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Wenn Molière Dante den Rang abläuft

Viele italienische Arbeiter, hier auf der NEAT-Baustelle im Gotthardtunnel, sprechen nur noch am Arbeitsplatz italienisch. Keystone

Wie steht es mit der italienischen Sprache in einer Zeit grosser Veränderungen? Im Tessin gut. Doch in der übrigen Schweiz verliert die Sprache Dantes an Boden.

Dieser Inhalt wurde am 29. Oktober 2004 - 14:46 publiziert

Im Tessin lässt sich die Globalisierung vor allem an der Marginalisierung des Dialektes ablesen.

Das sind in groben Zügen die wichtigsten Ergebnisse einer Publikation, die das Ufficio di statistica (USTAT) und das Osservatorio linguistico della Svizzera italiana in Bellinzona vorgestellt haben. In der Publikation "Statistica e lingue. Un’analisi dei dati del censimento federale della popolazione 2000" befassen sich Sandro Bianconi und Matteo Borioli mit der Stellung des Italienischen in der helvetischen Sprachenvielfalt.

Düstere Prognosen haben sich nicht erfüllt

"Unsere Daten haben gezeigt, dass im Tessin ausgesprochen viele Nationalitäten, Ethnien und Sprachen zusammenleben. Die Tessiner Gesellschaft befindet sich somit nach wie vor in einem starken Wandel. Doch trotz diesem Völkergemisch", erklärt der Soziolinguist Sandro Bianconi, "gibt es keinerlei Anzeichen für eine Identitätskrise. Die italienische Sprache als zentraler Bezugsrahmen ist absolut intakt".

Die düsteren Prognosen in Bezug auf die ethnisch-linguistische Zukunft der italienischsprachigen Schweiz - man sprach sogar von Entartung - haben sich somit nicht bewahrheitet.

Und er ergänzt: "Auch in den italienischsprachigen Bündner Tälern ist die Lage des Italienischen relativ stabil - sogar in den eher problematischen Regionen Bregaglia und Calanca ist kein übermässiger Rückgang zu verzeichnen".

Tendenziell ist die Entwicklung allerdings verschieden: Während im Tessin der Gebrauch der italienischen Sprache zunimmt, geht er im Graubünden zurück.

Zerfall nördlich der Alpen nicht aufzuhalten

Die Erhebung der beiden Autoren hat zudem ergeben, dass das Italienische in der Deutschschweiz und mehr noch in der Romandie an Boden verliert. Dazu Bianconi: "Mehrere Zehntausend Italienerinnen und Italiener haben Deutsch oder Französisch als Hauptsprache (oder Muttersprache) angegeben, sprechen aber in der Familie und am Arbeitsplatz Italienisch."

In den nicht italienischsprachigen Landesteilen gaben im Jahr 2000 404'516 Personen Italienisch als jene Sprache an, die sie in der Familie sprechen. Nur die Hälfte bezeichneten Italienisch als ihre Hauptsprache. 1990 waren es noch 478'609; das waren 74'093 Personen oder 15,5% mehr.

Soziale Funktion in Immigrantenkreisen

Trotz aller Assimilation "spielt das Italienische unter den Immigranten unabhängig von ihrer Sprache als soziales und kommunikatives Element nach wie vor eine zentrale - um nicht zu sagen einmalige - Rolle", erläutert Bianconi.

Die statistischen Daten über Tausende von Personen jeglicher Nationalität, Ethnie und Sprache haben Folgendes ergeben: "Sie bezeichnen entweder Italienisch als ihre Hauptsprache oder, was noch häufiger vorkommt, sie geben Italienisch als Arbeitssprache an."

Dann dürfen wir uns also entspannen? Schwer zu sagen. Giovanni Longu, Leiter des Sprachdienstes im Bundesamtes für Statistik, weist darauf hin, dass die Masseneinwanderung aus Italien zu Ende sei; auch sei der Zustrom aus dem Tessin in die Deutsch- oder Westschweiz versiegt oder habe zumindest deutlich abgenommen.

Die Stellung der italienischen Sprache

Er fügt hinzu: "Der massive Rückgang des Italienischen vor allem in den städtischen Zentren (rund 30%) lässt die Frage aufkommen, wie sinnvoll es heute (und morgen) ist, die Sprache Dantes als 'Landessprache' zu bezeichnen. Dasselbe gilt für den Begriff 'Amtssprache', vor allem im Zusammenhang mit einer Bundesverwaltung, welche die italienische Sprache immer weniger benutzt und pflegt."

Und er doppelt nach: "Vielleicht wird man weiterhin behaupten, die Sprachenvielfalt sei ein tragender Pfeiler des schweizerischen Föderalismus - obschon dieser Verfassungsauftrag immer noch nicht durch eine griffige Gesetzgebung abgedeckt ist. Hier müssen die Politiker vermehrt aktiv werden. Allen voran die Tessiner Politiker. Im Interesse der italienischen Sprache und des Tessins".

Die Sprachenfrage ist somit in der Schweiz unverändert aktuell. So aktuell, dass der Schweizerische Nationalfonds eine Studie über die Beziehung zwischen helvetischer Sprachenvielfalt und nationalem Zusammenhalt in Auftrag gegeben hat.

swissinfo, Françoise Gehring, Bellinzona
(Übertragung aus dem Italienischen: Maya Im Hof)

Fakten

Im Tessin hat zum ersten Mal seit 1880 die Anzahl der Personen, die Italienisch als ihre Hauptsprache bezeichnen, zugenommen (+9,1%).
In den Deutsch- und Westschweizer Kantonen ist die Zahl jener, die Italienisch als Hauptsprache angeben, um ca. 74'000 oder 27% zurückgegangen.

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In Kürze

In der eigenen Sprachregion erfreut sich das Italienische bester Gesundheit: Im Vergleich zur Volkszählung von 1990 hat sich die Lage sogar verbessert.

Ganz anders nördlich der Alpen: Hier ist ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen.

Ein Grund für die schwache Stellung der italienischen Sprache in der Schweiz ist nach Meinung einiger Experten darin zu suchen, dass es an einer gesetzlichen Grundlage für eine entsprechende Sprachenpolitik fehlt.

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