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Vorbeugen gegen Überschwemmungen

Hochwasser an der Limmat bei Geroldswil, Anfang Juni.

(geroldswil.ch)

Um die Gefahr von Überschwemmungen zu verringern, werden in der Schweiz Hunderte von Projekten zur Renaturierung von Flussläufen verwirklicht.

Viele Wasserläufe sind Ende des 19.Jahrhunderts kanalisiert worden. Doch Bäche und Flüsse rebellieren immer häufiger.

Geroldswil, am Rande Zürichs: Seit April sind hier, am Flussufer der Limmat, rund ein Dutzend Bagger in Aktion. Sie graben an einem grösseren und natürlicheren Bett für den Fluss, der an dieser Stelle bis anhin schnurgerade verläuft und einer Landepiste für Flugzeuge gleicht.

Bis November entsteht über eine Distanz von einem Kilometer ein gewundenes Flussambiente, das die Limmat durchlaufen wird, bis sie ihren Weg in Richtung Nordsee fortsetzt. Mit Mäandern, Inseln, Sandbänken und Biotopen wird ein natürliches Ambiente geschaffen, das dem Ökosystem gleichen dürfte, das hier vor 100 Jahren anzutreffen war.

Enorme Kosten, aber auch Ersparnisse



"Um die Renaturierung eines Flusslaufs zu erreichen, muss man vor allem Raum schaffen“, sagt Ingenieur Ueli Schälchli, Projektleiter der 'Limmat-Baustelle'.

Die Dämme müssen um einige Hundert Meter versetzt, das Erdreich muss ausgehoben und anschliessend konsolidiert werden. Je nach Situation sind auch botanische Eingriffe nötig, sagt Experte Schälchli. "Am Ende aber wird der Fluss selber die Kontrolle dieser Zone übernehmen und ein natürliches Ambiente wiederherstellen“, fügt er an.

In der Regel sind nur wenige Jahre nötig, um ein funktionierendes Ökosystem zu erzeugen. An den Renaturierungen sind Arbeiter, Ingenieure und Biologen beteiligt. Kostenpunkt: Mindestens drei Millionen Franken. Das macht umgerechnet zirka 3000 Franken pro Quadratmeter.

Das ist viel Geld, aber die Ausgaben lohnen sich. Und dies nicht nur aus ästhetischer Sicht, sondern langfristig auch finanziell. Die Renaturierungen stellen hervorragende präventive Massnahmen gegen Überschwemmungen und Hochwasser dar. Erst im Juni trat die Limmat in dieser Gegend über die Ufer. Auch wenn sich die Überschwemmungen in Grenzen hielten, trat immerhin ein Schaden von 5 Mio. Franken ein.

Flusskorrektur wird korrigiert



Gemäss dem Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) laufen in der Schweiz momentan Hunderte von Projekten zur Renaturierung von Flussläufen. Etliche Interventionen konnten in den letzten fünf Jahren bereits abgeschlossen werden. 200 Mio. Franken wurden investiert.

Bei allen Projekten geht es darum, die Korrektur einer früheren Korrektur der Flussläufe vorzunehmen. Es handelt sich so zusagen um Umweltsünden der Vergangenheit. Die grossen Damm- und Kanalisierungsprojekte von Flüssen beziehungsweise Seen in der Schweiz begannen 1870 und dauerten bis zirka 1940.

"Damals hat man die Flussläufe umgeleitet und kanalisiert, um Überschwemmungen vorzubeugen und Feuchtland trocken zu legen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebte da noch von der Landwirtschaft“, sagt Ueli Schälchli.

Und nach den Flüssen und Seen wurde in den vergangenen 50 Jahren auch kleineren Bächen und anderen Gewässern eine Zwangsjacke umgelegt. Doch diese Arbeiten erwiesen sich allesamt als Bumerang: Man hat die Kraft der Natur unterschätzt.

Überschwemmungen immer häufiger



"Bei Sturm und schweren Regenfällen fliesst das Wasser in den kanalisierten, manchmal sogar betonierten Flussläufen immer schneller das Tal hinunter. Nur sehr wenig Wasser versickert im Boden, wie es vor der Kanalisierung üblich war“, sagt Andrea Knutti, der beim WWF Schweiz für Wasserprojekte verantwortlich ist.

In den letzten Jahren sei es aus diesem Grund immer häufiger zu Überschwemmungen gekommen. Und in Anbetracht der Klimaveränderungen dürfte die Hochwassergefahr in Zukunft eher noch zunehmen.

Erst in den 90-er Jahren machte sich die Erkenntnis zu einem Strategiewechsel breit. Die Kanalisierung von Flussläufen wurde verboten. Doch zu spät: Allein die Überschwemmungen von 1999 und 2000 forderten rund 20 Tote und Schäden von 1,5 Mrd. Franken.

Andreas Knutti, WWF Schweiz: "Die Renaturierung der Flussläufe führt zu einer Kombination aus ökologischen und ökonomischen Vorteilen“, sagt Andreas Knutti.

Doch für die unbestritten nützlichen Projekte gibt es gleichwohl zwei Haupthindernisse. "Man muss vor allem die Politiker überzeugen, dass es besser ist, in Prävention zu investieren als später die Schäden zu reparieren“, sagt der Experte vom WWF.

Ausserdem ist es in einem intensiv bewohnten und genutzten Land wie der Schweiz schwierig, den nötigen Boden zur Renaturierung zu finden. Grundstückseigner müssen davon überzeugt werden, ihr Terrain zum Vorteil eines höheren Nutzens abzugeben.

Wenn sich Besitzer weigern, ihr Land zu verkaufen, gibt es keine rechtlichen Möglichkeiten einer Zwangsenteignung. Ganz allgemein werden die Renaturierungsprojekte aber von der Bevölkerung unterstützt. Laut Knutti werden die renaturierten Flussläufe vor allem in stark besiedelten oder industrialisierten Gebieten gerne für die Naherholung genutzt.

"Je näher man zu einer Stadt kommt, desto grösster ist die Unterstützung der Bevölkerung für Renaturierungsprojekte“, bestätigt Ingenieur Knutti. In weitgehend naturbelassenen Orten sei es schwieriger, die Einwohner davon zu überzeugen, dass die Korrektur von Fluss- und Bachbetten nützlich sei.

swissinfo, Armando Mombelli
(Übersetzung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

In Kürze

Die Renaturierung der Limmat bei Geroldswil erstreckt sich über eine Länge von einem Kilometer.

Die Arbeiten begannen im April 2004 und werden voraussichtlich bis November dauern.

Die Kosten für den landschaftlichen Eingriff von gut 3 Mio. Franken trägt die Elektrizitätsgesellschaft des Kantons Zürich.

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Fakten

Die Hochwasserschäden in der Schweiz werden für die vergangenen 30 Jahre auf 10 Mrd. Franken geschätzt.
Dies entspricht einem Mittelwert von 300 Mio. Franken im Jahr.
In den letzten fünf Jahren haben Bund, Kantone und Gemeinden mehr als 200 Mio. Franken in Renaturierungs-Projekte von Waserläufen investiert.

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