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Vom Leben ausgeschlossen

Blutrache - ein Zurückfallen in die Dunkelheit?

(swissinfo.ch)

Blutrache und Selbstjustiz sind in Albanien wieder an der Tagesordnung. Das Schweizer Hilfswerk HEKS unterstützt ein Projekt gegen dieses Phänomen.

Viel wird geschrieben im In- und Ausland über die wieder auferstandene Blutrache in Albanien. Diese alte Tradition basiert auf dem Kanun, einem Jahrhunderte alten Gesetz.

"Albanian Daily News", 10. Mai 2002: "Ein Racheakt in der nordalbanischen Region Tropoja forderte am Mittwoch zwei weitere Menschenleben. Wie die lokale Polizei mitteilte, steigt die Zahl der Blutrache-Opfer der letzten vier Jahre damit auf 151."

"Albanian Daily News", 8. Mai 2002: "Über 3600 Männer bleiben zu Hause, Hunderte von Kinder sind von Analphabetismus bedroht, da sie nicht zur Schule gehen können."

Die Kinder leiden am meisten

Dieses Problem hat die Frauenorganisation "Useful to Albanian Women" (UAW), eine Partnerin des Schweizer Hilfswerks HEKS, erkannt: "Wir wollen unsere albanischen Kinder aus der Opferrolle befreien, die sie ansonsten später zu Tätern werden lässt", begründet sie ihre Initiative für ein Präventions-Projekt gegen die Blutrache.

Spielte sich die traditionelle Blutrache gemäss Kanun noch ausschliesslich unter Männern ab, müssen in der neuen pervertierten Art der Blutrache auch Frauen und Kinder um ihr Leben bangen.

Fabiola Laço-Egro: "Die Kinder sind traumatisiert: Sie müssen ständig mit dem Tod eines Familienmitglieds rechnen. Einziges Thema zu Hause ist die Rache. Zudem sehen sie ihren Vater, wie er tagaus, tagein deprimiert da sitzt, raucht und sein Gewehr reinigt."

Ein Ausweg aus der Isolation

Mit Hilfe von HEKS starteten die "Usefuls" in der nordalbanischen Region von Shkodra Schulunterricht in Sprache, Literatur und Mathematik. Die Lektionen werden dreimal die Woche am Fernsehen ausgestrahlt, wie Projekt-Managerin Fabiola Laço-Egro gegenüber swissinfo erklärt.

Zudem gehen Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen in die betroffenen Familien, machen mit den Kindern Hausaufgaben. "Wir versuchen auch über Toleranz und Versöhnung zu sprechen", betont Fabiola Laço-Egro. Über die Frauen ist es möglich, auch die Männer zu erreichen.

In einem weiteren Schritt wird das Thema der Blutrache mit Fernseh-Spots (siehe Video) thematisiert. "Die Leute sollen verstehen, dass Konflikte auch ohne Gewalt gelöst werden können", so Laço-Egro.

Gründe für die Rückkehr der Blutrache

Seit der politischen Wende vor 10 Jahren und insbesondere nach dem Bankrott der Pyramiden-Gesellschaften 1997 haben Arbeitslosigkeit, Korruption und Kriminalität in erschreckendem Masse zugenommen. Das staatliche Rechtssystem hat sich bis heute nicht durchgesetzt. Die Menschen haben das Vertrauen in den Staat verloren. Da ist es nicht mehr weit zur Selbstjustiz.

Das grösste Problem seien die vielen Waffen, sagt Fabiola Laço-Egro: "Die dreieinhalb Millionen Albaner besitzen insgesamt 7 Millionen Kalaschnikows, die während der Revolten von 1997 aus Lagerhäusern und Baracken entwendet wurden."

Die UAW arbeiten mit andern Organisationen zusammen, so mit der Stiftung für Konflikt-Lösung und Versöhnung. Sie ist in 9 Städten im Land aktiv und hat zum Ziel, in Zusammenarbeit mit Schulen und Behörden die Leute für gewaltfreie Konfliktlösungen zu sensibilisieren.

Rasim Gjoka, Leiter der Stiftung: "Bei den meisten Streitereien geht es um Besitz und Land. Nur wenige Familien sind noch in die traditionelle Blutrache verwickelt."

Der Weg ist lang

Die Zusammenarbeit mit der Polizei und den Gerichtsvertretern ist laut dem Soziologen Gjoka äusserst wichtig: "Die Verfassung muss respektiert werden. Selbstjustiz darf nicht geduldet werden. Der Staat muss durchgreifen. Denn häufig bleibt die Frage: Was passierte mit den Killern?"

Dass noch viel zu tun bleibt, dokumentiert Fabiola Laço-Egros Beispiel einer 22-köpfigen Grossfamilie in der nordalbanischen Ortschaft Koplik: "In der Familie leben 12 Kinder, sie sind seit 8 Jahren eingeschlossen, abgeschnitten von der Aussenwelt. In den letzten Jahren wurden 6 Familienmitglieder ermordet. Die Polizeistation ist nur 100 Meter entfernt. Die Polizei greift nicht ein. Die Familie ist völlig am Ende."

Gaby Ochsenbein, Tirana


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