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Wie ausländische Konkurrenz der Schweizer Uhrenbranche Schub verlieh

"Swiss Made"-Uhren der Einstiegsklasse leiden unter der Konkurrenz durch Smartwatches. Rdb By Dukas / Candid Lang

Die Auswirkungen der Pandemie und ausländische Smartwatches bedrohen die Schweizer Uhrenindustrie. Doch es ist nicht die erste Krise, welche der Schweizer Exportrenner bewältigen muss. Wir blicken zurück.

Dieser Inhalt wurde am 28. Mai 2021 - 09:00 publiziert
Béatrice Koncilja-Sartorius

Die Corona-Pandemie hat viele Wirtschaftszweige getroffen, so auch die Uhrenindustrie. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2020 brach der Schweizer Uhrenumsatz im Ausland um 22 Prozent auf 17 Milliarden Franken ein. Einen solchen Rückgang hat es seit der Finanzkrise von 2008/2009 nicht mehr gegeben.

Gleichzeitig stiegen die Verkäufe von vornehmlich amerikanischen und asiatischen Smartwatches um 20 Prozent, was den Schweizer Herstellern einen weiteren Schlag versetzte.

Anfang 2021 hat sich die Situation ein wenig beruhigt. Deshalb will Pierre-Yves Donzé, Historiker an der Universität Osaka in Japan und Experte für die Uhrenindustrie, an eine rein zyklische Krise glauben.

Donzé präzisiert: "Es ist aber möglich, dass sich damit ein wichtiger Trend der vergangenen 20 Jahre verstärkt, nämlich der Rückgang des Verkaufsvolumens und die Stärkung des Luxussektors."

Die Schweizer Uhrenindustrie hat drei heftige Strukturkrisen hinter sich. Auch wenn die Ergebnisse unterschiedlich sind, haben die Krisen doch eines gemeinsam: die Bedrohung durch eine ausländische Konkurrenz, welche innovativ ist und auf stets wettbewerbsfähigere Geschäftsmodelle setzt. Es lohnt sich deshalb ein Blick in die Vergangenheit.

"Schweizer Uhrmacher, wacht auf!"

In den Werkstätten der Waltham Watch Company, Massachusetts, 1887. Classic Image / Alamy Stock Photo

1870 dominierte die Schweiz die Uhrenbranche: 70 Prozent der weltweit hergestellten Uhren stammten aus der Alpenrepublik. Doch während der Weltausstellung in Philadelphia 1876 präsentierte die amerikanische Waltham Watch Company die erste vollautomatische Maschine zur Herstellung von Präzisionsschrauben und führte zudem eine Uhrenproduktions-Linie vor. Dieses revolutionäre Konzept ermöglichte die Herstellung präziser und austauschbarer Werkteile.

Jacques David, damals Ingenieur bei Longines und Mitglied der Schweizer Delegation, war schockiert und versuchte nach seiner Rückkehr, seine Schweizer Kollegen mit einem eindringlichen Bericht aufzurütteln: "Schweizer Uhrmacher, wacht auf!", schrieb er.

"Standardisierung, maschinelle Bearbeitung von Bauteilen, Massenproduktion von Billiguhren, vertikale Konzentration: Ab 1890 entthronen die Amerikaner Frankreich und werden zur zweiten Uhrmachernation", prophezeite er.

Der Einbruch kam schnell: Die Uhrenexporte in den Hauptmarkt USA fielen von 18,3 Millionen Franken im Jahr 1872 auf 3,5 Millionen im Jahr 1877. Ein amerikanischer Arbeiter produzierte 150 Uhren pro Jahr, sein Schweizer Kollege dagegen nur 40.

David machte sich daran, die Produktion zu modernisieren. Im Berner JuraExterner Link entstanden die ersten grossen Fabriken, die Hunderte von ungelernten Arbeitern beschäftigten. Von nun an gab es eine Koexistenz zwischen mechanisierter Fabrikproduktion von eher günstigen Uhren und der Herstellung von Luxus- und Hochpräzisionsuhren.

Spätviktorianische Waltham-Taschenuhr. Rachel K. Turner / Alamy Stock Photo

Bedrohung durch "Chablonnage"

Bei Ende des Ersten Weltkriegs litt die Schweizer Uhrenindustrie, die sich während des Kriegs auf die Rüstungsindustrie umgestellt hatte, unter einer überdimensionierten industriellen Basis und einem kontinuierlichen Preisverfall.

In Pforzheim in Deutschland entstand 1922 dank der so genannten Chablonnage eine Uhrenindustrie aus dem Nichts. Diese Praxis, die darin bestand, Uhrenwerk-Bestandteile ins Ausland zu verkaufen, um diese dort unter Umgehung der auf Fertigprodukten erhobenen Zölle zusammenzusetzen, beunruhigte die Schweizer Patrons.

Die Konkurrenz aus den USA war noch immer gross, ebenso wie der Industrietransfer aus der Schweiz. 1912 eröffnete die US-Firma Bulova in Biel ihre erste Uhrenteile-Fabrik.

Um der Herstellung von Uhren im Ausland unter dem Schweizer Label entgegenzuwirken, wurde 1926 das erste Kartell – Ébauches SAExterner Link – gegründet. Produktion, Preisgestaltung und Exportpolitik waren nun Gegenstand von Vereinbarungen.

Die Weltwirtschafts-Krise verstärkte den Protektionismus weiter: 1931 wurde die Allgemeine Gesellschaft der Schweizerischen Uhrenindustrie (ASUAG) gegründet. Diese Superholding führte einen Wirtschaftskrieg gegen abweichende Unternehmen.

Eine Uhrmacherin bei der Arbeit in der Thorens-Fabrik in Sainte-Croix, Kanton Waadt, 1938. Fotostiftung Schweiz / Theo Frey

Der Bund griff mit Dekreten ein und legalisierte faktisch das Kartell: Das Uhrenstatut führte 1934 eine Ausfuhr- und Fabrikationsbewilligung ein, und 1936 wurden die Tarife der Arbeitgeber-Organisationen für bindend erklärt.

"Der Interventionismus ermöglichte die Befriedung der Beziehungen zwischen Arbeiter- und Arbeitgeber-Verbänden in der Industrie. Jeder fürchtete die Bedrohung durch eine bolschewistische Revolution oder den Totalitarismus", sagt der Historiker Johann Boillat.

Der Quarz-Mythos

Auf dem Höhepunkt der "Glorreichen Dreissig", der drei Jahrzehnte des wirtschaftlichen Aufschwungs von 1945 bis 1975, führte der verschärfte internationale Wettbewerb zur Liberalisierung der Uhrenbranche. Das Schweizer Uhrenstatut wurde 1971 aufgegeben.

Ende der 1960er-Jahre hatte die Branche 90'000 Beschäftigte und 1500 Unternehmen, 1985 waren es noch 30'000 Beschäftigte und 500 bis 600 Unternehmen. Die Strukturkrise von 1975-1985 wurde auf die Konkurrenz durch Quarz zurückgeführt, einer Schweizer Innovation, die sich die Japaner zunutze machen konnten.

Das sei aber ein "Mythos", wie Historiker Donzé erklärt. Seine Forschungen haben gezeigt, dass die Quarz-Revolution nicht die Ursache der Krise war, sondern lediglich deren Auswirkungen verstärkte.

Das Problem war in erster Linie das Produktionssystem, das durch das Uhrenstatut eingefroren wurde. Und damit das Fortbestehen des dualen Modells: nicht-rationalisierte Produktion von Qualitätsuhren (mit Ausnahme von Rolex) versus Massenproduktion (zum Beispiel Roskopf-Uhren). Der Konkurrent Seiko kombinierte jedoch diese beiden Modi, um hochwertige Zeitmesser in Serie zu bringen, die präziser und preiswerter waren.

Afp / Yoshikazu Tsuno

Auch der monetäre Faktor benachteiligte die Schweiz. Mit der Aufhebung des Systems fester Wechselkurse im Jahr 1973 verlor der Franken gegenüber dem Dollar. "Swiss Made"-Uhren wurden in ihrem Hauptmarkt unerschwinglich. Von 83 Prozent im Jahr 1970 fiel der Anteil der Schweizer Importe in die USA auf weniger als 59 Prozent im Jahr 1975.

Die Rückeroberung

Die Schweiz glaubte nicht mehr an mechanische Uhren, und Omega hatte Mühe, seine elektronischen Uhren zu verkaufen. Die beiden marktbeherrschenden Holdinggesellschaften ASUAG und SSIH standen am Rande des Konkurses.

Die zur Rettung gerufenen Grossbanken UBS und SBS beauftragten Nicolas Hayek, die Dinge zum Guten zu wenden. Dessen Plan war es, alle Uhrenfirmen unter einem Dach zu vereinen. Das Bankenkonsortium sollte die Rettung finanzieren.

Aus dem Zusammenschluss von ASUAG und SSIH entstand die Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie (SMH), der Vorläufer der Swatch Group. Hayek übernahm mit einer Gruppe von Investoren die Mehrheit des Kapitals.

Nach dem Plaza-Abkommen von 1985Externer Link wurde der japanische Yen gegenüber dem US-Dollar stärker und verlor seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Franken. Zu dieser Zeit begann Swatch seinen kometenhaften Aufstieg auf den Märkten.

(Übertragung aus dem Französischen: Christoph Kummer)


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