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Westliche versus chinesische Medizin Ruiniert Nobelpreis an Chinesin traditionelle Medizin?

Youyou Tu bei der Arbeit in den 1980er-Jahren.

Youyou Tu bei der Arbeit in den 1980er-Jahren.

(Keystone)

Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) ist in der Schweiz auf einem Höhenflug. Bereits wurde sie ins System der Krankenversicherung aufgenommen. Mit dem Nobelpreis an die Chinesin Youyou Tu stellt sich nun aber die Frage, ob der Erfolg ihres Malaria-Medikaments den Ruf der TCM ruinieren könnte.

Malaria und die Schweiz

Am Kampf gegen Malaria ist auch die Schweiz mit zahlreichen Projekten beteiligt.

Bereits 1948 fand der Schweizer Chemiker Paul Hermann Müller heraus, dass das höchst umstrittene Insektizid DDT bei der Bekämpfung von Moskitos und somit der Eindämmung von Malaria hilft. Er erhielt dafür den Chemie-Nobelpreis.

Das Schweizerische Tropen- und Public-Health-Insitut (TPH) wandte als erste Institution Artemisinin zur Behandlung von Kindern in Afrika an.

Der Nobelpreis für Medizin ging in diesem Jahr zur Hälfte an die chinesische Pharmakologin Youyou Tu. Sie hatte ein Medikament gegen Malaria entwickelt, Artesunat, das aus dem sekundären Pflanzenstoff Artemisinin besteht. Grosser Applaus und Zustimmung war ihr für den Preis in China gewiss. Doch die Verleihung löste auch einige Diskussionen aus.

Für den ehemaligen Leiter des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH)externer Link, Marcel Tanner, stand ausser Frage, dass Tu den Medizin-Nobelpreis erhalten würde. "Wenn man daran denkt, wie viele Menschen durch Artemisinin aus den tödlichen Fängen der Malaria gerettet wurden, dann sind angesichts der offensichtlichen Tragweite keine Worte mehr nötig", sagt er.

Auch für Xudong Wang, Professor an der Medizinischen Universität von Nanjingexterner Link, war der Nobelpreis für Tu eine klare Sache. Er macht jedoch eine Bemerkung, die aufhorchen lässt: Trotz aller Euphorie und Begeisterung müsse verhindert werden, dass durch die Popularität von Artemisinin die traditionelle chinesische Medizin (TCM) in Verruf gerate.

Von TCM inspiriert

"Man nehme eine Handvoll einjährigen Beifuss, weiche diesen in der doppelten Menge Wasser ein, presse die Pflanzen aus und nehme den Saft zu sich."

Dieser Satz aus dem Handbuch zur Behandlung akuter Krankheiten des chinesischen Taoisten und Alchimisten Ge Hong (~280 bis ~340) brachte Tu zur Erkenntnis: Der Wirkstoff Artemisinin büsst einen Grossteil seiner Wirkung gegen Malaria ein, wenn man diesen nach traditioneller Methode der chinesischen Medizin durch Auskochen extrahiert. Mit Artemisinin, das ohne Erhitzung gewonnen wird, erreicht man dagegen eine Heilungsrate von über 90%.

TCM auf Erfolgskurs

Die TCM erfuhr in der Schweiz in den letzten Jahren immer breitere Akzeptanz. Sie wird unter bestimmten Voraussetzungen im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung vergütet.

Laut Professor Xudong Wang von der Medizinischen Universität Nanjing in China, der gegenwärtig in der Schweiz arbeitet, hat sich die Zahl der TCM-Praxen und -Therapeuten in der Schweiz von ein paar Dutzend auf mehrere Tausend vervielfacht. Und immer mehr Studierende in der Schweiz interessieren sich für TCM.

Die Assoziation Schweizer Ärztegesellschaften für Akupunktur und Chinesische Medizin führt keine Statistiken und verweist auf das Ärzteverzeichnis des Berufsverbands der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH: Demnach sind etwas über 500 Praxen mit Spezialisierung "Akupunktur TCM" registriert, wobei einige Ärzte in der Liste doppelt aufgeführt sind, weil diese neben der Praxis auch noch in einem Spital tätig sind.

"Die Akzeptanz von TCM nimmt in der Schweiz stetig zu", sagt Simon Becker, Rektor der Akademie für Akupunktur und Asiatische Medizin (Chiway). Die von der Akademie verliehenen Zertifikate werden als eidgenössische Diplome anerkannt.

Becker freut sich sehr über den Nobelpreis für Youyou Tu: "Das bedeutet, dass die TCM noch viele verborgene Schätze birgt, die es zu entdecken gilt."

Entscheidend ist also die Gewinnungsmethode des Medikaments. Und diese Tatsache führte zur Kontroverse, ob Artemisinin nun den chemischen Medikamenten oder der traditionellen chinesischen Chemie angehöre.

Das Nobelpreiskomitee begründete die Preisübergabe mit folgenden Worten: "Wir übergeben den diesjährigen Nobelpreis nicht der traditionellen chinesischen Medizin sondern einer Forschungspersönlichkeit, die, inspiriert durch die traditionelle Medizin, ein neues Medikament entwickelt hat."

Tanner, der heute als Professor an der Universität Basel lehrt, ist der Meinung, Artemisinin sei ein gemeinsames Produkt von TCM und Pharmazie. Die Kritik in China versteht er nicht: "Es ist ein Fehler, über dieses Problem zu diskutieren. Nicht die Methode ist wichtig, sondern die Tatsache, dass Artemisinin an sich eine grossartige Erfindung ist."

Professor Wang betont: "Auch wenn Tu das Artemisinin mit Methoden der modernen Pharmazie gewonnen hat, ist dabei die traditionelle chinesische Medizin nicht wegzudenken, hat sie doch ihre Inspiration von dort erhalten. Diese Tatsache hat das Nobelpreis-Komitee völlig richtig erkannt."

Wissenschaftlerin mit drei "Makeln"

Worüber in China ebenfalls heiss diskutiert wird, ist die Laufbahn der Pharmakologin. Weder hat sie einen Doktortitel, noch ist sie Mitglied der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, und sie hat auch keine Studien- oder Forschungserfahrungen im Ausland vorzuweisen. Doch trotz fehlenden wissenschaftlichen Titeln rettete sie als Wissenschaftlerin mit ihrem Medikament Millionen das Leben.

"Diesbezüglich ist Youyou Tu in der Tat eine Unbekannte", sagt Wang. "Nach chinesischen Massstäben ragt Tu in vielen Belangen nicht aus der Masse heraus, weshalb ihr Nobelpreis bei einigen Unbehagen und Neid auslöst. Im Ausland aber sieht man die Entdeckung und nicht den sozialen Status. In diesem Punkt zolle ich dem Entscheid des Nobelpreis-Komitees den grössten Respekt. Für einige wissenschaftliche Institutionen unseres Landes ist dies in der Tat ein Weckruf."

Tanner fordert in diesem Zusammenhang auch eine gewisse Flexibilität bei den Institutionen: Personen ohne Titel, die aber ausserordentliche Leistungen mit einem grossen gesellschaftlichen Nutzen vollbrächten, könne auch ein Ehrentitel verliehen werden. "Wäre Youyou Tu in der Schweiz tätig, hätte sie sofort den Ehrendoktor erhalten." Entscheidend sei aber nicht der Titel, sondern ein intelligenter Kopf.

TCM ausgebootet?

Bei aller Euphorie über den Nobelpreis in China findet Professor Wang auch kritische Worte: "Dieser Nobelpreis ist für die TCM nicht unbedingt eine gute Sache. Er könnte sie möglicherweise in Zukunft in eine Sackgasse führen."

Professor Xudong Wang von der Medizinischen Universität Nanjing, China, arbeitet gegenwärtig in der Schweiz.

(zvg)

Weil Tu mit experimentellen Methoden zu einem Nobelpreis gekommen sei, der mit TCM in Verbindung gebracht werde, "könnte die traditionelle chinesische Medizin nach westlichem Stil zur Gewohnheit werden", befürchtet er.

Dies wiederum könnte "die chinesische Politik gegenüber der TCM beeinflussen, so dass der Staat vermehrt die Laborforschung finanziell und politisch unterstützt". Wang warnt: "Versucht man, die holistisch orientierte TCM mit dem Reduktionismus des Westens zu analysieren, käme dies einem Todesurteil gleich!"

Artemisinin hat bis heute Millionen von Menschen das Leben gerettet. Seine Bedeutung kann auch mit einem Nobelpreis kaum aufgewogen werden. Ist Youyou Tu nun also eine Akademikerin oder nicht? Ist die Frage, ob ihre Erfindung ein Medikament der TCM oder der modernen Pharmazie ist, wirklich so wichtig? Professor Wang relativiert: "Wenn es keine Krankheiten mehr gäbe, wäre auch die Frage, wer den Nobelpreis erhält, obsolet."


(Deutsche Überarbeitung: Christian Raaflaub)

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