Vom Tourismus geprägte Landschaft ist langweilig

Gion Caminada ist einer der wichtigsten Vertreter der aktuellen Schweizer Baukultur. (kunst Merano arte) kunst Merano Arte

Die Peripherie soll gestärkt werden, sagt Gion Caminada im swissinfo-Interview. Die Initiative soll jedoch von der Land- und Bergbevölkerung ausgehen.

Dieser Inhalt wurde am 26. April 2005 - 23:56 publiziert

Architektur ist für den Bündner Architekten eine interdisziplinäre Angelegenheit.

swissinfo: Gion Caminada, Sie lehren auch an der ETH in Zürich, was geben Sie ihren Studenten weiter? Was sollten Ihrer Ansicht nach Architekten von heute lernen?

Gion Caminada: Ich versuche den Leuten die Interdisziplinarität der Architektur näher zu bringen. Ich will ihnen zeigen, was es heisst, die Energien und Kräfte aufzuzeigen, die auf die Architektur einwirken.

Unter Interdisziplinarität verstehe ich Ökologie, Ökonomie aber auch Politik. Das alles hat eine grosse Bedeutung. Ich denke, wenn sie das lernen, erlangen sie vielleicht eine gewisse Kompetenz.

Kompetenz bedeutet für mich nicht, dass man alles von A bis Z beherrschen muss. Man muss vielleicht auch gestehen können, dass man nicht alles begreifen kann. Vielleicht ist man erst dann kompetent.

Ich glaube, die Kompetenz hat ein Architekt dann, wenn er fähig ist, die verschiedenen Interessen, die auf einen Ort einwirken, auszubalancieren.

swissinfo: Sie haben diese Kompetenzen in ihrem eigenen Dorf erlernt, so quasi von der Pike auf?

G.C.: Ja. Es ist interessant, wenn man Architektur nicht in einen engen Rahmen fasst. Architektur ist nicht nur Ästhetik. Wie die Kultur auch allgemein. Sie besteht aus zwei verschiedenen Ebenen. Die eine ist die intellektuelle, sie beinhaltet die Informationen, die an einem bestimmten Ort sind. Das andere ist das Emotionale, Sinnliche, das was jedem freisteht, das begreift man sofort.

Es ist mir wichtig, dass ich bei jedem Projekt Informationen hervorholen kann. Ich muss vor Ort Erfahrungen machen. Ich muss wissen, wie diese Dinge funktionieren.

Ich muss mir die Informationen aus dem Ort holen, aus der Landschaft, aus den Menschen. Schlussendlich versuche ich eine Synthese zu finden, zwischen dem emotional-sinnlichen Teil und der intellektuellen Ebene.

Wenn wir begreifen, dass Architektur nicht nur aus Ästhetik besteht, dann besteht vielleicht auch die Chance, dass die Leute sie langsam begreifen und verstehen. Wir müssen es schaffen, eine Gesamtheit zu komponieren. Dann vielleicht hat Architektur wieder den Stellenwert, den sie haben müsste und könnte.

swissinfo: Sie arbeiten vor allem in der Peripherie. Es gibt ja Bestrebungen aus der Schweiz eine Stadt zu machen, vom Genfersee zu Bodensee. Wie stellen Sie sich dazu?

G.C.: Bei der neuen Regionalpolitik gibt es Zentren, starke Agglomerationen. Diese will man stärken. Dabei wird wahrscheinlich die Peripherie ein wenig leiden.

In Zukunft sollen Subventionen nicht mehr so grossflächig verteilt werden. Die Kolonien im Berggebiet werden zum Teil verschwinden. Aber man will dort helfen, wo auch eigene Initiativen vorhanden sind. Und damit habe ich an sich keine Mühe.

Ich denke, da kommt eine spannende Zeit auf uns zu. Und ich glaube auch nicht, dass durch die Globalisierung alles ähnlich aussehen wird in der Schweiz. Wie müssen in Zukunft die Vielfalt, die Authenzität verstärken, die Unterschiede zwischen Zentren und Peripherie.

Darin sehe ich auch eine grosse Chance, besonders für die Peripherie.

swissinfo: Wir befinden uns momentan im Dreiländereck Italien-Österreich-Schweiz. Das Gemeinsame, das Verbindende ist der Alpenraum.

G. C.: Es gibt ähnliche Probleme in Italien, Österreich wie in der Schweiz. In der Schweiz konnte man durch die geregelte Landwirtschaftspolitik die peripheren Bauerndörfer erhalten, das hat funktioniert.

Und in Italien war die Unterstützung nicht so effizient. Dort hat die eine starke Abwanderung stattgefunden, auch in Frankreich. Und ich befürchte, etwas Ähnliches könnte inZukunft auch in der Schweiz geschehen.

swissinfo: Versuchen Sie die Leute zurückzuholen?

G. C.: Ich denke, zurückholen wäre das Falsche. Es muss gelingen die Schweiz als Ganzes anzuschauen. Man muss den Leuten klar machen, dass die Zentren interessanter sind, wenn es eben auch die Peripherie gibt.

Ich finde, innerhalb des relativ kleinen Gebietes der Schweiz gibt es eine unglaubliche Vielfalt und eine Qualität, die wir anderswo fast nicht vorfinden.

Es muss gelingen, die Polaritäten zwischen Zentren und Peripherie abzubauen. Man muss Verständnis aufbringen, man muss kommunizieren. Und man muss vor allem auch die Frage stellen, vor allem den Zentren, kann die Peripherie ein Mehrwert für uns Städter sein?

swissinfo: Da bietet sich der Tourismus an. Beim Betrachten der Ausstellungsbilder, merkt man, dass da keine Touristenbilder sind.

Eine Landschaft, die nur vom Tourismus geprägt ist, ist langweilig. Eine meine Thesen heisst ja, der Gast ist König, aber der Einheimische auch. Es muss da gelingen, besser miteinander zu kommunizieren.

Ich denke, eine der wichtigen Komponenten für den Tourismus ist Landschaft und Kultur. Und Landschaft haben wir ja, aber die Kultur müssen wir tagtäglich neu schaffen. Es muss uns gelingen, Touristen wegen der Kultur an einen bestimmten Ort hinzubringen.

swissinfo-Interview: Etienne Strebel

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