinden, vergrössert sie zu abstrakten Bildern

swissinfo, Erwin Dettling, Winterthur

Fakten

Arnold Odermatt war während Jahrzehnten im Kanton Nidwalden als Polizeifotograf tätig.
Seine Fotos sind im Fotomuseum Winterthur zu sehen - noch bis am 22.8.04.
Der Fotoband "Arnold Odermatt - Karambolage" ist im Steidl Verlag erschienen.

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