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Wandern und Wandel in den Alpen

Die Grimsel: Eindrückliche Gebirgslandschaft, voller Stausee. Beides bringt Nutzen.

Auch die Alpen als touristischer Tresor und harter Lebensraum sind dem Wandel unterworfen. Forscher haben sich deshalb mit der Frage beschäftigt, welche alpine Landschaft die Schweiz will.

In einer Studie raten die Autoren zu einer regionalspezifischen Entwicklung. Darin soll Wertschätzung der Besucher in Wertschöpfung für die Bewohner umgemünzt werden.

Albrecht von Hallers Epos "Die Alpen" von 1729 stand am Anfang der Faszination für das Gebirge. Heute sind es 120 Millionen Menschen, die jedes Jahr in der Landschaft der Alpen Erholung suchen. Schon viel länger, seit rund 5000 Jahren, wie wir dank Ötzi wissen, nutzen Menschen die unwirtliche Gegend als Lebensraum zum Jagen und Sammeln.

Wer als Wanderer mit offenen Augen durch die Berglandschaft zieht und bei einem Schwatz mit Einheimischen verschnauft, bemerkt: Der Wandel der alpinen Landschaften ist in vollem Gang. Die Bergbauern leiden am globalen Markt, die Jungen wandern in die Städte ab, die Weiden verganden, und die Artenvielfalt geht zurück.

Land- und Forstwirtschaft auf dem Rückzug

Gleichzeitig nimmt der Druck durch Tourismus und Klimawandel zu. Bergbahn-Betreiber etwa wollen angesichts schneearmer Winter neue Gipfel erschliessen.

Im Forschungsprogramm "Landschaften und Lebensräume der Alpen zwischen Wertschöpfung und Wertschätzung" (NFP 48), dessen Schlussbericht am Dienstag präsentiert wurde, zeigen Wissenschafter mögliche Entwicklungsperspektiven auf.

Als Herausforderungen für die Landschaft und den Lebensraum der Alpen machen sie ausser Klimawandel und gestiegenen Ansprüchen der Gesellschaft auch den Rückgang von Land- und Forstwirtschaft aus.

"Gefragt ist eine neue, nachfrageorientiertere Landschaftsgestaltung", sagt Paul Messerli gegenüber swissinfo. Er hat das NFP 48 als Delegierter des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) begleitet.

Kein Einheitsbrei

Zentrale These der Autoren: Die Wertschätzung der vielen Besucher für die Alpenlandschaft soll in Wertschöpfung für deren Bewohner umgemünzt werden. "Das geht von Direktzahlungen, Transferzahlungen bis zu den angebotenen Produkten wie etwa AOC-Käse", sagt Messerli, Professor für Wirtschaftsgeographie und regionale Entwicklung an der Universität Bern.

Dabei setzen die Autoren auf regionale Entwicklungsschwerpunkte. "Wir wollen aufzeigen, dass es nicht viel Sinn macht, überall einen Einheitsbrei anzubieten", fasst Programmleiter Bernard Lehmann zusammen. Lieber an wenigen Orten mehr, als an vielen Orten wenig, lautet das Motto.

"Die Regionalisierung etwa der künstlichen Beschneiung ist wichtig, um andere Landschaften für andere Formen der Erholung freizuhalten", illustriert Paul Messerli.

Naturparks nur in Ausnahmefällen

Wo eine Entwicklung wegen Abwanderung der einheimischen Bevölkerung nicht mehr möglich ist, soll die Natur das seit Generationen genutzte Kulturland wieder zurück erobern. "Die Initiative zu Naturparks muss aber von der lokalen Bevölkerung und nicht von aussen kommen", sagt Messerli. Erschliessung und Beherbergungsmöglichkeiten seien die weiteren Voraussetzungen. "Es braucht diese Infrastrukturen, sonst haben wir einen schönen Park, aber niemand kommt und niemand bleibt."

Alpine Brachen sind laut den Autoren aber nicht der Rettungsanker für Berggebiete, sondern nur dort erwünscht, wenn sie mit Rückgewinnung von geschätzter Natur und Naturerlebnissen verbunden sind.

Kein Bau-Boom

Öffnet die geforderte nachfrageorientiertere Landschaftsgestaltung nicht dem Bau neuer Bahnen die Tore? Nein, denn Paul Messerli steht hinter der Initiative des Schweizerischen Alpen-Clubs (SAC), Gipfelregionen vor Neuerschliessungen zu schützen.

Wie kein anderes Land biete die Schweiz im Zentrum von Europa Gletscher und Berggipfel, welche die Besucher bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen könnten, sagt er. "Diesen Trumpf sollten wir nicht aus der Hand geben."

Faszinierende Kraftwerk-Technik

Trotzdem redet er aber nicht nur der traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaft das Wort. Für den Geographen ist beispielsweise die Grimselregion im Berner Oberland mit den beiden Stauseen eine "fantastische High-Tech-Gebirgslandschaft, wo Kulturkräfte und Technologie sichtbar werden". Auch die Nutzung der Wasserkraft gehört für Messerli zu den Wertschöpfungen im Alpenraum.

Im Grimselgebiet sei beispielhaft vorgeführt, wie aus Wertschätzung der Besucher Wertschöpfung werde, sagt Messerli. Die Kraftwerksbetreiber hätten es verstanden, bei den Touristen auch die Faszination für die technischen Anlagen zu wecken. "Und die Haslitaler verstehen es allmählich, den Besuchern auch noch ihre Naturschätze zu zeigen und ihre Produkte zu verkaufen."

swissinfo, Renat Künzi

Thesen Forschungsprogramm 48

Alpine Landschaften sind kulturelle Leistungen, die Generationen im Lauf von Jahrtausenden erbracht haben.

Ziele der Gestaltung sind Sicherheit punkto Ernährung und Naturgefahren (Lawinen, Hochwasser).

Der Stellenwert von alpiner Landschaft als Kollektivgut muss erhöht werden.

Alpine Landschaft ist eine nutzbringende Ressource.

Bewohner müssen die Wertschätzung der Besucher in Wertschöpfung umwandeln.

Standorte müssen einen optimalen Mix zwischen marktfähigen Produkten (z.B. AOC-Käse) und nicht marktfähigen Gütern und Leistungen finden (z.B. Biodiversität).

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Politik und alpine Landschaft

Die Autoren des NFP 48 empfehlen den politischen Behörden, Planung und Entwicklung im Alpenraum besser zu koordinieren.

Bund und Kantone erteilen den Berggebieten einen Leistungsauftrag für Nutzung und Schutz der Alpenlandschaft.

Die Leistungen werden mit neuen Instrumenten wie Transfer- und Direktzahlungen vergütet.

Die lokale Bevölkerung bestimmt ihr "Produkt" alpine Landschaft selber, d.h. die Art der erbrachten Leistungen und angebotenen Güter.

Die Valorisierung alpiner Landschaft und Lebensräume erfordert die Aus- und Weiterbildung der lokalen Bevölkerung.

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