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Wenn Schreiben lebensgefährlich wird

Der Journalist Raul Rivero (hier in einem Bild von 1999), ist in Kuba inhaftiert. Keystone

Der P.E.N.-Club erinnert auch in der Schweiz an die weltweit zunehmenden Eingriffe in die Presse- und Meinungsäusserungs-Freiheit.

Dieser Inhalt wurde am 16. November 2004 - 09:05 publiziert

Im Namen der Terrorbekämpfung werden immer mehr Schreibende umgebracht oder eingesperrt.

Jedes Jahr erinnert der P.E.N.-Club am 15. November mit dem "Writers-in-Prison"-Tag weltweit an das Schicksal verfolgter, inhaftierter oder unter Hausarrest gestellter Schreibender und Verleger.

Die drei P.E.N.-Zentren der Schweiz (Centre P.E.N. Suisse Romand, Centro P.E.N. della Sivizzera italiana e retoromancia, Deutschschweizer P.E.N. Zentrum) stellen heuer die Situation der Schreibenden in Kuba ins Zentrum.

Das Writers-in-Prison-Komitee wurde 1960 gegründet als Reaktion auf die wachsende Zahl Länder, deren Regierungen versuchen, Schriftsteller durch Repressionen mundtot zu machen.

Im März 2003 wurden in Havanna mehr als 70 kritische Journalisten, Bibliothekare, Autoren und Bürgerrechtler verhaftet und im Schnellverfahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Anklagepunkt war immer der gleiche: konspirative Tätigkeiten zugunsten der USA.

Kontroverser Schweizer Film über Raul Rivero



Unter den Verhafteten war auch der Journalist und Lyriker Raúl Rivero. Er sitzt auf Kuba eine Gefängnisstrafe von 20 Jahren ab. Er hat im laufenden Jahr für den Kampf um die Pressefreiheit den UNESCO-Preis erhalten.

Das Deutschschweizer P.E.N.-Zentrum hat die diesjährigen Veranstaltungen zum "Writers-in-Prison"-Tag mit dem Dokumentarfilm "Nachrichten aus Fidels Gefängnis" von Beat Bieri und Ruedi Leuthold im Züricher Literaturzentrum eröffnet. Weitere Veranstaltungen zum Thema finden am Dienstag in Lugano und am Donnerstag in Genf statt.

Der Film der beiden Schweizer Cinéasten erzählt die Geschichte von Riveros Verhaftung und wie dessen Umfeld in den Strudel der Ohnmacht gesogen wird. Kuba zählt rund 12 Millionen Einwohner. Nach Angaben von Menschenrechts-Organisationen gibt es in Kuba rund 100'000 Häftlinge. Unter ihnen sind rund 300 politische Gefangene, namhafte Autoren und Journalisten.

Asyl in der Schweiz für Tania Quintero



Am "Writers-in-Prison"-Tag trat in Zürich auch Tania Quintero auf. Sie war jahrzehntelang für die offiziellen kubanischen Medien tätig. 1995 wandte sich Quintero vom offiziellen Medienbetrieb in Kuba ab und arbeitete für die unabhängige Agentur CUBA PRESS, die Raul Rivero gegründet hatte.

Die Behörden drohten Tania Quintero im Mai 2003 mit einer Haftstrafe von 20 Jahren. Sie entschied sich für das Exil. Vor einem Jahr kam sie in die Schweiz und ersuchte um politisches Asyl. "Ich hatte die Wahl zwischen einer langen Gefängnisstrafe in Kuba und dem Exil in der Schweiz. Da habe ich mich für die Schweiz entschieden."

Tania Quintero musste ihre publizistischen und gesellschaftspolitischen Träume im Exil redimensionieren. "Ich träume heute von einem Kuba mit einer toleranten, demokratischen Gesellschaft, mit Meinungsfreiheit, wo alle Menschen arbeiten können und einen gerechten Lohn erhalten."

Nur langsam findet Quintero in der Schweiz zum Schreiben zurück. "Ich werde an einem Buch über Kuba weiter schreiben, das ich noch in Kuba auf Anregung von Raul Rivero begonnen hatte."

Zankapfel Kuba

Am Thema Kuba scheiden sich in der Schweiz und anderswo die Geister. Nachdem der Film "Nachrichten aus Fidels Gefängnis" über Raul Rivero in der Schweiz ausgestrahlt wurde, kritisierten linksliberale Medienschaffende und Sympathisanten der Regierung von Fidel Castro das Vorgehen der beiden Filmemacher.

Die Cinéasten Bieri und Leuthold drehten in Havanna ohne Genehmigung der kubanischen Behörden. Die Vorwürfe gipfelten in der Behauptung, Bieri und Leuthold stünden im Sold des US-Geheimdienstes CIA. "Es handelte sich um unglaubliche Unterstellungen", erklärt Beat Bieri gegenüber swissinfo.

Die Schriftstellerin Isolde Schaad, Mitglied des Deutschschweizer P.E.N., bringt die Kontroverse um Kuba auf den Punkt: "Es ist schwer, die Irrtümer, die das kleine Land begeht, wahrhaben zu wollen und sie im Namen der Menschenrechte anzuprangern." Kuba fühlt sich durch die jahrzehntelange Wirtschaftsblockade der USA bedroht.

Wenn Terrorbekämpfung übers Ziel schiesst

Im Züricher Literaturclub zeichnete Eugene Schoulgin, Vorstandsmitglied des P.E.N.-Club International, kein ermutigendes Bild für Schriftsteller, Lyriker, Prosaautoren, Wissenschafter und Dramatiker. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 werde die Freiheit des Wortes als Folge von immer schärferen Antiterror-Gesetzen auch in vielen Ländern des Westens zunehmend eingeschränkt.

Neue Antiterror-Gesetze erlaubten Behörden, den Post-, Telefon- und E-Mail Verkehr zwischen Einzelpersonen stärker zu überwachen. "An Kuba ist speziell, dass die Behörden in diesem Land bisher alle unsere Vorstösse unbeantwortet lassen", so Eugene Schoulgin.

Beschränktes Instrumentarium gegen Verstösse

Das Writers-in-Prison-Komitee geht gegen klar feststellbare Verstösse (Inhaftierung von Schreibenden, Berufsverbote, Sperrung des Internetzugangs, Schliessung von Zeitungen und Publikationen) vor. Zum Instrumentarium des Komitees gehören Schnellaktionen zu Gunsten von akut gefährdeten Personen, Prozessbesuche, sowie Protest- und Unterstützungsschreiben.

Dem neuesten Bericht der P.E.N.-Organisation ist zu entnehmen, dass die Schnellaktionen und Kampagnen des Writers-in-Prison-Komitee in der ersten Hälfte dieses Jahres mit 742 Fällen erschreckend gestiegen ist.

Das Writers-in-Prison-Komitee befürchtet, dass vor dem Hintergrund von terroristischen Bedrohungen immer schärfere Gesetze die Beziehung zwischen Individuen und Behörden nachhaltig schädigen. Kein vernünftiger Mensch streite ab, dass Terroristen heute eine ernst zu nehmende Gefahr darstellten.

Oft bleibe aber verschwommen, was die Obrigkeit verteidige. Terroristen griffen nicht nur Menschen und Gebäude an. Zu den Angriffszielen der Terroristen gehörten immer öfter auch Ideen und Werte.

swissinfo, Erwin Dettling, Zürich

In Kürze

Die P.E.N.-Zentren in der Schweiz sind Teil der weltweit über 140 Schriftstellervereinigungen, die im Internationalen P.E.N. vereint sind. Die drei Buchstaben stehen für Poets, Essayists, Novelists.

Der P.E.N. wurde 1921 in England als literarischer Freundeskreis gegründet. Schnell breitete er sich dann weltweit aus und etablierte sich als Anwalt des freien Wortes - er gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Autoren.

Mitglied des P.E.N. kann werden, wer von einem der Zentren aufgrund besonderer schriftstellerischer Leistungen gewählt wird und sich durch seine Unterschrift unter die Charta zu den Prinzipien des Clubs bekennt.

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Fakten

Halbjahresstatisik 2004 des Internationalen Writers-in-Prison-Komittees (Auszug)
Gesamtzahl der Fälle 742
Freigelassen 38
Ermordet 3
Ermordet (in Abklärung) 8
Verschwunden 11
Urteile ohne Haft 40
Todesdrohungen 38
Deportiert, Ausgewiesen, Geflohen 16

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