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Wilhelm Tell: "Ich bin ein Grenzgänger"

Wilhelm Tell im swissinfo-Interview.

(swissinfo.ch)

Zum 1. August hat der Schweizer Nationalheld swissinfo ein Exklusivinterview gewährt.

Wilhelm Tell erzählt von den Jahren, in denen er aus der Geschichte verschwunden war und wirft einen Blick auf die Schweiz von heute.

Es ist früher Morgen, als uns Wilhelm Tell in einem Luxussanatorium empfängt. Er hat eine kleine Arbeit gefunden und lebt mit seiner afrikanischen Freundin hier. Aus Rücksicht auf sein Privatleben geben wir den genauen Ort nicht bekannt.

Seine Kleidung ist etwas abgetragen, sein Gesicht geprägt von sieben Jahrhunderten Geschichte, doch sein Blick ist klar. Wir lesen in ihm sowohl Desillusionierung wie auch Hoffnung.

swissinfo: Im Jahr 1307 hatten Sie drei anstrengende Tage. Welche Erinnerung haben Sie an dieses berühmte Jahr?

Wilhelm Tell: Diese Tage sind für mich jedenfalls nicht zu einer Zwangsvorstellung geworden. Es sind die anderen, die ein grosses Getue darum gemacht haben.

Ich habe nur meine Arbeit getan. Meine Taten war gar nicht so heldenhaft.

swissinfo: Immerhin, der Apfelschuss war schon etwas Besonderes. Was wurde übrigens aus Ihrem Sohn?

W.T.: Er ist davon gekommen! Im wörtlichen Sinn. Einige Jahre nach den erwähnten Ereignissen, als man die erste Statue zu meinen Ehren errichtete, ermutigte ich meinen Sohn, die Welt zu erkunden.

Er ist wie ich ein sehr guter Bootsfahrer. Er ging aufs Meer und auf Reisen. Das wurde zu seiner Leidenschaft.

Manchmal kam er mich besuchen … Ohne meinen Sohn hätte ich es wohl nicht ertragen, in diesem einengenden 'Schweiztum’ eingeschlossen zu sein. Er half mir, zu träumen, allem ein wenig zu entfliehen.

swissinfo: Nach den Taten, die Sie zur Legende werden liessen, sind Sie vollständig aus der Geschichte verschwunden. Was haben Sie in all diesen Jahren gemacht?

W.T.: Ich habe die Schweizerinnen und Schweizer beobachtet. Und es faszinierte mich zu sehen, wie sie mich manipulierten, kolonisierten, an mir herum kneteten und bastelten...

Was ich am spannendsten fand, waren die vielen Masken, die man mir verpasst hat.

swissinfo: Sie sind politisch von der Linken wie von der Rechten, von der Wirtschaft als Marketingobjekt, als Gütesiegel vereinnahmt worden. Sind Sie ein wenig opportunistisch?

W.T.: Nein, die Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes sind es. Sie haben sich den Helden gebastelt, den sie brauchten, je nach den Zeiten, durch die sie gingen, nach den Verwirrungen oder den Hoffnungen des jeweiligen Augenblicks.

Ich bin kein Opportunist. Ich bin ein einfacher Mann aus den Bergen, der versuchte, seine Pflicht zu erfüllen. Das ist alles.

Stellen Sie sich vor, der Tell, mit dem Sie reden, hat unter anderem als Concierge in einem grossen Unternehmen und später in einer Reparaturwerkstatt der Swissair am Flughafen Zürich gearbeitet.

swissinfo: Wie sehen Sie nach all diesen Erfahrungen die Schweiz von heute?

W.T.: In den Jahren, in denen ich immer wieder kleine Arbeiten verrichtete, war ich oft verzweifelt. Ich sah, dass es diesem Land nicht gelang, seine Erinnerungen zu verarbeiten, diese schwierigen Erinnerungen an den letzten Krieg, nach dem man sich in ein falsches Heldentum gesteigert hatte.

Und dann sah ich, der Armbrustschütze, wie dieses Qualitätssymbol verraten wurde, ich sah die Inkompetenz der Führungen der grössten Unternehmen. Und schliesslich sah ich, wie die Schweiz den Weg in die Finanz einschlug.

Heute sage ich Ihnen: Wenn ich es gewagt hätte, wäre ich dem Zeitgeist gefolgt - und hätte eine Psychotherapie gemacht!

swissinfo: Das ist eine düstere Feststellung. Hatten Sie überhaupt keine Freude an den letzten Jahrzehnten?

W.T.: Doch, 2002 machte mich das Gebiet der drei Seen glücklich. Die Landesausstellung...

swissinfo: Haben Sie sie besucht?

W.T.: Ich gestehe Ihnen hier etwas: Ich war täglich dort, natürlich inkognito. Ich war sehr glücklich. Ich, der von einem See kommt, konnte einen solchen wieder hautnah erleben.

Vor allem sah ich endlich eine Schweiz, die nicht an Mythen herumbastelte, die so alt, verbraucht und müde sind wie ich. Eine erwachsen gewordene, grosszügige, mutige Schweiz, die ein ausserordentliches Ereignis wagte. Natürlich wurde es von der politischen Kaste heftig abgelehnt, die hat überhaupt nicht verstanden, worum es ging.

Nach diesen glücklichen Monaten kam ich schnell wieder auf den Boden zurück. In diesem Jahr ist die Fremdenfeindlichkeit wieder auferstanden. Sagen Sie, was ist mit diesem Land los? Woher kommt diese krankhafte Angst vor den Fremden? Warum schottet es sich so ab?

swissinfo: Als die Rechtsbürgerlichen ans Ruder kamen, kam es zu einer politischen Wende.

W.T.: Das macht mich natürlich am traurigsten: Dass die kleinen Vögte, die an die Macht kamen und die sich auf mich berufen, nur eines im Kopf haben: Geld, Geld, Geld.

Diese Schweiz ist besessen von Bereicherung und Abschottung, bereit, alles kaputt zu machen, was ihren Föderalismus ausmachte... Ich, Wilhelm Tell, ertrage das nicht mehr.

Ich muss Ihnen sagen, dass mich die heutige Schweiz etwas zur Verzweiflung bringt.

swissinfo: Wie Sie wissen, wird dieses Interview am 1. August publiziert. Hat dieses Datum für Sie noch eine Bedeutung?

W.T.: Meine afrikanische Freundin und ich haben beschlossen, in ein kleines Dorf in der Romandie zu gehen.

Wir machen uns einen fröhlichen Abend, trinken ein Glas Wein.

Aber eigentlich finde ich, dass der 1. August unbedingt wieder belebt werden sollte.

swissinfo: Wilhelm Tell, eine letzte Frage: Was machen Sie in nächster Zukunft? Haben Sie Projekte?

W.T.: Da dies das letzte Interview ist, das ich gebe, erhalten Sie von mir einen Scoop: Ich verziehe mich von hier, ich verreise, fliehe aus der Schweiz.

Vorher besuche ich noch das Rütli. Ich und meine afrikanische Freundin haben Karten für das Theaterstück erhalten, das dort zu meinen Ehren gegeben wird.

Dann werde ich wieder über den Grenzpass gehen. Denn ich bin ein Grenzgänger, ein Mischling, ich komme von jenseits der Grenze. In einigen Wochen überquere ich die Berge Richtung Italien.

Dort besuche ich die Nachkommen der Mutter meines Sohnes – meiner damaligen Geliebten.

Ich treffe meine Urenkelkinder, die in Brüssel bei der Europäischen Union und in New York bei der UNO arbeiten.

Anschliessend besuche ich den heutigen Wilhelm Tell, den wirklichen Freiheitshelden - Nelson Mandela.

Und schliesslich werde ich mich in den Bergen verlieren und auflösen. Wissen Sie, die Mythen müssen sterben, damit die Menschen erwachsen werden.

swissinfo-Interview: Alexandra Richard
In der Rolle von Wilhelm Tell: Der Ethnologe und Soziologe Bernard Crettaz

Fakten

Bernard Crettaz, der hier Tell seine Stimme leiht, stammt aus den Walliser Bergen, wo er 1938 geboren wurde.
Von 1975 bis 2003 war er Konservator im Ethnographischen Museum der Stadt Genf (Abteilung Europa).

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