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Was ist mit dem Tessin nur los?

Ci conosciamo tutti - im Tessin kennt man sich: Das hat Vor- und Nachteile.

Das Tessin erstickt im Klischee von der mafiösen Sonnenstube. Immer wieder sorgen Skandale für Schlagzeilen. Darüber vergisst man jedoch allzu oft, zu welcher Eigendynamik der Südkanton fähig ist.

Keine Saison ohne Skandale: Da war die Schliessung mehrerer illegaler Bordelle - darunter eines, das sich in einem Hause von LEGA-Boss Giuliano Bignasca befand. Da waren die Steuerschulden dieses umstrittenen Politikers, die durch zweifelhafte Bauaufträge getilgt wurden.

Da waren 12'000 Tonnen Abfall, die nicht verbrannt werden konnten, weil die in Auftrag gegebene Kehrricht-Verbrennungsanlage Thermoselect nicht funktionieren wollte.

Und da war die Geschichte um die Finanzierung der berühmten Luganeser Herzklinik Cardiocentro: Der deutsche Bäderkönig Eduard Zwick vermachte einige Millionen der Klinik und deren Direktor. Dieser unterliess es allerdings, das Parlament davon zu unterrichten und beanspruchte Subventionen.

"Ticinogate"

Das grösste Aufsehen erregte jedoch "Ticinogate". Die Affäre um den italienischen Zigarettenschmuggler Gerardo Cuomo, der im Tessin trotz seines kriminellen Hintergrundes eine Aufenthaltsbewilligung erhielt, sorgte weit über den Kanton hinaus für Schlagzeilen. Denn über den Fall des mafiösen Zigarettenhändlers stürzte ein Teil der Tessiner Justiz, darunter Gerichtspräsident Franco Verda.

Politik, Justiz, Wirtschaft und Medien seien zu eng miteinander verflochten, erklärt Lillo Alaimo, Chefredakteur der Tessiner Sonntagszeitung "Il Caffè". Seine Zeitung hatte "Ticinogate" aufgedeckt, ins Rollen gebracht und intensiv verfolgt. "Es fehlt an Distanz, an Autonomie und an gegenseitiger Kontrolle", meint Alaimo.

Auch der Jungpolitiker und Szenestar Stefano Malpangotti kritisiert den herrschenden Zustand: "Es gibt keine Opposition und keine Kritik. Alles ist in den Händen weniger Einflussreicher." Man kennt sich - ci conosciamo tutti - heisst es immer wieder.

Vetternwirtschaft

Am deutlichsten wird dies am Beispiel "Ticinogate": Franco Verda, Präsident des Tessiner Strafgerichts, der die umstrittene Aufenthaltsbewilligung für Gerardo Cuomo bewilligt hatte, wurde in Begleitung seiner Ehefrau, Désirée Rinaldi, auf der Yacht des international bekannten Zigarettenschmugglers gesehen. Dieser hatte sie eingeladen, weil Verdas Gattin seine Anwältin war. Als die Sache publik wurde, setzte die Kantonsregierung einen Sonderstaatsanwalt ein. Denn ausser Verda waren noch andere Regierungsbeamte unter Verdacht geraten. Beim Sonderstaatsanwalt handelte es sich um Luciano Giudici, Büropartner des Präsidenten der Tessiner FDP und Anwalt der Stiftung der Herzklinik, welche wegen der Zwick-Millionen in Bedrängnis geraten war.

Präsident dieses Stiftungsrates ist Giorgio Giudici, nicht verwandt mit Luciano, doch Architekt und Stadtpräsident von Lugano. Als Architekt arbeitete er für Mabetex-Boss Beghjet Pacolli, gegen welchen zur Zeit wegen Bestechung ermittelt wird. Als Stadtpräsident und Stiftungsrat der Universität war Giorgio Giudici verantwortlich für die zweifelhaften Bauaufträge an Lega-Boss Bignasca. Bignasca hatte Schulden in Millionenhöhe bei der Stadt. Seine Baufirma sollte diese in Form von lukrativen Bauaufträgen der Universität abarbeiten. Unnötig zu erwähnen, dass Bignasca selbst in der Stadtregierung sitzt. Eben: ci conocsiamo tutti.

Sonderfall Tessin?

Es sei die Grenzlage und die Attraktivität als Finanzplatz, die immer wieder zweifelhafte Figuren ins Tessin lockten, ist Chefredakteur Alaimo überzeugt. Doch er fügt hinzu: "Das Tessin ist nicht mafiöser als andere Regionen. Umstrittene Aufenthaltsbewilligungen werden auch an anderen Orten in der Schweiz vergeben. Steuerhinterziehungen finden auch in Zürcher Banken statt." Speziell am Tessin sei einzig die Verbindung von Grenzkanton und Finanzplatz.

Stefano Malpangotti beschreibt das Tessin als Seismographen der Schweiz. Für Marina Masoni, Volkswirtschaftsministerin und Mitglied einer der mächtigsten Familien des Südkantons, stellt das Tessin "eine Grauzone des Rechts" dar. Der SP-Nationalrat und Onkologe Franco Cavalli sieht in der Machtkonzentration, im Filz, insbesondere in der "Triade Masoni-Bignasca-Giudici" den Kern allen Übels.

Vergessene Sonnenseiten

Ob all der Skandale werden allerdings oft, zu oft die positiven, ja vorbildlichen Seiten des Tessins vergessen. Hinsichtlich Sozial- und Gesundheitspolitik beispielsweise ist der Kanton im Vergleich zur übrigen Schweiz führend. Das Modell der Ergänzungs- und Kleinkinder-Zulage ist derart vorbildlich, dass der Bundesrat es auf die ganze Schweiz übertragen möchte. Ebenso in Sachen Waldreservate: Im Tessin soll mehr als der sonst in der Schweiz übliche Durchschnitt von 10 Prozent der Waldfläche als Reservat geschützt werden. Auch hier nimmt das Tessin eine Vorreiterrolle ein.

Die Grenzsituation ermöglicht es dem an sich ressourcen-armen Kanton intensiv mit der Lombardei, einer der wirtschaftlich dynamischsten Regionen Europas, zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise sind in der Kleiderindustrie und in der Biotechnologie interessante kleine Zentren im Südzipfel der Schweiz entstanden.

Erwähnt sei auch, dass die härtesten Kritiker des Tessins letztlich im eigenen Kanton zu finden sind. Journalisten von Tessiner Tageszeitungen und Politiker aus den eigenen Reihen decken die Missstände auf und prangern die Schuldigen an.

Widersprüchliches Tessin

Kulturell ausgerichtet sind die Tessiner gen Süden; in der Politik blicken sie nach Bern. Sie wählen anti-europäisch und stimmen gegen die bilateralen Verträge, weil sie sich um Arbeitsplatz und Lohnniveau ängstigen und eine Zunahme des an sich schon starken Schwerverkehrs auf den Transitachsen befürchten. Nirgendwo in der Schweiz ist jedoch die grenzübergreifende Zusammenarbeit so intensiv wie zwischen dem Tessin und der Lombardei. Widersprüche kennzeichnen das Tessin. Verständlich, denn die Tessiner leben eingeklemmt zwischen den patriarchalischen Deutschschweizern und den dynamischen Lombarden. Von beiden Seiten wird Druck ausgeübt.

Carole Gürtler, Lugano

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